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  • DerFranky

332 Beiträge seit 06.09.2008

Komplexe Systemstörung

Als Betroffener, der weiterhin vorhat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht auf externe Hilfen zu verlassen, habe ich mir die folgende Theorie zurecht gelegt.

In anderen Postings hier wurde schon beschrieben, dass es "Die Depression" als klar definierte Störung mit singulärem Auslöser so nicht gibt. Stattdessen ist das Gehirn ein hochkomplexes System, das durch viele Ursachen und viele verschiedenen Weisen aus dem Gleichgewicht geraten kann. Natürlich kann die Biologie dabei eine Rolle spielen, indem man beispielsweise von der Hardware her nicht gut darauf ausgelegt ist, auf Stresssituationen zu reagieren. Andererseits kann eine Stresssituation aber auch so groß oder so 'passig' sein, dass auch bei an sich unkritischen biologischen Voraussetzungen Depressionssymptome dabei heraus kommen. Oder man wurde durch seine Erziehung und Erfahrung darauf konditioniert, auf Stress entsprechend zu reagieren. Oder eine Mischung aus allem. Oder etwas ganz anderes. Es kann sogar sein, dass man beispielsweise Stress gar nicht wahrnimmt, aber trotzdem eine kleine, stetige und leider genau in eine Lücke passende Belastung an der Stabilität des eigenen Denkapparats rüttelt.

Allen Depressionsmechanismen gemeinsam ist, dass das System Gehirn 'kippt', also sein stabiles Gleichgewicht verlässt. Dabei können eine große Bandbreite von Symptomen auftreten. Angefangen mit der bekannten Niedergeschlagenheit, über Special-Effects im Kopf bis hin zu psychosomatischen Symptomen, also wirklich körperlichen Effekten. Die Behandlung in einer Klinik läuft dann auch sehr nach dem Try-And-Error-System. Je nach Erfahrung der behandelnden Ärzte werden Medikamente, die vielleicht etwas bringen könnten, verschrieben und dann wird abgewartet, was passiert. Zusätzlich werden die Patienten ruhig gestellt und beschäftigt, damit das Gehirn die Möglichkeit bekommt, sich wieder einzupendeln. Man kann den Ärzten dabei nicht vorwerfen, dass sie ihre Arbeit nicht gut machen, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt und die Einflußmöglichkeit sehr grob. Anschießend wird versucht, die Patienten im Alltag zu stabilisieren, damit das nicht wieder passiert.

Was ich jetzt interessant finde: Es gibt Studien, die behaupten, dass (a) die Behandlung mit Medikamenten, (b) die Behandlung mit Placebos und (c) reine Hirn-Software-Techniken wie Psychotherapie und Meditation ungefähr die gleiche, messbare Auswirkung auf die Gehirnfunktion haben. Also Bereiche aktivieren oder deaktivieren, die bei Depressionen eine Rolle zu spielen scheinen. Das spricht für mich sehr für die Viele-Ursachen-Theorie und ist eigentlich auch eine gute Nachricht, da man oft tatsächlich etwas beeinflussen kann.

Wir Nerds wissen ja, wie mächtig Software ist. Außerdem wissen wir, dass man oft lieber selber in den Configs herumwühlt oder den Debugger dranhängt, als auf die Hilfe eines Supporters zu warten. Das funktioniert auch bei Depressionen - je nach Schwere natürlich besser oder schlechter. Ich beispielsweise meditiere viel (Softwarelösung) und der Effekt ist enorm. Daher kann ich auf Medikamente verzichten. Glück gehabt. Aber von einem Arzt wird man sicher nicht auf diesen Weg gebracht werden.

Letztendlich muss wohl jeder Betroffene selbst herausfinden, was sein System aus dem Gleichgewicht bringt und welche Maßnahmen er hat, um etwas daran zu beeinflussen.

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