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Dieser Artikel liefert selbst eine Verengung der Ursachenforschung

Dass Befinden und Verhalten des Menschen auf mehreren Ebenen gleichzeitig untersucht werden kann und sollte, ist ja kein neuer Gedanke. Der Ethologe Tinbergen hat dazu beispielsweise vier Fragen formuliert, nämlich die nach den Verursachungen, der Ontogenese, dem Anpassungswert bzw. Nutzen und der Phyologenese.

Bei den Verursachungen, den sogenannten proximaten Ursachen, sind auch wiederum chemische, physiologische, neuroethologische, psychische und soziale Ebenen zu unterscheiden. Jede dieser Untersuchungsebenen hat ihre Berechtigung.

Betrachtet man z.B. Stress, dann stehen für einen Medikamentenhersteller chemische und physiologische Korrelate, für einen Biologen neuroethologische Aspekte, für einen Therapeuten psychische und für einen Unternehmer oder Politiker soziale Aspekte im Fokus.

Der in der Psychologie neuerdings feststellbare Fokus auf das Gehirn hat m.E. wenig mit der neoliberalen Ideologie zu tun, sondern ist vor allem einer reduktionistischen und mechanistischen Wissenschaftsvorstellung geschuldet. Nach aktuell allgemein akzeptierter Vorstellung liegen ja jedem Empfinden und Verhalten letztlich physiologische Vorgänge zugrunde. Jeder Wahrnehmungsvorgang, jeder Denkvorgang und jede Handlung hat danach ein physiologisches Korrelat. Es scheint also naheliegend, Verhalten, Denken und Wahrnehmen auch direkt auf dieser innerorganismischen Ebene zu untersuchen, denn wenn man die Vorgänge im Körper komplett verstanden hätte, dann sollte es ja möglich sein - wie bei jedem Mechanismus - sein Verhalten komplett durch Prozesse innerhalb des Systems zu beschreiben. Nachdem neue technische Möglichkeiten (z.B. PET, fMRT) zur direkten Beobachtung von Vorgängen im Nervensystem bei lebenden Organismus vorlagen, glaubten viele, ein Zugang auf dieser Ebene sei machbar.

Das Problem ist jedoch, dass eine Verengung auf eine solche Beschreibung - selbst wenn sie gelänge - wenig erhellend und nützlich wäre. Einerseits weil sie viel zu komplex wäre (wir beschreiben die physikalische Umwelt ja auch nicht auf der Ebene der Quantentheorie), andererseits aber auch weil die oben genannten anderen Fragen ausgeklammert würden. Das wäre u.a. auch unter praktischen Gesichtspunkten nicht wünschenswert, weil der Organismus nur sehr begrenzt verändert werden kann, während sowohl hinsichtlich kognitiver Zustände (das Wissen und Können von Personen) und äußeren Bedingungen (Zustände in der Umwelt) gestaltend eingegriffen werden kann.

Welche Untersuchungsebene angemessen ist, hängt von der Fragestellung ab. Hier sollte man kein Entweder-Oder aufmachen. Sinnvoll wäre es allerdings, hinsichtlich der Verteilung der Mittel für die jeweiligen Untersuchungsansätze Vernunft walten zu lassen. Die im Artikel angesprochenen Projekte, die ja trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze alle mit Forschungsgeldern bedacht wurden - belegen ja, dass dies durchaus geschieht.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (05.10.2016 09:06).

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