Avatar von Poly Glot
  • Poly Glot

mehr als 1000 Beiträge seit 15.02.2005

Zur Feindschaft zwischen den beiden Staaten trägt zudem bei, dass [...]

Da ich letztes Jahr einige Zeit in Azerbaycan war, würde ich da gerne
noch ein paar Informationen beisteuern. Der Haß der Azeri auf die
Armenier hat viele Wurzeln (was ihn natürlich nicht weniger sinnlos
macht).

Das um die Jahrhundertwende noch ziemlich gemischte Land ist heute
erstaunlich gleichförmig (es gibt viele winzige Minderheiten, die
auch gut behandelt werden, die aber den Azeri als Staatsvolk keine
Konkurrenz machen). Der erste Schritt dazu kam mit den
März/Aprilmassakern 1918, als die neue kommunistische Junta mit
armenischer Hilfe einen angeblichen Aufstand der Muslime
niederkämpfte. Die Folge waren drei Tage lang ungesteuerte Gemetzel
(gut belegt) und angeblich 20000 Tote allein in Baki. Angebliche
Photos dieser Ereignisse gehören zum Nationalen Kulturgut und werden
in Museen etc. gezeigt. Wir, die Azeri sind die Opfer, so lautet die
allgemein geglaubte Message.

Aber im September 1918 hatten die Moslems mit türkischer Hilfe es in
der Hand, den Spieß umzudrehen, mit ähnlichen Opferzahlen. Keine
Museen, keine Photos, kein Erinnern.

Kurz darauf wurden Azerbaycan und Armenien in die SU einverleibt, und
Stalin zog die Grenzen zwischen den Sowjetrepubliken so, daß an eine
friedliche Auflösung nicht gedacht werden darf. Das hat dann in den
Neunzigern Früchte getragen, weil die in Azerbaycan liegende Region
Nagorno-Qarabag überwiegend christlich besiedelt war und die dortigen
Einwohner sich ernsthaft für kulturelle und ethnische Armenier
hielten. Die Azeri sehen es anders, das sind natürlich christliche
Azerbaycaner, und als solche gehören sie in die Azerbaycan
Respublikasi. Fairerweise muß man dazu sagen, daß Christen in
Azerbaycan kein Problem haben, solange sie nur keine Armenier sind
(Vodka trinken sie ja alle).

Der Krieg zog sich ein paar Jahre dahin und war ziemlich grausam; daß
in Xocali ein paar hundert zivile Flüchtlinge von
armenischen/qarabagischen Milizen wie die Hasen abgeknallt wurden,
ist unstrittig und läßt sich im ganzen Land auf schaurigen Mahnmälern
nachlesen. Daß die Azeri umgekehrt die Hauptstadt Stepanakert ein
Jahr lang täglich wahllos mit Granaten beschossen haben, geht dagegen
gerne einmal unter. Der Haß sitzt verdammt tief, und die
hunderttausende Flüchtlinge (Azeri aus Qarabag und Armenien, Armenier
aus allen Teilen Azerbaycans) auf beiden Seiten machen es nicht
besser.

Mit dem Mord an den Armeniern im osmanischen Reich haben die Azeri
relativ wenig zu tun, aber der Genozid wird in Azerbaycan noch
vehementer als in der Türkei geleugnet. Mittlerweile versucht man
sogar zu zeigen, daß es in Azerbaycan (inclusive Nagorno-Qarabag)
niemals merkliche Mengen Armenier gegeben hat, und alles, was die
Archäologen an Christlichem finden, wird den Albaniern in die Schuhe
gestorben, die aber nach Meinung der Armenier seit tausend Jahren
ausgestorben sind bzw. in den Armeniern aufgegangen sind. Die
Archäologen machen fleißig mit bei dem Kampf um die historische
Deutung, sieht man auch auf Wikipedia, zum Beispiel bei der
albanischen/armenischen Kirche von Kis (die Diskussionsseite ist das
Spannendste).

Viel verfahrener kann ein Karren nicht sein...

P.S: Welches e umgedreht gehört, welches I keinen Punkt haben sollte,
und welche Buchstaben sonst noch nach diakritischen Zeichen schreien,
muß der Leser leider selbst wissen, da das Forum nur Windows-1252
mag. Und jetzt schikaniert mich das Ding bereits zum Dritten mal,
moniert „unzulässige Zeichen“ und sagt mir nicht, wo die zu finden
sind.
Bewerten
- +