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537 Beiträge seit 02.05.2008

Glaukon&Sokrates

'Nichts neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von
dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das
gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.'
[Ekklesiastes]

Wie üblich hat der Prediger recht. Schon vor 2300 Jahre hat sich Herr
Dr. Sokrates über den Überwachungsstaat so seine Gedanken gemacht.
Der Hirte Gyges findet einen goldenen Ring, mit dem er sich
unsichtbar mache kann und stellt daraufhin allerlei Unsinn an, von
Diebstahl über Vergewaltigung bis Königsmord. Sokrates führt an
diesem Beispiel den Diskurs mit Glaukon, und fragt, warum halten wir
eigentlich soziale Standards ein? Der Wegfall der sozialen Kontrolle
durch die Unsichtbarkeit zeigt für ihn, das soziale Standards nur
Äußerlichkeiten sind, wenn es keine Möglichkeit der
gesellschaftlichen Sanktion mehr gibt. Wo der Einzelne nicht mehr im
Blick der Gesellschaft steht, löst sich das Soziale auf. 

Ich denke, die umgekehrte Grundsituation erleben wir heute. Soziale
Bindungen oder innere Halt durch gefestigte moralische Überzeugungen
wurden den letzten 40 Jahre durch die die üblichen Verdächtigen und
ihrem falsch verstanden Freiheitsbegriff in die Tonne getreten und
heute stehen wir vor den Trümmern unserer Gesellschaft. Wir kommen ja
nicht aus der großen Freiheit und marschieren jetzt in den
Überwachungsstaat, sondern wir haben uns aus einer Gesellschaft mit
den üblichen und normalen Bindungen&Beobachtungen zu sozialen Monaden
entwickelt und halten uns in unseren Neurosen inzwischen nur noch
dann für 'frei', wenn es überhaupt keine Möglichkeit der sozialen
Kontrolle mehr gibt. 

Mit den Folgen dieses Freiheitsbegriffes wollen wir natürlich auch
nicht leben. Der Herr Autor diskutiert zwar in seiner schönen Eristik
die Frage nach dem Verhältnis von privater Gewalt vs. Grundrechte
sehr geschickt, aber das nützt ihm natürlich nix, wenn ihm im Osten
der Schädel gespalten wird, weil er aus der Sicht der dortigen
Aborigines zu wenig Teutonisch aussieht. Er kann dann vielleicht mit
dem Triumph in's Koma sinken, dass seine Grundrechte gewahrt wurden,
aber die meisten Menschen sehen das vielleicht a bisserl
realistischer. Auf deren Agenda stehen abstrakte Grundrechte irgendwo
auf Platz 45, wenn offensichtlich ist, dass das Soziale selbst gerade
zerfällt.

Ohne soziale Kontrolle gibt es nämlich keine Gesellschaft. Das ist
evident. Dort, wo diese Kontrolle zerfällt, entsteht nicht die
große&tolle Freiheit, von dem die Freiheitskämpfer hier alle träumen,
sondern nur neue, jetzt aber gesetzlose Machtverhältnisse. Die
Legitimität des Staates besteht aber nun darin, Gesetzlosigkeit zu
verhindern. Das ist letzten Endes der Zweck des Staates. Und dazu hat
der Staat meiner Meinung nach sogar die Pflicht, Mittel, die
gesetzlich zulässig sind, auch einzusetzen.

Wir haben nach Dekonstruktion der angeblich obsoleten Moral zur
beliebigen&willkürlichen Ethik nämlich das moralisch richtige Handeln
aus uns selbst heraus verlernt. Und allein aus Vernunfteinsicht 
handelt der Einzelne niemals moralisch richtig, sondern gierig,
selbstbezogen&antisozial. Eine Gesellschaft ohne Moral endet im
Überwachungsstaat und Gulag und da kann man noch so viele schlaue
Analysen dagegen schreiben.

Das Problem liegt nämlich nicht in der intellektuellen Reflexion über
irgendwelche halbverstanden und aus dem Zusammenhang gerissene Sätze,
sondern im Zusammenbruch der traditionellen gesellschaftlichen
Kontrolle. Damit war mal vor ganz langer Zeit ein emanzipatorischer
Impetus verbunden, der bis heute im Zusammenhang mit  'Freiheit'
rezipiert wird, aber in Wahrheit hat das ganze Projekt in die
größtmögliche Unfreiheit geführt. Und daran hat nicht Schäuble&Co.
Schuld, sondern das ist die dialektische Folge unseres säkularen Weg
in die Moderne. Alle atheistischen Staaten haben früher oder später
im Gulag geendet und wer gestern noch Gott in den Abfalleimer der
überflüssigen Ideen geworfen hat, steht heute schon vor der staatlich
gezwungenen Entscheidung für das richtige Handeln. Wem die Moral
irgendwo abhanden gekommen ist, dem wird sie halt vom Papa Staat
eingebläut bekommen.

Sokrates hat übrings schwerste Bedenken gegen den goldenen Ring des
Gyges. Vor allem war ihm klar, dass Menschen moralisch so
krumm&schief sind, dass der Wegfall der sozialen Kontrolle nix Gutes
bringen kann. Ohne das Korrektiv durch das Kollektiv stehen wir im
sozialen Nichts. Und da möchte vermutlich auch der Herr Autor nicht
leben. Und auch nicht die ganzen Freiheitskämpfer hier im Forum.
Freiheit ja, aber nur wenn sie in der größtmöglichen sozialen
Sicherheit&Geborgenheit stattfindet, das funktioniert so nicht. 

Im übrigen sind wir auch nicht dazu auf der Welt, um 'frei' zu sein
und um das zu tun, was wir wollen, sondern um das Richtige zu tun,
d.h. das zu tun, was wir sollen. Und da hakt es bei der Analyse von
Herrn Lohmann ganz gewaltig. Sein Freiheitsbegriff ist nämlich rein
negativ, also 'frei von', aber wozu das ganze dann gut sein soll,
habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden. Seine Grundrecht auf
Datenschutz ist ein absoluter Wert an sich, der mit keinem anderen
Recht kollidieren darf und wo es doch geschieht, wie bei der
gesetzlosen Gewalt, steht Datenschutz über alle anderen Rechte,
vermutlich sogar über dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Abgesehen davon, dass dies grundfalsch ist, stellt er sich mit
solchen Überzeugungen politisch in's Abseits. Datenschützer mit
solchen extremen Grundhaltungen sind die lebende Antiwerbung für ihre
Ideen. Bei abstrakten Überlegungen mag das ja noch angehen, aber die
meisten Menschen leben in der Realität und da geht es eben um
Abwägungen&Kompromisse. Nix für ungut.

bwv232
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