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  • demon driver

mehr als 1000 Beiträge seit 25.02.2000

Das naive Märchen, dass Journalismus unparteiisch sein sollte oder nur könnte

In einem Konflikt zwischen unterschiedlich Mächtigen bedeutet ein Journalismus, der "unparteiisch" zu sein trachtet, indem er beiden Parteien gleichermaßen Gelegenheit gibt, ihre Propaganda zu verbreiten, nichts anderes als gezielt und systematisch den Mächtigeren zu unterstützen.

Es bleibt auch schleierhaft, wie man die "Idee" überhaupt als Tugend ansehen kann, nach der es hieß, ein Journalist "sollte sich nicht mit einer Sache solidarisieren, sondern berichten". Ist es wirklich "guter" Journalismus, zwei Seiten eines Konflikts defaultmäßig und ohne Ansehen ihres gesellschaftlichen und sozialen Kontexts und der Auswirkungen ihrer verschiedenen Ansätze und Ziele auf Menschen ernsthaft als gleichwertig anzusehen und entsprechend zu berichten? Nein! Schon allein weil eine solche vermeintliche Nicht-Positionierung nichts anderes ist als eine faktische Unterstützung derer, die ohnehin aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse am längeren propagandistischen Hebel sitzen, und somit tatsächlich alles andere als nichtparteiisch.

Hinzukommt, dass "die Medien" ohnehin fast ausschließlich eine Privatveranstaltung der Mächtigen sind, denn denen gehören sie. Selbst die sich kritisch Gebenden unter den "Qualitätsmedien" betreiben in der Auswahl der Themen und der Art der Berichterstattung tendenziell Propaganda für die Mächtigen, d.h. das Kapital und seine Statthalter in den Regierungen.

Journalisten, die dann auch noch allen Ernstes sowas wie einen Ehrenkodex darin sehen, eben nicht gegen diese Art von Massen-Tendenzjournalismus anzuschreiben und nicht Partei zu ergreifen* für die Nichtbesitzenden und die Schwächeren in den Verteilungskämpfen der kapitalistischen Mangelverwaltung innerhalb eines nie gekannten weltweiten Überflusses an objektiven Wohlstandsvoraussetzungen in Form von Ressourcen, Produktivitätsniveau und Arbeitskraft, die sind im 21. Jahrhundert ja nun wirklich so überflüssig wie ein Kropf.

* Was nicht heißt, dass jemand lügen soll. Aber sich zu überlegen, wessen Lügen man verbreiten will, das gehört schon noch dazu.

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