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  • Londonman

193 Beiträge seit 11.04.2018

BBC 2 Newsnight Interview mit dem Krankenhauspersonal

BBC hat das Interview auch ins Netz gestellt, es ist unter
https://www.bbc.co.uk/programmes/p068m0rt
abrufbar. Der Bericht dauert rund 18 Minuten, das Schreiben meiner Zusammenfassung hat wesentlich länger gedauert.

Es ist eine typische BBC Newsnight Produktion: sachlich, unaufgeregt und mit den Interviewten im Vordergrund. Dieses sind im wesentlichen die mit der Behandlung beauftragten leitenden Schwestern und Ärzte sowie Vertreter der Krankenhausleitung.

Russland oder der Verdacht das russische Agenten mit der Vergiftung zu tun haben werden in dem Bericht übrigens nicht erwähnt. Es treten auch keine Polizisten oder Politiker auf.

Auch Dr. Stephen Davies, der Leserbriefschreiber tritt leider nicht auf,
ich hätte ihn gerne gefragt wie er seine damalige Aussage gemeint hat.
Dafür werden interviewt
- Sarah Clark, Senior Sister Intensive Care Unit, war bei der Aufnahme der Skripals mit dabei
- Dr Duncan Murray, Clinical Director for Surgery
- Cara Charles-Barks, Chief Executive Salisbury District Hospital
- Lorna Wilkinson, Director of Nursing
- Dr Stephen Jukes, Intensive Care Consultant
- Dr Christine Blanshard, Medical Director

Im Großen und Ganzen ergibt sich aus den Interviews folgende Zeitlinie.
- am späten Nachmittag des 4. März, ein Sonntag, wurden die Skripals mit Verdacht auf Überdosis mit Opioiden in die Notfallaufnahme eingeliefert, sie brauchten künstliche Beatmung und Herz/Kreislaufunterstützung
- In der Nacht zum Montag den 5. März wird die Identität der Skripals herausgefunden und Sergej als ehemaliger Doppelagent identifiziert.
Am Montag morgen um 6 wird Dr Duncan Murray, Clinical Director for Surgery informiert, die Klinikleitung (Cara Charles-Barks, Chief Executive Salisbury District Hospital) erhält um 7:45 ihr Briefing.
- am Montag den 5. um 10:00 wurde (vermutlich von Public Health England, der zuständigen Gesundheitsbehörde) die Notfallsituation ausgerufen. Damit treten Alarmpläne des Krankenhauses (dediziertes Team, reservierte Räume) und der Behörden (Mediziner, Forensiker + Toxikologen, Polizei, etc.) in Kraft.
Bis zu dem Zeitpunkt war immer noch unklar, mit was die Skripals vergiftet wurden, aber es ist inzwischen klar das es kein Fentanyl oder anderes Opiod war.
Den Skripals geht es schlecht, Atem- und Herz/Kreislaufprobleme, Muskelschwäche bis zur Inkontinenz.
- Dienstag 6. März, nach mehreren Proben und Laboranalysen kommen die Mediziner aufgrund des sehr niedrigen Acetylcholinesterasewerte auf den Verdacht das es sich bei der unbekannten Substanz um ein Organophosphat handelt.
Blut- und andere Proben werden zum DSTL nach Porton Down geschickt.

- Am gleichen Tag wird auch DS Nick Bailey stationär mit Vergiftungserscheinungen aufgenommen, mehrere Personen melden sich mit verschiedenen Symptomen.
Das Krankenhauspersonal ist sehr beunruhigt, weil es zu diesem Zeitpunkt keinen Überblick über die Ursache und das Ausmaß gibt. Es gibt keinen besonderen Schutz für Ärzte und Schwestern, da nicht mit einer chemischen Attacke gerechnet wurde.

- Nicht in diesem BBC Bericht erwähnt wird, daß vermutlich am oder vor dem 7. DSTL die unbekannte Substanz als Novichok identifiziert hat. Die Metropolitan Police gab noch am gleichen Tag eine Pressekonferenz in der erstmals von einem "Nerve Agent" gesprochen wurde.

Das hat zur Folge das auch das Krankenhaus und das Gelände auf Spuren abgesucht wird, ein Polizeiwagen der an der Notfallauffahrt steht wird vom Militär in ABC Schutzausrüstung abtransportiert was vom Pausenraum der Intensivstation von den Schwestern beobachtet wird.

Auf die genaue Behandlung der Skripals wird in dem BBC Bericht nicht detailliert eingegangen. Alle Beteiligten sagen das sie zum Teil Neuland betreten haben, da es bisher keine bekannte Therapie gegen Novichok gab, wohl aber die Behandlung bei der Vergiftung vorn Organophosphaten bekannt ist.

Als Grund für die zurückhaltende Informationen werden der Schutz und die Vertraulichkeit medizinischer Daten genannt. Das ist für mich nachvollziehbar da es sich um den Bericht einer Nachrichtensendung handelt und nicht um eine wissenschaftliche Facharbeit.Ich hoffe trotzdem, daß später darüber berichtet wird.

Alle Interviewten hatten zuerst die Befürchtung das die Skripals nicht überleben würden, waren aber erfreut als nach Wochen die ersten Besserungen auftraten.
Die Ärzte sagen das sie im intensiven Austausch mit Chemiewaffenexperten in UK (vermutlich DSTL) aber auch international (vermutlich OPCW) standen, diese haben auch Vorschläge zur Therapie und zu Tests gemacht. Die Ärzte in Salisbury blieben aber für die Behandlung und die Patienten verantwortlich. Diese Verantwortung nahmen sie so ernst, das sie auf eine Gerichtsentscheidung bestanden bevor das OPCW Blut- und andere Proben entnehmen durfte.

Julia Skripal wurde nach ungefähr drei Wochen aus dem künstlichen Koma geholt und war bald darauf ansprechbar. Damit ergab sich das Dilemma was das Krankenhauspersonal über den Vorfall erzählen darf und was nicht. Um die Ermittlungen nicht zu beeinflussen, wurde nur das absolut Notwendige an Julia und später auch an Sergej weitergegeben, ansonsten aber über das Wetter und Alltagsthemen geredet. Dieses geschah wohl auf Vorschlag der Ermittlungsbehörden, die befürchteten das falsche Erinnerungen in Gesprächen oder Diskussionen entstehen könnten.

Insgesamt fand ich den BBC Bericht gut, sachlich und informativ. Ein paar Dinge waren auch neu, bzw nicht in Detail bekannt: z.B. das es fast zwei Tage gebraucht hat um eine Vergiftung mit einem Organophosphat zu diagnostizieren. DSTL hat dann auch nochmal einen guten Tag gebraucht um die Substanz als Novichok zu identifizieren.

Dr Christine Blanshard, Medical Director, "As a district hospital we can not test directly for a nerve agent, but we can test for the effect of an nerve agent, Porton Down helped us with the testing.

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