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  • Buddenbrook

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Re: Oder doch?

Aristophanes schrieb am 12.08.2017 20:22:

... Was ich hingegen nicht verstehe, ist die weit verbreitete Auffassung, Kunst könnte sich ohne jede Mühe, etwa einer sorgsamen Aufmerksamkeit, seitens des Betrachters für diesen erschließen.

Ich dagegen verstehe das sehr gut. Nicht dass man keine Zeit in Kunstbetrachtung stecken sollte, aber ein Kunstwerk, dass zu seinem Verständnis echte Mühe verlangt, ist zumindest kein großes. Denn mit Mühe entdecke ich auch in einer marmorierten Badezimmerkachel dasselbe, was "große" Kunst in modernen Galerien "transportieren" soll. Und tatsächlich ist die Mühe dabei gar nicht mal so groß. Sollte ich meinen Fliesenproduzenten als großen Künstler rühmen?

Seltsam, ich bin immer davon ausgegangen, dass Gegenwartskunst keinen Wert hat, wenn sie nicht auch in Teilen des Publikums heftigen Protest hervor ruft...

Das genau ist der Kummer mit moderner Kunst. Sie wirft sich selbst Versagen vor, wenn sich niemand an ihr stört. Dabei haben -- insbesondere in der Musik -- viele Neuerer große Bauchschmerzen damit gehabt, Traditionen zu brechen. Sie haben den Tabubruch nicht gewünscht, sondern in Kauf genommen. Ihre Neuerungen haben nicht wegen, sondern trotz des Tabubruchs Anklang gefunden. Für moderne Kunst aber ist der Tabubruch ein Selbstzweck. Das macht sie so langweilig.

Alle ventilieren es, aber wo steht eigentlich geschrieben, dass Kunst provozieren muss? Das ist der schiere Unsinn, und Pädagogen wissen es schon lange. Gerade wenn ich jemandem etwas ganz Neues, Unerhörtes nahebringen will, sollte ich ihn an der Hand nehmen, statt ihm eins vor den Latz zu knallen. Moderne Kunst hat sich auf letzteres versteift und sieht allein darin ihre Legitimation. Wahrscheinlich hat sie damit auch recht, denn sie spürt ihren künstlerischen Mangel schmerzlich.

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