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500 Beiträge seit 21.09.2012

Das ehrliche Interview. "Unsere Anwender definieren die Zukunft"

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c't: Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung – wo wird Firefox in fünf Jahren stehen?
Kaykas-Wolff:

Ein großes Potential besteht darin, keine Aktionäre im Rücken zu haben. Dadurch stehen wir nicht im Zugzwang, in kurzer Zeit kurzfristige Ziele und Zahlen zu erreichen um Gläubigern mit Visionen gerecht zu werden, die langfristig an den Fundamenten unseres Produktes rütteln.
Das viel größere Potential sehen wir aber in unseren Usern. Denn für sie bauen wir letzt endlich die Software. Sie werden bestimmen, wo Firefox in den nächsten 5 Jahren steht. Unsere Aufgabe ist es, im permanenten Dialog diesen Weg zu erfragen und zu bauen.

c't: Und worin besteht die Aufgabe Mozillas?
Kaykas-Wolff:

Wir müssen uns vor Augen führen, das unser gesamtes Handeln letztlich darin besteht, Software für Anwender bauen. Die logische Schlussfolgerung besteht also darin, diese auch anzuhören und ihre Arbeitsweise und Anforderungen strukturiert und nachhaltig zu erarbeiten.

c't: Was glauben Sie, wie sich Browser insgesamt weiterentwickeln werden? Wird es in fünf oder zehn Jahren noch solche Browser wie heute geben?
Kaykas-Wolff:

Wie die Zukunft aussieht, kann ich nicht prophezeien. Das kann niemand. Klar müssen wir ein Auge haben für neue Technologien wie Spracherkennung, augmented reality, künstliche Intelligenz und virtual reality. Doch zuerst sind das alles Technologien, keine Innovationen. Zu einer Innovation werden sie dann, wenn sie mir helfen, eine Aufgabe leichter zu erledigen. Und genau das sehen wir aktuell nicht. Erkenntlich macht sich dies am Mangel der Vermarktung konkreter Anwendungsfälle.

c’t: Sehen Sie keine Gefahr, dass Firefox in Zukunft das Nachsehen hat, weil es eine, wie Sie sagen, Technologie verschlafen hat?
Kaykas-Wolff:

Ganz und gar nicht. Wie eingehend erwähnt, sind wir kein börsennotiertes Unternehmen die irgend jemandem etwas schuldig sind. Zugegebenermaßen sind unsere finanziellen Mittel auch nicht unbegrenzt. Daher investieren wir nicht in Testballoons und Trends, sondern in das Hier und Jetzt.

c't: Auf dem Markt haben wir minimalistische Browser wie Chrome und Edge, die versuchen, hinter den Inhalten zu verschwinden. Auf der anderen Seite steht ein Feature-Monster wie Opera, das besonderen Schwerpunkt auf Design legt. Wofür steht Firefox?
Kaykas-Wolff:

Firefox steht für den Browser, der den Alltag im Internet für viele Anwendergruppen erleichtern soll. Er definieren sich über seine User, nicht über das Design oder Visionen, wie sie früher statuiert und blind verfolgt wurden. Vorrangig decken wir also funktionale Lücken auf und entfernen Komponenten in Rücksprache mit unseren Usern. Denn alles was fehlt ist ärgerlich. Alles was überflüssig ist, ist eine Fehlerquelle.

c't: Wie gehen Sie dabei vor?
Kaykas-Wolff:

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Systemanforderungen und Nutzungsanforderungen. Zum ersten gehören Geschwindigkeit bzw. Performance, Datenschutz und Sicherheit. Darüber brauchen wir nicht reden, denn das ist der erste Teil der Hausaufgabe.
Die zweite Hausaufgabe ist das erfüllen valider Anforderungen. Valide bedeutet, wir erarbeiten Anforderungen aus hunderten Einzelgesprächen mit unseren Anwendern weltweit. Es gibt kein Gremium oder eine Person die entscheidet, welche Funktionalitäten wichtig sind und welche nicht.
Wir haben in den letzten Monaten mit diesem Konzept die verschiedenste Nutzergruppen klar definiert und deren Aufgaben eruiert, die sie mit Firefox bewältigen. Unsere Hausaufgabe ist es, Funktionalitäten abgestimmt für diese Gruppen und Aufgaben mit den gängigsten und bekanntesten UI Komponenten zur verfügung zu stellen. Später folgen Farben und Animationen. Doch das ist die Kür, nicht die Pflicht.

c’t: Das bedeutet, in Zukunft werden wir keine Produkt-Touren mehr sehen, die den Anwendern beim Auffinden und verwenden neuer Funktionen helfen sollen?
Kaykas-Wolff:

Alle Funktionen, die ein Anwender braucht, sind für ihn in dem Moment und in dem Kontext, in dem er sich befindet, zugänglich. Wir wälzen keine Arbeit an unsere Anwender ab, die wir selbst erledigen können. Denn die User sind im Alltag mit ganz anderen Dingen beschäftigt und möchten sich nicht auch noch mit ihrem Browser beschäftigen, sondern diesen verwenden. Sobald etwas erklärungsbedürftig ist, ist es schon mangelhaft.

Kaykas-Wolff:
All das zusammen ist eine ziemlich grundlegende Veränderung und ein gewaltiger Sprung nach vorne. Ich nenne es deshalb die Wiedergeburt von Firefox.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (21.08.2017 09:32).

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