Avatar von Steffen Huber

mehr als 1000 Beiträge seit 12.04.2000

Re: Das eigentlich Problem: Zu teuer

OK, ich bin spät dran...aber vielleicht lesen ja auch noch andere Spätberufene die Kommentare :-)

Crass Spektakel schrieb am 31.05.2014 08:02:

Die ersten ARM-RISC-Computer habe ich noch selbst miterlebt und auch das gehypte Spiel "Lander" später mit der Portierung "Virus" früh vergleichen können (und kurz, ein Amiga500 mit 68000/7Mhz war etwas langsamer, ein Amiga1200 mit 68020/14Mhz war deutlich schneller als der Archimedes).

Diese Beobachtung spiegelt aber in keinster Weise die wahren Performance-Kräfteverhältnisse wider. Laut Aussage von David Braben, der sowohl Zarch (Archimedes) als auch Virus (Atari ST, Amiga) entwickelt hat, musste er bei der 68000er Portierung deutlich mehr tricksen, um überhaupt ein spielbares Ergebnis zu bekommen, während die ARM-Variante künstlich gebremst wurde, um überhaupt spielbar zu sein (es gab später eine Variante, die im WIMP lief, bei der man die Bremsen entfernen konnte - in der Tat unspielbar) - eigentlich sollte das Spiel grafisch nochmal aufwendiger im Rendering werden, aber aus Zeitnot blieb es bei der ursprünglichen Version.

Wer später mal Arcturus oder Aldebaran gesehen hat, weiß, was eigentlich möglich gewesen wäre.

Ebenfalls nicht unberücksichtigt sollte man lassen, dass der ARM2 selber locker mit 16 MHz klar kam, das Problem war die Speicheranbindung, die nicht asynchron laufen konnte, und damals hatte man schlicht keine 60ns-RAMs.

Flott waren sie wirklich aber nicht im Sinne von "hat es noch nie gegeben" sondern "bei gleichem Takt 30-50% schneller.

Das ist natürlich Unfug. Der ARM2 mit 8 MHz war rund 4x schneller als der 68000er mit 8 MHz.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens des ersten Archimedes musste man, um ähnliche CPU-Leistung im Workstation-Bereich zu bekommen, schon bei Sun anklopfen, und dort wurden erheblich höhere Preise aufgerufen.

Das ist sicher eine tolle Leistung aber lange Zeit waren ARM-Lösungen schlicht deutlich teurer als die Konkurrenz. Was bringt mir ein ARM-System das mit einer ARM2-8Mhz etwa zwischen 68000/7Mhz und einem 68020/14Mhz liegt wenn das ARM-System mehr als das 68020-System kostet? Wenn man fürs gleiche Geld eines ARM2-8Mhz/2MB-RAM/keine Harddisk/keine Erweiterungsslots zeitweise einen Amiga 3000 mit 68030/25Mhz, 6MB RAM und 105MB Harddisk bekam?

Vielleicht trügt mich meine Erinnerung, aber zu Zeiten des Amiga 3000 war der Acorn Archimedes A540 das (non-Unix-)Topmodell, und beide lagen preislich sehr ähnlich. Der A540 hatte schon einen 25 MHz ARM3, der sehr viel schneller als der 68030/25 war, die Grundausstattung enthielt eine 100 MB SCSI-Platte und 4 MB RAM.

Was soll denn das für ein System gewesen sein - ARM2-8MHz-2MB RAM-keine Erweiterungsslots? Selbst die kastrierte Homecomputer-Variante A3000, anno 1990 für 2300 DM in der Liste, hatte zwei Erweiterungsslots. Und es wäre mir neu, dass ein Amiga 3000 1990 für 2300 DM zu haben gewesen ist - ich habe eher einen Releasepreis von 6000 DM im Kopf.

Seien wir ehrlich, die Computer hatten Potential aber waren nicht interessant.

Sie waren sicher teuer, aber auch preiswert. Trotzdem natürlich mit Exotenstatus, weil es verhältnismäßig wenig Software für die Kisten gab. Dort, wo die Software vorhanden war (Bildungsbereich, DTP, Videobearbeitung) waren sie auch recht erfolgreich.

Auch die Version mit Unix im ROM konnte man gepflegt in der Pfeife rauchen, praktisch schon am Release-Day hätte man die ROMs schon wieder aktualisieren müssen vor lauter Bugs und das System war schlicht so unvollständig dass es nutzlos war.

Das im Artikel erwähnte RISCiX im ROM hat nie wirklich existiert. Der R140 hatte sein Unix ganz gewöhnlich auf einer (viel zu kleinen und langsamen) MFM-Platte. Erst der R260 war als Unix-Workstation ernst zu nehmen. Das damals dann verfügbare RISCiX 1.2 war aber von sehr guter Qualität und keineswegs "unvollständig" oder "nutzlos". Kann man übrigens heute auf Emulatoren auch genau so selbst nachprüfen.Im Prinzip ist RISCiX ein vollständiges 4.3BSD.

Aber gut, HP hatte genau das gleiche ja auch erst ein paar Jahre vorher mit HP/UX in einem Minimal-Laptop und ROM-Unix probiert und es war ein Graus. Mit meinem recht grosszügig ausgebautem Amiga-Unix (voll AT&T kompatibel) brauchte man zwar eine 50MB Harddisk aber bekam auch ein brauchbares Unix.

Es gab anno 1990 schlicht keinen Amiga, der es leistungsmäßig annähernd mit dem Acorn R260 aufnehmen konnte, und das Amiga-Unix war ganz sicher nicht besser als RISCiX in der damaligen Version.

Aber gut, das haben die Jungs ja letztlich mit der Zerschlagung in Prozessordesignstudio und "alles andere" sehr gut hinbekommen. Der eigentliche Geniestreich war imho weder die Computer noch die Architektur sondern das freie Lizensieren - wen juckt es ob die Konkurrenz pro Chip günstiger oder schneller ist, letztlich ist halt keiner so flexibel und man kommt um ARM nicht herum und man ist billig genug um alles bis runter zu alten embedded Z80-Systemen zu erstetzen und flott genug um alles bis rauf zu Intel Atom zu ersetzen - und dafür alleine haben sie den Erfolg mehr als verdient.

In der Tat war das Lizenzmodell und die "fabless"-Idee der Grund für den durchschlagenden späteren Erfolg von ARM. Und gleichzeitig auch Grund für den Misserfolg von Acorn, denn als ARM abgespalten wurde, wollten die ARM-Kunden halt eine andere Stoßrichtung (klein, billig, stromsparend) als Acorn eigentich gebraucht hätte. 1989 gab es den 25 MHz ARM3 mit Cache, kurze Zeit später die Variante im gut kühlbaren Keramik-Gehäuse die für 36 MHz gut war. Dessen Performance wurde spürbar erst 1996(!) durch den StrongARM übertroffen - 6 Jahre ohne signifikante Steigerung der CPU-Performance bringt einen halt stark ins Hintertreffen.Dazu kam noch die halbherzige Weiterentwicklung von RISC OS, weil man ja auf zig Hochzeiten tanzte (RISC OS-on-microkernel, Galileo, STBs, NCs, RISCiX).

Klar, Acorn hat noch reichlich andere Fehler begangen. Aber das war m.E. ein Kernproblem.

Bewerten
- +
Anzeige