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1 Beitrag seit 18.10.2001

Bericht eines 4.Semesters ...

Hallo !

Ich hab nach drei Semestern mit Wirtschaftsinformatik aufgehört
(typisches Mathe/Infotheorie-Opfer) und mach jetzt
Wirtschaftsingenieurwesen, was mir sehr viel besser gefällt, weil es in
den Vorlesungen deutlich praktischer und anwendungsbezogener ist.

Ich könnte mir jetzt einen Wolf schreiben, weshalb ich konkret
aufgehört habe. Aus einem Uni-internen Diskussionsforum hab ich
allerdings noch den Beitrag eines Bekannten aufgehoben, in dem er die
Problematik ziemlich gut auf den Punkt bringt, weshalb ich seinen
Beitrag hier einfach mal reinkopieren möchte.

"
Zu meiner Person: Ich bin 4. Semester, mache diesen Sommer
hoffentlich mein Vordiplom, habe bisher alle Scheine bestanden und gebe
hier im Rahmen einer Projektgruppe noch ein wenig Java-"Unterricht"...

[...]

Doch nun zudem, wo mir der Schuh drückt. Ich bin vor gar nicht allzu
langer Zeit hier an die Uni gekommen, weil es hieß, daß man hier gut
studieren und dabei vor allem etwas lernen könne... Nur gelernt habe
ich bisher hier verdammt wenig -
viel schlimmer noch, ich habe einiges, was ich vorher konnte
(zufälligerweise im Programmierbereich) wieder verlernt, weil hier an
der Uni viel mehr Wert auf griechische Buchstaben, als auf Praxis
gelegt wird. Ich kann das in Theo.Inf. verstehen und auch Informatik
1/2 fand ich bei Prof. [...] bei weitem nicht so schlimm, wie das viele
behaupten (vor allem konnte er auch mal Studentenprobleme
nachvollziehen), aber wenn ich in Prak.Info. Datenbankabfragen über
irgendwelche Pi- und Sigma-Funktionen mache und der Dozent dann das SQL
total in die Tonne setzt, dann mache ich mir schon Sorgen,[...] Und
dann kann ich auch durch hohe Durchfallquoten die Qualität nicht
halten, denn was bringt es mir, wenn ich nachher zu meinem Chef gehe
und sage "aber an der Uni habe ich einen XXX-Join gelernt und das muß
so gehen..." - nur es geht eben nicht... Dazu sei der Fairness
allerdings angemerkt, daß derjenige, den ich hier kritisiere sonst eine
Veranstaltung gehalten hat, bei der wenigstens auch neuer Stoff kam und
man was gelernt hat, wenn man nachgelesen hat.
Schaue ich mir dagegen alle anderen Veranstaltungen an, so sind bisher
meine Ansprüche meist auch nicht nur bruchstückhaft erfüllt worden:
Betriebliche Anwendungssysteme hätte eine gute Vorlesung werden können,
war aber vom Stoff total trocken, Prak.Info. hatte mit Prak.Info nicht
allzuviel zu tun, sondern nur mit auswendiglernen, Mathe 1/2 war bei
mir von der Vorlesung auch eine Katastrophe, Tech.Info gefällt mir vom
Prinzip an anderen Unis auch besser. Aber die Härte an dieser Uni sind
mit Abstand all die Dinge, die mit Programmieren zu tun haben: die
Scheine sind ein Geschenk. Sie müssen auch ein Geschenk sein, da man in
den Vorlesungen als Anfänger überhaupt nicht die Chance hat zu lernen.
D.h. man kaufe/nehme/leihe/... sich ein Buch und
versuche sich daran. Aber gerade Programmieren hat viel mit Erfahrung,
mit Tipps, Tricks und Kniffen zu tun, die einem Mal gezeigt werden
könnten. [...] Und wenn ich mir eine kleine Nebenbemerkung mal erlauben
darf: Ich habe einen Freund, der macht eine Ausbildung zum
Fachinformatiker und der kann mittlerweile mehr als ich, obwohl ich
früher "besser" war als er.
Womit man hier natürlich ein Problembereich streift, nämlich was ist
Sinn und Zweck der Ausbildung an der Uni: Meiner Meinung nach
möchte/sollte ich hier lernen, Führungsaufgaben übernehmen zu können,
insofern kann mein Freund gerne 10x so gut programmieren wie ich,
solange ich besser planen kann, oder?! Das Problem ist nur, selbst das
lernen die, während wir hier noch nicht ein einziges Programm oder
sonstiges Projekt auch nur annähernd mal geplant haben in unserem
Studium und das in 4 Semestern!
Ich habe keine einzige Linie in einem UML-Diagramm gezogen und selbst
im Programmierpraktikum konnten Leute bestehen, die Java wie C
geschrieben haben, also von Klassendesign keinen blassen Schimmer
hatten. Da nutzt mir auch noch so viel Automatentheorie überhaupt
nichts mehr. 
Natürlich brauche ich auch Automatentheorie irgendwann evtl., wenn es
auch vielleicht nur dazu dient, mir die Fähigkeit zu verleihen,
Probleme besser zu strukturieren.
Aber nichts und auch nichtmal 2 Tonnen Papier an Theorie ersetzt Praxis
und das ist etwas, was hier scheinbar keiner erkennen möchte.

[...]

- Man lernt nur, wenn man motiviert ist, und motiviert ist man mittel-
bis langfristig nur durch Erfolge

Doch wo bleiben hier meine Erfolge?! Ist es Erfolg, einen Schein zu
bestehen?! Die ersten 2 vielleicht, aber danach sicherlich nur in
Ausnahmefällen. Und so saß ich auch heute wieder in Tech.Info. und habe
Leuten zugesehen, die versucht haben (laut Aufgabe) einen Monitor
anzusteuern und es ging nicht und keiner kannte die Lösung. 
D.h. man hat was getan, aber man hat keinen Erfolg gesehen.
Genauso ist es bei meinem Prog.Praktikum gewesen: Kleine Aufgaben, die
die Welt nicht braucht. Aufgaben, die wirklich nur dazu da sind, um
gelöst zu werden. Warum heißt das Praktikum und nicht Lösung von
Aufgaben? Weil es eigentlich doch ein Firmenpraktikum ersetzen soll,
d.h. Projektarbeit irgendwo. [...]

[Beschreibung von krassen Mängeln bei den Rechner-Pools]

Was also tun?!
Sammeln wir doch noch mal die Fakten:
- Das Personal des Iinformatik-Instituts ist überlastet
- Die Studenten sind unzufrieden
- Die vorhandene Technik wird nicht genutzt oder ist nicht richtig
konfiguriert
- Die Ausbildung ist nicht praxisnah und eher unmotivierend

[...] Wenn der dabei sich herauskristallisierende Stoff nur pures
Auswendiglernen ist, dann bin ich hier definitiv falsch und so fühle
ich mich leider nach 4 Semestern im Moment auch...

Ciao !


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