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  • Vino

5 Beiträge seit 13.11.2000

Der Handel der Zukunft?

 Tja ... hätte man den c't-Artikel als Kurzgeschichte veröffentlichen
wollen, wäre er vermutlich als übertrieben unrealistisch abgelehnt
worden. Dass ein Laie, der sich ein, zwei Monate mit seinem PC
beschäftigt, d.h. Fachzeitschriften und Boards liest, besser als ein
"Fachverkäufer" weiß, welche Komponenten den Anforderungen entsprechen,
sollte wirklich mal im Fernsehen gesendet werden. Ich bin gespannt, ob
in Teil 2 des Artikels noch Steigerungen möglich sind.

Stellt sich die große Frage für die Zukunft:

? Kann die Beratung überhaupt noch im Produktpreis enthalten sein ?

Das gilt nicht nur für PCs, sondern für alle Branchen. Da an einem PC
aber _nichts_ verdient wird, sondern von der Palette bestenfalls zum
Einkaufspreis plus Mehrwertsteuer verkauft wird (im Gegensatz zum
Zubehör wie Kabel, Druckerpatronen und Nachrüstkomponenten), wird hier
das Problem am deutlichsten.

Wie schon gepostet, erwartet ein "Profi" bei seinem Arbeitsgerät, dass
es seinen Anforderungen entspricht und läuft. Da Ausfälle oder schlecht
konfigurierte Systeme sehr schnell sehr teuer werden, ist ein
Wartungsvertrag o.ä. hier das kleinere Übel - auch können diese Kosten
als Betriebsausgaben abgesetzt werden.

Für eine Privatperson ist der PC/Mac steuertechnisch "Liebhaberei", und
das charakterisiert IMHO sehr gut das Verhältnis von User zu Produkt.
Wenn ich mich in einem Fachgebiet _nicht_ auskenne und etwas erwerben
möchte, laufe ich immer Gefahr, etwas unpassendes zu kaufen oder gar
übervorteilt zu werden - ganz gleich, ob das Ü-Ei-Figuren sind,
Immobilien oder PCs.

Dieser Sachverhalt ist den meisten Verbrauchern aber nicht klar - sie
sind nicht bereit, für Informationsgewinnung zusätzlich Geld
auszugeben!

Das tun sie dann aber doch zwangsläufig, wenn sie übers Ohr gehauen
wurden oder bestenfalls nicht anständig aufrüsten können, weil der
AGP-Bus vom Onboard-Grafikchip besetzt ist und ein neues MoBo fällig
ist...

Bereits heute stehen in Märkten und Kaufhäusern "Berater", die nicht
dort angestellt sind, sondern von einem Hersteller ihr Geld dafür
bekommen, möglichst nur deren Produkte an den Mann zu bringen - das
zieht sich durch alle Branchen! Was die einem uninformierten Käufer
wohl empfehlen? Ob ein Angestellter, der vom Chef mit Prämien für den
Verkauf von Ladenhütern belohnt wird, besser berät? Hat der Chef
überhaupt eine andere Möglichkeit, wenn er bei z.B. drei Prozent
Verdienstspanne nächsten Monat die Ladenmiete überweisen will?

Da aber nur eine verschwindend geringe Minderheit Einblick in solche
Praktiken hat und die Schule sowieso nicht auf das (Wirtschafts-)Leben
vorbereitet, glauben viele Leute ernsthaft, beim billigsten Anbieter
auch noch eine neutrale, den Bedürfnissen entsprechende Beratung gratis
dazu zu bekommen.

Dass die im Artikel berichteten "Beratungen" (TV-Karte statt TV-Out,
man könnte es nicht besser/schlimmer erfinden) und Praktiken an Betrug
grenzen (und das ist noch vorsichtig formuliert, am Ende liest noch
einer von deren Juristen dieses Posting), steht wieder auf einem
anderen Blatt! Ich möchte ausdrücklich betonen, dass m.E. die Aufgabe
im vorgegeben finanziellen Rahmen gut lösbar war!!! Umso deprimierender
das Ergebnis ...

Viel schlimmer aber als diese Momentaufnahme sind die Aussichten für
den "klassischen" Händler:

Wenn durch die massenhafte Nutzung des Internet jeder potentielle
Käufer nur nach dem Preis schaut - der nur _eine_ von vielen
Eigenschaften eines Produkts ist - gehen auch die wenigen Idealisten
noch am Preiskampf zugrunde, da man sich dann dort beraten läßt und es
dann beim Versender für 10 oder 15% billiger (zzgl. Versandkosten,
Rücksendung, Einschreiben mit Rückschein usw. usf.) bestellt. Dann hat
der Käufer zwar insgesamt nicht weniger Geld ausgegeben, sondern eher
mehr, die Beratung des Fachmanns ist aber nicht belohnt worden.

Muss man also bald für eine Beratung extra zahlen wie schon in manchen
Reisebüros? Kostet ein guter Computerladen in einigen Jahren Eintritt?
Oder gibt's dann Beratungsbüros, die auf Stundenbasis Systeme
zusammenstellen und bezahlte Einkaufsbegleiter, die mit in den
Elektromarkt gehen (das dürfte ja heute schon die verbreitetste Methode
sein: auf privater Basis, im Austausch gegen ein paar Bier oder andere
Gefälligkeiten - merkt ihr was? Information kostet Geld oder Zeit)?

Oder müssen erst Haftungsregelungen wie bei Bankberatungen vom
Gesetzgeber beschlossen werden, so dass vom Händler bestimmte Kriterien
abgefragt und schriftlich fixiert werden müssen?

Für den Augenblick bleibt bei den Praktiken und Fähigkeiten der
getesteten Händler nur die Möglichkeit, sich einen Zeugen fürs
Beratungsgespräch mitzunehmen oder die Möglichkeiten des Systems
schriftlich geben zu lassen ("zugesicherte Eigenschaft").

Es sieht leider so aus, als sei der Zug in bzw. durch die Servicewüste
nicht aufzuhalten - eigentlich logisch im Land der Heimwerker und
Bastler.

Dann noch frohes Schaffen ...

Vino


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