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Avatar von van Grunz
  • van Grunz

mehr als 1000 Beiträge seit 27.12.2007

Die nicht ganz korrekte Darstellung eines c't-Lesers ein wenig korrigiert

Guten Morgen,

ich fasse Deine Absätze mal thematisch zusammen:

riwam schrieb am 28.10.2019 20:46:

Als in Südamerika geborener und dort aufgewachsen, war ich empört über die verzerrte Darstellung in der c’t Ausgabe 23 über den Rückzug von Adobe aus Venezuela.
Die “Kommentar” Rubrik von Hartmund Gieselmann (“Danke Donald!”) zeigt absolute Unkenntnis der aktuellen Lage in dem von Maduro’s militärischen Diktatur beherrschten Land.
[...]
Natürlich kann diese Entscheidung von Adobe die dortige Misere nicht ändern, aber dieser Schritt hat trotzdem einen symbolischen Wert für die dortige Bevölkerung, eben dass die Welt Venezuela nicht gänzlich vergessen hat!
Ebenfalls falsch ist die Behauptung Gieselmans, die Chinesen würden Adobe ersetzen.
Trotz viele Anstrengungen in Industrie-Spionage (z.B. durch die im Artikel gerade erwähnten chinesischen Telefonen) sind sie zum Glück noch nicht dazu gekommen Adobe Software zu klauen.

Ich habe den Artikel komplett gelesen, nachdem ich Deinen Forumsbeitrag vernommen habe und komme zu einem anderen Schluß als Du. Es geht mir nicht darum, irgendwen zu schützen oder eine etwaige Schuld zuzuweisen, sondern nur um den Sachverhalt.

Fakt ist, daß Adobe der Aufforderung der US-Regierung nachkam, Venezuela von der Internetanbindung ihrer Produkte abzuklemmen. Das verwundert auch nicht, wenn man weiß, welche mächtigen Werkzeuge die US-Regierung in der Hand hat, wenn ein Unternehmen nicht das tut, wie es ihm geheißen wurde. Im Grunde kann es sich kein Unternehmen in den USA leisten, sich der wirtschaftspolitischen Instrumentalisierung seitens der US-Regierung zu widersetzen. Daß dieser Schritt von Adobe kommen mußte, wenn ihn die Regierung verlangt, lag also auf der Hand.

Herr Gieselmann konstruierte daraus einen einfachen, aber wahrheitskräftigen Umkehrschluß, oder, besser gesagt: gleich zwei.

Der Erste ist, daß eine reine Internetabhängigkeit von heutiger (Lizenz-)Software nicht hinnehmbar ist. Dieser Überzeugung bin ich auch, und der bekannte Blogger fefe warnt ebenfalls seit Jahren vor solch einer Entwicklung. Daß es ausgerechnet ein ganzes Land trifft, hat, so denke ich, jeden überrascht.

Der zeite Umkehrschluß ist der US-amerikanische Ursprung. Wenn man um die unilateralen Abhängigkeiten weiß, welche die US-Regierung gegenüber landeseigenen Unternehmen in der Hand hält, so verbietet sich im Grunde eine freiwillige oder auch ungewollte Abhängigkeit, insbesondere durch die Schaffung einer Monokultur, welche ausschließlich von US-Unternehmen geprägt ist. Nicht nur Adobe sei hier genannt, sondern allen voran Microsoft mit ihren Produkten Windows & Office (bei letzteren ist ebenfalls eine gefährliche Cloud-Abhängigkeit in Entwicklung), aber auch Konzerne wie Facebook, die qua Gesetz den US-Geheimdiensten Informationen zukommen lassen müssen.

Folgerichtig entsteht hier eine Lücke, wenn Adobe's Creative Cloud mitsamt ihres bekannten Produktes Photoshop aus einem ganzen Land verschwindet. Da liegt der Gedanke nahe, daß insbesondere die chinesische Wirtschaft, anders als im "Westen" von politischer Führung zwangsweise unterstützt und gelenkt, durch ihre in der Vergangenheit mehr oder weniger erfolgreichen Plagiate in der Lage ist, solche Lücken zu füllen, wobei aus meiner Sicht auch hier zu kurz gedacht wurde. Mit Gimp gibt es bereits eine quelloffene Photoshop-Alternative, und wenn man die proprietären Schnittstellen von Adobe "braucht", aber nicht zu Verfügung hat, dann stellt man eben findige Programmierer ein, welche diese Schnittstellen nachbilden oder neu erstellen. So oder so werden die Menschen eine Kompensation finden.

Durch direkten Kontakt mit dortigen Einwohnern kann ich versichern, dass die kleine Photographie zu diesem Bericht von einer vom Diktator orchestrierten “Volksprotest” gegen die USA, meilenweit liegt von der tatsächlichen Einstellung der Bevölkerung.
Im Erdöl extrem reichen Staat sind die Venezolaner nicht nur nach Freiheit ausgehungert sondern wortwörtlich!. Außerhalb Caracas sterben Leute aus Hunger!
Soldaten trauen sich nicht gegen den Diktator Stellung zu nehmen weil Militärs besseren Zugang bekommen zu den knappen Lebensmitteln. Sie fürchten ihre Familien würden ebenfalls verhungern...
[...]
Hacken auf Donald Trump ist halt “in Mode” (auch wenn es nicht an fiesen Diktatoren in dieser traurigen Welt gerade fehlt) und die Redakteure von c’t wollen offensichtlich sich besonders “modisch” zeigen, wobei die Tatsache, dass Trump von der US-Bevölkerung in freien Wahlen gewählt wurde und nicht, wie Nicolas Maduro vom früheren Herscher Hugo Chávez “ernannt” wurde, so wenig in Betracht gezogen wurde wie die Tatsache, dass nur Trump den Mut hat auch gegen die Grossdiktatur und Weltmacht China Massnahmen zu ergreifen.

Nach den mir vorliegenden Informationen hat Maduro nicht die von Chávez' geforderte (und dringend nötige!) Sozialisierung des Landes zu Ende geführt, denn die neoliberale, wirtschaftliche Abhängigkeit besteht immer noch. Mit Guaidó hat Venezuela eine US-Marionette installiert bekommen, siehe auch:

http://www.ossietzky.net/7-2019&textfile=4726

Außerdem gibt es gänzlich gegensätzliche Berichte aus Venezuela, welche die auch von Dir mitinitiierte Panikmache so nicht mittragen:

http://www.ossietzky.net/9-2019&textfile=4767

Für mich ergibt das ein Bild einer aufgeweckten und aufgeklärten venezolanischen Bevölkerung, die einen Guaidó überhaupt nicht unterstützt.
(Insbesondere das Verbot von Outsourcing finde ich bemerkenswert -- das hätte ich auch gerne hierzulande!)

Außerdem in der weltgrößten Diktatur (jawohl! das ist sie) ist man zur Zeit eher beschäftigt durch z.B. -leider- erfolgreichen Druck auf Apple’s AppStore, die allgemeine Bevölkerung möglichst in Unkenntnis zu halten vom mutigen Kampf für Freiheit in Hong Kong.

Hier fehlt meiner Meinung nach eine gehörige Portion Differenzierung.

Die Unruhen in Hongkong fußen ironischerweise nicht darauf, die Kolonialmacht Großbritannien des Landes zu verweisen, welche für etliche Fehlentwicklungen verantwortlich ist, sondern der Finger zeigt in Richtung chinesische Regierung, die bereits viel härter hätte durchgreifen können, was sie innerhalb Festland-Chinas auch schon getan hat. Man darf nicht vergessen, daß der Vertrag zwischen GB & Hongkong immer noch gilt.

Desweiteren haben die "Revolutionäre" (so nenne ich sie jetzt einmal) einen Forderungskatalog aufgestellt, der unmöglich zu erfüllen ist. Das legt nahe, daß die Unruhen anhalten sollen und stellt die Frage, warum es sie überhaupt gibt bzw. in dieser spezifischen Form andauern.

Alle andere Regierungschefs denken nur an die riesengroße Geldverluste, die entstehen würden, wenn man von China mehr Demokratie verlangen würde, also schauen sie zur Seite...

Das Verlangen von Demokratie seitens irgendwelcher Regierungschefs im "Westen" ist nichts weiter als Heuchelei. Menschlichkeit und Menschenrechte werden genau nur dann argumentativ ins Feld geführt, wenn sie der eigenen neoliberalen Linie helfen. Wir haben noch nicht einmal in Europa oder Deutschland eine echte Demokratie. Wie kann man sich da erdreisten, sie von Anderen zu verlangen, zumal die Einmischung in fremde Staatsangelegenheiten nach UN-Charta verboten ist?

Letztlich hat der Rückzug von Adobe aus Venezuela für die dortigen Grafiker und Photographen einen fast inexistierenden Effekt. Nur eine Handvoll von ihnen konnte sich ein Abonnement zur Creative Cloud in den katastrophalen, heutigen Umständen leisten. Alle anderen benutzen weiterhin ältere Adobe Software, als sie noch käuflich war.

Worin soll hier ein Problem liegen? Insbesondere diejenigen, welche über ältere Kauf-Versionen verfügen, die nicht von Internet-Clouds abhängig sind, sind doch klar im Vorteil gegenüber dem heutigen Adobe-Modell, was ausschließlich die Softwareverwendung bei funktionierender Cloud vorsieht.

Außerdem, siehe oben, verstehe ich nicht, warum man proprietärer und in meinen Augen völlig überteuerter Software überhaupt die Stange hält oder die eigene Existenz davon abhängig macht.

Schließlich gerade von einer deutschen Veröffentlichung wie c’t einen solchen verzerrten Blick auf einen düsteren Regime zu verbreiten, sei weder zu verstehen noch zu verzeihen.

Die c't hat überhaupt keinen "verzerrten Blick" auf ein wie auch immer geartetes "düsteres Regime" verbreitet, sondern nur folgerichtig die Fakten zusammengetragen. Das Einzige, was man dem Artikel vorwerfen kann (wenn überhaupt!), das ist die Formulierung:

"Diese Anweisung richtet sich an Venezolaner und da insbesondere an Unterstützer der Maduro-Regierung [was fast das ganze Volk sein dürfte - Anmerkung v.G.]. Dieser kämpft seit Monaten mit dem Oppositionsführer Juan Guaidó um die Macht im Land. Die USA und weitere westliche Staaten haben Guaidó als Staatschef anerkannt."

Wenn man der c't-Redaktion zu Gute hält, daß auch hier nur Menschen arbeiten, die von der deutschen "Qualitätspresse" beeinflußt werden, so verwundert eine solche Aussage überhaupt nicht. Man muß sich allerdings bewußt sein, daß sich ein Computermagazin mit enormer Reichweite politisch möglichst außen vor halten sollte. So hat die von mir zitierte Aussage in dem Artikel überhaupt nichts verloren, weil sie nur zum Teil der Wahrheit entspricht. Guaidó ist kein "Oppositioneller" (eine Redensart, wie man sie den Fasischten in der Ukraine auch andichtet, die nachweislich -ebenfalls- mit CIA-USA-Unterstützung den Putsch überhaupt erst durchführen konnten!), und er "kämpft" auch nicht um die "Macht im Land", sondern er will sie dem demokratisch legitimierten Maduro entreißen. Das US-Militär steht schon zum Putsch bereit; es wartet lediglich auf seinen Einsatz.

Hat man bei der c’t Redaktion so schnell vergessen, dass es nicht so lange her sei, als Millionen von deutschen Bürgern in einer linken Diktatur (über)leben mussten?

Hier ist nicht etwa die DDR gemeint?

Allen Diktaturen zum Trotz mußte in der DDR niemand hungern, und es ist ein Wunder, wie Cávez & Maduro es schaffen wie auch geschafft haben, das venezolansiche Volk trotz massiver und illegitimer Sanktionen zu unterstützen. Hut ab!

Es wäre an der Zeit, seitens China, Rußland und der EU die USA zu sanktionieren. Derlei asoziales Gebaren zerstört bewußt den sozialen Zusammenhalt der Völker. So nebenbei täte ich die ganzen US-Militärbasen außerhalb ihres Landes schließen und die CIA-Funktionäre inhaftieren, um ihnen den Prozeß zu machen.

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