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Avatar von van Grunz
  • van Grunz

mehr als 1000 Beiträge seit 27.12.2007

Ist man in der c't nun zu sehr politisch geworden?

Gerade die c't 15/2019 fällt besonders auf:

In dem Bericht auf den Seiten 62-65 über China wird von "Toren" gesprochen, eine bildliche Analogie eines Spieles China gegen Europa/Deutschland.

Das erste Tor, gerichtet gegen die europäische Bürokratie, geht an China (wie alle anderen auch, aber das nur am Rande). Eine Vereinfachung von Bürokratie ist prinzipiell begrüßenswert, in dieser pauschalisierten Form aber abzulehnen. Es steht weiterhin 0:0 wegen Foulspiel.

Das fiktive 2:0 resultiert daraus, daß der Staat den Mobilfunkkonzernen Vorschriften macht, um innovativ mithalten zu können. Prinzipiell begrüßenswert, da auch die Telekom einmal staatlich -und so schlecht nicht- war. Aber auch hier wird einerseits pauschalisiert und andererseits nicht die Forderung erhoben, die sich daraus ergibt: ehemalige Staatskonzerne, welche die Infrastruktur betreffen, wieder zu verstaatlichen. Es steht weiterhin 0:0 wegen Foulspiel.

Das fiktive 3:0 betrifft das Thema Digitalisierung. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, nämlich autonom arbeitende Roboter beim Sandabbau versus dem Versenden von Faxen. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Nichts, deswegen: es steht weiterhin 0:0 wegen Foulspiel.

Den Vogel schießt das vierte Tor ab, das dadurch "erzielt" wird, daß man mit anderen Dingen als Bargeld bezahlen kann. Jeder IT-Affine weiß, daß die bargeldlose Bezahlung mit weitreichenden Trackingmöglichkeiten einher geht und zudem Sanktionen ermöglicht, welche mit dem einzig legalen Bezahlungsmittel in Deutschland & der EU nicht möglich sind. Hinzu kommt, daß Geldwäsche größtenteils bargeldlos stattfindet, das Hauptargument gegen Bargeld somit in Schall & Rauch verpufft. Es steht weiterhin 0:0 wegen Foulspiel.

Das fünfte Tor "erzielt" China mit der Subvention von Elektromobilen. Hält man -sowohl wirtschaftlich als auch umwelttechnisch, und wenn man will auch klimatechnisch- die Erzeugungsbilanz gegen die Nutzungsbilanz, so wird schnell klar, daß die Elektromobile zwar die Atmosphäre weniger verpesten, aber ansonsten in keinster Weise besser da stehen als ihre Verbrennungsmotor-Pendanten. Wenn ich Strom aus Atomenergie oder Kohle hernehmen muß, um einen Lithium-Akku zu speisen, der gerade einmal wenige Jahre hält und zudem die Ausbeutung seltener Erden zur Bedingung hat, die ihrerseits nicht endlich sind, dann geht das Tor wegen Foulspiels abermals in Rauch auf, wodurch es beim 0:0 bleibt.

China hat also gar nichts gewonnen. Wenn ich dann noch die Tendenz herauslese, daß wir Bürger doch bitteschön unsere Privatsphäre opfern sollen, um dem Konsum Vorschub zu leisten, der durch Technologie versüßt wird, dann frage ich mich ernsthaft, ob ich noch weitere solcher Artikel lesen will.

Doch damit -leider!- nicht genug.

Im anschließenden Artikel, welcher ein Interview mit Garri Kasparow darstellt, wird unterschwellig von einem "Regime" in Rußland gesprochen -- ein Begriff, den wir sonst nur aus den Nachrichten kennen, was -dem Westen unliebsame- Regierungen diskreditieren soll. Die c't bedient sich also der selben Narrative, um Stimmung gegen Rußland zu machen. Von Seriösität und echtem Journalismus ist das weit entfernt. Das Wort "Regime" wird zumeist abwertend gebraucht. Bedenkt man weiterhin, daß die NATO-Staaten eine aggressive Expansionspolitik gegen Rußland praktizieren und nicht umgekehrt, mutet diese Art der Formulierung seltsam an.

Was, bitte, ist eine "Keynote"? Ich meine mich zu erinnern, daß die c't solche Buzzwords™ in ihren Artikeln erläuterte, ehe sie sie verwendete.

Allein das Abdrucken des Interviews hätte sich die c't sparen können, denn Kasparow vertritt die leidigen Ansichten, daß Menschen eines Staates, die Alexa kaufen, von Datenschutz überhaupt nichts hielten. Das ist falsch und pauschalisierend, genauso wie es pauschalisierend ist, wenn Google mit dem KGB verglichen wird. Der krönende Abschluß, der leider von der c't unkommentiert bleibt, ist der letzte Absatz, der noch einmal verdeutlicht, daß es "Innovation" nur ohne Datenschutz geben könne.

Es wurde im Artikel zuvor angeführt, daß sich trotz vielen Kameras die Menschen in der Öffentlichkeit bewegen. Natürlich tun sie das, aber eben nicht so, wie sie das ohne Kameras täten. Der BGH hat dazu ein einschlägiges Urteil gefällt; vielleicht sollte man sich das einmal anschauen, ehe man solche Artikel verfaßt.

Noch mehr tendenziöse Artikel dieser Art, die man neudeutsch als "nudging" bezeichnen könnte, und ich überlege mir ernsthaft, das c't-Abo zu kündigen. Wenn ich Gehirnwäsche dieser Art will, dann lese ich BILD, WELT, FAZ oder Rundschau -- oder schaue die Tagesschau nebst Tagesthemen. Ich lese die c't aber gerade deswegen, um eben nicht indoktriniert zu werden.

Ich habe fertig.

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