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  • MichaelG.

mehr als 1000 Beiträge seit 11.04.2003

Sensationsgeilheit und Clickbait, der schleichende Prozess aktueller Nachrichten

Info vorweg: Dieser Post bezieht sich *nicht* auf heise und ist *keine* direkte Kritik am Artikel! Folgende Aussagen beschreiben eine allgemeine Wahrnehmung die ich hier nur mal anbringen wollte.

Der passendste Vergleich ist für mich YouTube: Man hat die letzten Jahre festgestellt, dass sensationelle Titel, krasse Beispiele, catchy Abkürzungen und generell Clickbait einfach funktioniert. Clicks werden monetarisiert und daran richten sich auch viele Content-Hersteller. Diese (imho primär durch die Werbeindustrie getriebene) Mentalität sieht man auch im Journalismus.

Jede Sicherheitslücke muss einen fancy Namen (und Domain) habe. Sie muss als absolut katastrophaler Zusammenbruch jeglicher Sicherheit in IT-Systemen dargestellt werden und die Diskussionen sind - nachdem die Sau durch die Medien getrieben wird - geprägt von Unwissenheit, Spekulationen und Abschreiben. Hauptsache Schnell die Nachrichten raus, Hauptsache viele Clicks. Weil 20 Stunden später könnte man ja schon viele Clicks verloren haben. Das die Ausnutzung der ein oder andere Lücke der Vergangenheit sehr spezielle, schwierige Voraussetzungen hat, wird gern ignoriert.

Dies lässt sich auch hier schön sehen. In vielen Artikeln im Netz wird von 30% Performanceverlust gesprochen (Ja sogar mein lokaler Radiosender hat das zitiert!). Diese Zahl stammt ursprünglich hier her: https://lkml.org/lkml/2017/11/10/433
Es ging um synthetische Benchmarks! 5% war die 'nüchterne Einschätzung', was der Patch an Performance kosten kann. Benchmarks von Phoronix (ich weiß, auch kein schöner Journalismus, aber die Benchmarks haben [meist] Substanz) haben auch gezeigt, dass unter gemischten, normalen Workloads, diese Einschätzung von 5% durchaus realistisch ist und teilweise es auch gar keine merkbaren Unterschiede gibt (und auch gezeigt, dass es in synthetischen Benchmarks es größere gibt).

Dazu kommt, dass der Patch recht frisch ist. Mit ein wenig Erfahrung kann man evtl. zu der Einschätzung kommen, dass im Laufe der nächsten Monate noch Wege gefunden werden, die Einbußen zu minimieren.

Aber 30% in die Headline zu schreiben, ist einfach beeindruckender!

Auch auf Intel herum zu bashen (Notiz: Bin eigentlich Team-Grün :P). Von Anfang an wurde von einem sehr tief liegendem Problem gesprochen was potentiell erst einmal *ALLE* CPUs betrifft. Dann gab es zwei durchaus starke Indizien, dass es AMD nicht betrifft: Ein Forumpost eines AMD-Mitarbeiters und ein Patch, der einige Sicherheitsmechanismen für AMD deaktiviert: https://lkml.org/lkml/2017/12/27/2
Das man hier schreiben kann 'Vermutlich nur Intel betroffen' finde ich OK, aber nichts davon war eine offizielle Pressemitteilung. Die Details des Bugs waren noch nicht komplett bekannt und vieles war noch unbekannt! Es brauch einige Tage nach der Veröffentlichung der Details (wie es erst *gestern* passiert ist!), bis genügend Leute mit KnowHow eine sachlicher Einschätzung haben.

Auch jetzt wäre meine einzige halbwegs sichere Aussage 'Alle CPU Hersteller betroffen, jedoch ist es nicht sicher ob der Fehler bei allen gleich schwere Folgen hat'. Das steht auch im Google Zero Bericht, dass sie Meltdown noch nicht auf AMD CPUs umgesetzt haben.

Es gibt einige Kernel-Updates mit Umbauten am Netzwerksystem. In synthetischen Benchmarks können dann 3054% mehr Performance nachgewiesen werden (https://lkml.org/lkml/2010/8/26/327 zufällig herausgesuchtes Beispiel um meinen Punkt zu verdeutlichen). Dann titelt man auch nicht in einem Artikel 'Netzwerke unter Linux jetzt 30 mal so schnell!'. Weil das einfach totaler Bullshit ist!

Ich sehe dieses Verhalten immer öfter. Und je mehr 'dumme' Medien den gleichen, falschen Scheiß abschreiben, um so mehr taucht es in größeren, seriöseren Medien auf weil die Journalisten (aus Zeitdruck und Click-Notwendigkeit) sich dann darauf verlassen, 'dass das schon was dran ist wenn so viele andere das selbe schreiben'.

Das Problem ist ja schon länger bekannt. Seriöser Journalismus lässt sich immer schwerer finanzieren. Qualität zu bewerten widerspricht der Werbeindustrie. Auch ein Grund warum ich letztere als ein Gift des Internets ansehe. :(

Gruß
Michael

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