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Avatar von elfboi

mehr als 1000 Beiträge seit 30.06.2001

Menschen haben Beine, keine Wurzeln.

Vor ein paar Jahrtausenden waren große Teile von Deutschland noch
sehr, sehr dünn besiedelt - ein paar kleine Dörfer im Nichts,
dazwischen ausgedehnte Wälder. Unten im Süden waren die Kelten, im
Norden die Germanen, aber während die keltische Kultur sich recht
schnell entwickelte und über Europa ausbreitete (wobei viele Stämme
eigentlich gar nicht keltischer Abstammung waren, sondern durch
kulturelle Assimilation zu Kelten wurden), entwickelte sich die
germanische Kultur nur langsam. Irgendwann bekamen die Germanen von
den Kelten gutes Eisen und konnten mit ihren besseren Äxten
effizienter Wälder roden, so daß sie sich weiter ausbreiten konnten,
auch in Gebiete hinein, die vorher von Kelten bewohnt waren - oder
von Ur-Slawen. Schließlich stagnierte die keltische Kultur und wurde
von den Römern überrollt, während die Germanen das Glück hatten, in
einer unwirtlichen Gegend zu wohnen, die für die Römer nicht so
interessant war - ein einziger fatal fehlgeschlagener
Germanienfeldzug war genug, um den Römern den Appetit auf Germania zu
vermiesen.

Und als schließlich das römische Reich anfing, Schwäche zu zeigen,
setzten sich etliche germanische Stämme in Bewegung und zogen kreuz
und quer durch Europa, um sich anderswo niederzulassen. Oft
übernahmen sie dabei die Kultur der Gegend, die sie erobert hatten,
und hörten auf, Germanen zu sein - die West-Franken z.B. vermischten
sich mit Romano-Galliern und gingen auf im Volke der Franzosen.

Nun, heute sind wieder einmal ganze Volksmassen in Bewegung, aber
anders als früher gibt es heute moderne Verkehrsmittel und
elektronische Kommunikation, so daß die kulturellen Kontakte zwischen
den Auswanderern und ihren in der alten Heimat verbliebenen
Verwandten nicht abreißen müssen. Das gibt den modernen
Wanderungsbewegungen eine neue Qualität. Der Begriff "Volk", der
überhaupt erst in der Völkerwanderungszeit entstand (und einen Haufen
von Leuten bezeichnete, die gemeinsam einem Anführer "volkten" - Volk
und folgen haben eine gemeinsame Wurzel), und der damals nicht nach
Abstammung, sondern nach persönlihen sozialen Bindungen definiert
wurde (ein Teutone ist einer, der sich zum Volke der Teutonen
zugehörig fühlt, ganz gleich, ob er ein entlaufener skythischer
Sklave oder ein Gallier von Abstammung ist), könnte in Zukunft an
Bedeutung verlieren oder völlig neu definiert werden.

Ich denke auch, daß es mit der Globalisierung und den modernen
Kommunikationsmitteln dazu kommen könnte, daß sich global vernetzte
Subkulturen bilden, die sich vielleicht teilweise auf eine gemeinsame
ethnische oder kulturelle Herkunft berufen, vielleicht aber auch
einfach nur auf gemeinsame kulturelle Wertvorstellungen, ähnliche
Lebensentwürfe, einen ähnlichen Lifestyle oder ähnliche Interessen.
Man könnte sie auch als urbane virtuelle Stämme betrachten. Menschen
mit ähnlichen Lebensentwürfen würden sich in einem solchen Falle
lokal zu Gruppen zusammenschließen und gemeinsam ihr Ding machen,
dabei gleichzeitig global vernetzt sein.

Interessanterweise sind die Juden der Diaspora ein sehr gutes
Beispiel dafür. Die Menschen der Zukunft könnten aus unzähligen
unterschiedlichen Kulturen bestehen, die allesamt kreuz und quer über
den Globus verteilt sind, aber untereinander durch kulturelle
Gemeinsamkeiten zusammengehalten werden.
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