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  • daodot

mehr als 1000 Beiträge seit 18.09.2002

iPhone - ein paar persönliche Eindrücke

Kaum je erlebt, dass über ein Gerät so berichtet und gestritten wurde
wie das iPhone. Ein Mega-Hype - und ich war bin äußerst skeptisch,
was das Gerät betrifft. Jetzt hatte ich die Chance, es einige Zeit zu
nutzen - und hier mal ein paar kleine, sehr subjektive Eindrücke:

Erstens - die Hardware an sich ist ist nicht billig oder schlecht
gemacht, wie's oft kolportiert wird. Im Gegenteil: Ein derartig
knackscharfes, satt ausgeleuchtetes Display habe ich noch an keinem
Gadget gesehen. Gut, ich kenne aber auch nicht alle. Das Display ist
meiner Meinung nach ziemlich kratzresistent. Das Gerät an sich wirkt
wertig verarbeitet und liegt gut in der Hand. Die Metall-Rückseite
erwärmt sich in der Hand, was sich angenehm anfühlt.

Zweitens – zur Software & Einschränkungen: Eines wurde mir klar, je
länger ich jetzt das iPhone nutze und auch dessen Einschränkungen
kennen lernte: Man hat Apple nicht richtig zugehört, bei dem, was sie
zur iPhone-Entwicklung sagten. Die sagten nämlich, dass sie in ENGER
ZUSAMMENARBEIT MIT EINEM NETZBETREIBER ein Mobiltelefon entwickeln.
Und genau das haben die gemacht – die haben höchst konsequent ein
Handy entwickelt, das quasi von A bis Z darauf beruht, permanent
online zu sein. Bis auf die obligatorischen Fotos sowie die Videos
und die Musik, die der iPod-Teil des iPhones in gewohnter Manier
nutzt, ist alles beim iPhone auf's Web ausgerichtet: Google Maps mit
Routenplanung, Safari-Browser, Mailprogramm, YouTube-Filmchen, auch
die Widgets wie Wetter und Börse benötigen Internet. Sogar die
Programme waren von Apple ursprünglich nur als Web-Apps vorgesehen -
also nur im Browser lauffähig.

Konsequenterweise bieten sie das Gerät auch nur mit einem
Datenflat-Vertrag an - alles andere wäre auch Humbug.

Die Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber im Hinblick auf eine mobile
Datenflat hat meiner Meinung nach dem iPhone zahlreiche Features
gekostet, die bei anderen Handys selbstverständlich sind: So sind im
Browser keine Downloads vorgesehen - klar, kostet den Netzbetreiber
zu viel Traffic. Dasselbe gilt für die Nutzung als Bluetooth-Modem -
auch das kann das iPhone nicht, was im Sinne des Datenflat-Anbieters
sein dürfte. Die Entwicklung von Programmen ist eingeschränkt – klar,
sonst käme ja einer auf die Idee, aus dem Gerät ein Voip-Telefon zu
machen.

Drittens: Software. Das Bedienkonzept hat was, ganz klar. Das
Scrollen, Zoomen und auswählen nur mit den Fingern empfinde ich als
derart intuitiv, dass ich mich frage, warum das nicht schon seit
Jahren üblich ist. Insgesamt ist Surfen und auch Tippen auf dem
iPhone gut machbar, wobei ich längere Sessions nicht als reines
Vergnügen empfinde. Insgesamt finde ich, dass das iPhone derzeit ein
brauchbarer Kompromiss zwischen mobiler Surfstation und einem Gerät
ist, das man noch einigermaßen bequem in die Hosentasche stecken
kann. Das ist ja nicht selbstverständlich - manche Geräte der
Wettbewerber sind ja so dimensioniert, dass sie in der Tasche doch
arg dick auftragen.

Die Software-Ausstattung des iPhones im Auslieferungszustand empfinde
ich nicht als überbordend. Das ist nicht so viel bis nichts, was
andere Smartphones nicht auch an Bord hätten - selbst der iPod-Modus
ist ja längst nicht nur Apple-mäßig: Musik spielen und Videos zeigen
können andere Handys auch. Drei Sachen muss man dem Gerät zugute
halten: Das, was es kann, kann es prima – es sind keine "halben
Sachen" mit dabei. Es ist leicht bedienbar. Und das Konzept, alles
auf dauernd online abzustellen, bringt den Spaß, wenn man denn eine
Datenflat hat – denn dann ist Surfen, mailen, Youtube-gucken, Google
Maps erforschen etc. ohne schlechtes Gewissen bezüglich der Kosten
drin.

Was ein nicht so oft erwähnter Aspekt des iPhones ist, was aber in
Zukunft immer wichtiger werden wird, ist die Software von
Drittherstellern für das iPhone und die Open Source, die es für das
Gerät gibt. Schon heute sind erstaunliche Dinge damit möglich: Per
Software-Hack lässt sich etwa der Paketmanager Installer.app von
Nullriver auf das Gerät bringen (http://iphone.nullriver.com/beta/).
Der bringt eine Menge Sachen auf das iPhone - vom Diktiergerät über
Dateimanager bis hin zu Spielen, die den Bewegungssensor des Geräts
ausnutzen. Man merkt außerdem, dass ein Unix auf dem Gerät läuft –
Perl, PHP, Ruby, Python bis hin zu einem Apache Webserver stehen
mittlerweile für das iPhone bereit
(http://conceitedsoftware.com/iphone/site/packages/). Apple hat für
Februar eine Entwicklungsumgebung für das iPhone angekündigt hat, und
hat jetzt schon ein iPhone DevCenter eröffnet – mal sehen, wie das
weitergeht. (http://developer.apple.com/iphone/devcenter/)

Ingesamt muss ich sagen, dass ich die Vertragsbindung nicht mehr als
das Schlimmste am iPhone empfinde. Ohne Datenflat oder zumindest ein
großzügig dimensioniertes Datenpaket macht das Gerät sowieso nicht
viel Sinn - mit einer Ausnahme: Wer einen iPod sucht, mit dem er per
WLAN surfen kann, liegt mit dem iPhone auch nicht falsch - und fährt
dank Lautsprecher und separater Lautstärke-Taste vielleicht sogar
besser als mit einem iPod Touch. Aber wer eine Datenflat nicht nutzen
oder zahlen will und keine WLan-Spots in der Nähe hat, ist mit einem
anderen Handy besser bedient.

Das Schlimmste am iPhone fand ich den Umgang mit den Klingeltönen:
Die selbst erstellten Töne werden tatsächlich von iTunes beim
Abgleich wieder entfernt – man soll auf im iTunes-Store gekauften
zurückgreifen. Das ist eine heftige Gängelung und ein unmögliches
Verhalten.

A propos iTunes-Store: Wer's mag - der Einkauf samt vorherigem
Anhören der Stücke ist wohl noch nie besser bei einem mobilen Gerät
umgesetzt worden. Ich weiß, da gibt's extreme Hasser des
iTunes-Stores. Aber ich habe das Gerät auch entschiedenen Gegnern des
Stores gegeben - selbst die haben mit einigem Vergnügen in den Listen
gestöbert und sich Sachen angehört – "wart' mal, hör' dir das mal an"
– wenn auch natürlich nichts gekauft.  (;

Insgesamt muss ich eins für mich sagen: Die "Revolution" beim iPhone,
wenn sie denn eine ist, ist vielleicht das Bedienkonzept. Doch das
wahrhaft neue ist die konsequente Verbindung eines Gerät mit einer
mobilen Datenflat. Denn gerade die Flatrate lässt ein neues
Smartphone-Verhalten entstehen: Statt etwa die Wikipedia auf dem
Gerät zu speichern, wie ich es bisher gemacht habe, greife ich jetzt
eben online auf die aktuelle Wikipedia zu. Oder bisher habe ich
Kartenmaterial auf meinen Smartphones gespeichert – jetzt nutze ich
eben online Google Maps. Wie gesagt - das iPhone ist auf eine
Datenflat zugeschnitten. Es ist im Auslieferungszustand gar nicht
vorgesehen, die Wikipedia oder Karten auf dem iPhone dauerhaft zu
speichern. Dieses Konzept kann man jetzt total bescheuert finden oder
höchst sinnvoll. Bei mir war es aber schon so, dass ich mich sich
sehr schnell an das permanente "Internet in der Tasche" gewöhnt habe.
Da mal schnell die Mails checken, da kurz mal eine Internet-Seite
abrufen - so was wird dann relativ selbstverständlich.

Insgesamt denke ich, dass das iPhone nur unter der Prämisse
betrachtet werden sollte: Es ist ein mobiles Internet-Gerät, das nur
in Verbindung mit dem Netz wirklich in allen Belangen Sinn macht.
Entscheiden muss jeder selbst, ob er so was will oder braucht - und
bezahlen möchte.
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