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  • wwfang

mehr als 1000 Beiträge seit 20.06.2015

Wen's interessiert: Der genaue Ablauf

Die Geschichte nimmt ihren Anfang, als dem Zug nach München die Ausfahrt aus dem Bahnhof Kolbermoor auf die eingleisige Strecke nach Bad Aibling gegeben wird. Das ist an sich schon ein Fehler, denn dieser Zug hätte in Kolbermoor auf den Gegenzug warten müssen. Der Fahrdienstleiter war jedoch davon ausgegangen, dass sich die Züge erst im Bahnhof Bad Aibling kreuzen sollen – er war in der Zeile seines Fahrplans verrutscht und hatte außerdem die falsche Ausgabe auf dem Tisch (es gibt einen Bild- und einen Tabellenfahrplan, letzterer ist zur Nutzung vorgeschrieben, war aber nicht vorhanden – Verbleib wohl nicht geklärt, war aber letztlich auch unerheblich).

Dramatisch ist dies allerdings nicht, ob sich die Züge nun in Kolbermoor oder Bad Aibling ausweichen, ist betrieblich egal, es führt nur logischerweise zur Verspätung des einen Zuges, der unnötig lange in Bad Aibling warten muss.

Am Bahnhof Kolbermoor befindet sich an der Ausfahrt Richtung Bad Aibling ein Bahnübergang. Dieser schließt sich automatisch bei Einfahrt in den Bahnhof. Das Ausfahrtsignal Richtung Bad Aibling wiederum zeigt erst Fahrt, sobald (unter anderem) die Schranken tatsächlich unten liegen (Notiz 1 für Eisenbahnlaien: das ist mit Schaltern und Relais exakt so und unumgänglich verdrahtet; Notiz 2, falls man mit dem Auto auf einem Bahnübergang liegenbleibt: Auto sofort verlassen, Schranken am Schließen hindern, Fahrdienstleiter benachrichtigen (Telefonnummer am Schrankenhäusschen)).

Der Fahrdienstleiter kann also einem Zug in Kolbermoor Richtung Bad Aibling die Weiterfahrt frühzeitig erlauben ("eine Fahrstraße stellen"), das Stellwerk führt dies allerdings erst vollständig aus (mit Grün zeigendem Signal), nachdem
1. der Zug in den Bahnhof Kolbermoor eingefahren ist und
2. sich die durch 1. aktivierte Schranke geschlossen hat.

Zwischen dem Stellen der Fahrstraße und der tatsächlichen Ausfahrt des Zuges können (oder sind in diesem Fall) bis zu acht Minuten vergehen.
Dumm, wenn man sich in diesen acht Minuten lieber damit beschäftigt, Gnome zu verprügeln.

Der Fahrdienstleiter hat also vor lauter Trollerei vergessen, dass er vor acht Minuten bereits eine Fahrstraße eingerichtet hat. Er versucht jetzt, den Gegenzug aus Bad Aibling durchzulassen, aber das Stellwerk tut, was es tun soll: Es verweigert sich, da die Strecke bereits reserviert ist für den Zug von Kolbermoor nach Bad Aibling.
Der Haken ist, dass das Stellwerk nicht anzeigt, warum es sich weigert – hier käme der vor 30 Jahren angemahnte "Erlaubnisempfangsmelder" ins Spiel, dazu weiter unten.

Der Fahrdienstleiter nimmt an, dass eine Störung vorliegt und gibt dem Gegenzug in Bad Aibling über ein Zusatzlicht am Halt zeigenden Signal freie Fahrt. Er begeht dabei eine ganze Reihe Fehler:

1. Das Zusatzsignal hätte bei einer Störung an der Strecke gar nicht gegeben werden dürfen, sondern stattdessen nur der mündlich übermittelte Befehl, auf Sicht weiterzufahren, d.h. so langsam, dass er jederzeit vor einem Hinderniss zum Stehen kommen kann – bei den zugtypischen Bremswegen ist das sehr langsam. Zumindest der Gegenzug wäre also im Bummeltempo gefahren und hätte vielleicht früher anhalten können oder wäre zumindest mit weniger Wucht zusammengeprallt.

2. Die Weiterfahrt hätte nicht erlaubt werden dürfen, ohne vorher den Zustand der Strecke zu prüfen. Dazu hätten unter anderem alle in Frage kommenden Züge angefunkt werden müssen – das hat der Fahrdienstleiter unterlassen.

3. Für das Ausfahrtsignal in Kolbermoor hätte der Fahrdienstleiter, nachdem er den Gegenzug in Bad Aibling wider der Sicherungstechnik in Fahrt gesetzt hat, auf seinem Stelltisch Täfelchen anbringen müssen, um die durch den Gegenzug besetzte Strecke auch an diesem Ende manuell anzuzeigen – dies hat er ebenfalls unterlassen.

Diese Fehler wiederholt er quasi, als er einige Minuten später am Haltepunkt Kurpark ein zweites Mal ein Ersatzsignal zur Weiterfahrt am Halt zeigenden Signal gibt.

Der jetzt als seit 30 Jahren fehlend bemängelte "Erlaubnisempfangsmelder" dient dazu, einen Streckenabschnitt jeweils nur einem der beiden an diesen Abschnitt angrenzenden Fahrdienstleiter zuzuweisen. Fahrdienstleiter A drückt bei sich ein Knöpfchen, beim Nachbarn B geht darauf hin ein Lämpchen an, dass die Strecke von A genutzt wird. B kann seinerseits die Strecke erst dann für sich reservieren, wenn A die Strecke wieder freigibt.

An der Unglücksstrecke ist es nun so, dass der Fahrdienstleiter in Bad Aibling auch für die angrenzenden Stellbezirke Kolbermoor und Heufeld zuständig ist, diese sind von Bad Aibling aus ferngestellt. Der Aiblinger Fahrdienstleiter müsste sich also ständig selbst Erlaubnis erteilen, weil er betriebsmäßig drei Fahrdienstleiter ist.

Das mag merkwürdig erscheinen, aber das zusätzliche Lämpchen auf seinem Stelltisch hätte dem Fahrdienstleiter zumindest angezeigt, dass er die Strecke bereits Richtung Bad Aibling freigegeben hat, als der den Gegenzug Richtung Kolbermoor schickte.
Für seine drei Bezirke gibt es diese Einrichtung jedoch nicht, sondern nur an den Grenzen seiner drei Bezirke Richtung Rosenheim und München.

Wie dem auch sei: Vier Minuten später beendet der Fahrdienstleiter sein Dungeon-Spielchen.

Irgendwas war da doch?

Moment, fahren da jetzt zwei Züge?

Der letzte Fehler in der Kette: Notruf an die falschen Empfänger. Und dies nicht nur einmal, nein, er drückt eine Minute später nochmals die falsche Notruftaste. Das war dann allerdings egal, denn da waren die Züge eh schon zusammengestoßen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (05.12.2016 18:42).

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