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mehr als 1000 Beiträge seit 07.01.2000

geistige Werte ohne "geistiges Eigentum" (Teil 1 von 2)

Hallo,

es fehlten von mir noch die angekündigten Ausführungen, wie Kunst,
Software, wissenschaftliche Entwicklungen usw. sich entwickeln könnten,
wenn es die Konstruktion "geistiges Eigentum" nicht mehr geben würde.


1. Kunst
(Ich konzentriere mich auf Musik, weil ich mich seit Napster mit
"geistigen Eigentumsrechten" an Musik mehr beschäftigt habe, als mit
diesen Rechten an anderen Kunstformen.)

Künstler oder Künstlerinnen schaffen zunächst aus einem inneren
Bedürfnis oder Wunsch heraus, nicht aus Geldinteresse. Aber natürlich
müssen auch KünstlerInnen ihren Lebensunterhalt sichern können.

Bestandsaufnahme:
Aktuell ist es so, dass KünstlerInnen nur in den seltensten Fällen von
ihrer Kunst leben können. Das große Geld machen überwiegend
(künstliche, aber nicht kunstvolle) Produkte wie Britney Spears, früher
Milli Vanilli usw. Das Kauf- und Hörverhalten von Musik wird zu einem
großen Teil von den Rechteinhabern, den großen Musikkonzernen,
gesteuert. Gute MusikerInnen haben fast nur dann eine Chance, ihre
Kunst zum Beruf zu machen, wenn einer der fünf großen Oligopolisten sie
für gut vermarktbar hält. (Mir fällt nur eine aktuelle Ausnahme ein:
Manu Chao, aber der ist gleichzeitig auch "Lebenskünstler".)

Schnitt. Es gibt kein "geistiges Eigentum" mehr.
Natürlich machen Menschen weiterhin Musik, spielen bzw. singen alte
Sachen nach, komponieren und texten neue Sachen. Proberäume für
"Nachwuchs-MusikerInnen" werden - wie auch heute - im Keller
eingerichtet oder von der Gesellschaft (Kultur- und Jugendämter)
bezahlt.
Örtliche Musik-Initiativen (in fast jeder mittelgroßen Stadt zu
finden), Kneipen, Vereine usw. organisieren - wie auch heute - kleinere
Konzerte. Darüber können KünstlerInnen einen höheren Bekanntheitsgrad
erreichen. Mit Konzerten und Tonträger-Verkauf wird Geld gemacht, auch
wenn beim Tonträger-Verkauf der Umsatz geringer sein wird, vielleicht
auch der Teil vom Umsatz, der bei den KünstlerInnen ankommt.
Das Puschen, das künstliche populär-Machen von Bands zahlt sich weniger
aus, denn wenn Plattenfirma X eine Band puscht, kann Plattenfirma Y
ebenso davon profitieren, aber wegen des in der Werbung gesparten
Geldes die CDs für weniger Geld anbieten. Der breite Musikgeschmack
wird somit weniger von Plattenfirmen gesteuert sein, dafür mehr von
Musikkritiken, Mund-zu-Mund-Propaganda, Radio-MacherInnen (die dann
nicht mehr einfach das spielen können, was ihnen die großen Fünf
zuschicken, sondern die dann wieder selbst auswählen können/müssen)
usw.
Jetzt ist MusikerIn X irgendwann so populär, dass ihr die Einnahmen von
Konzerten und Tonträgern nicht reichen. Sie will ein neues Lied
produzieren und dafür mindestens 5.000 Euro sehen. Nun, niemand kauft
die vielzitierte Katze im Sack. Auch heute ist bei Musik nicht vorher
klar, ob sie sich gut verkauft. Sie muss also erstmal ihr Lied
produzieren und hinterher zusehen, dass sie dafür genug Geld kriegt.
Das klappt - mit oder ohne "geistiges Eigentum" - nur selten.
Vorschlag: Sie produziert ihr Lied und stellt es in schlechter Qualität
(sagen wir: mp3 stereo 64 kBit/s) ins Netz. Sie sagt: Wenn ich Zusagen
über 5.000 Euro habe, veröffentliche ich das Lied in guter Qualität.
Sie sammelt juristisch verbindliche Zahlungszusagen, bis sie 5.000 Euro
zusammen hat. Alle, die mindestens 2 Euro zugesagt haben, erhalten das
Lied dann als erste in guter Qualität per Mail. Wer mindestens 10 Euro
gegeben hat, bekommt außerdem die CD zugesandt. Damit ist das Lied
veröffentlicht, und die KünstlerIn hat ihr Geld sicher. Von jetzt an
kann das Lied (weil es erst jetzt in brauchbarer Qualität
veröffentlicht ist) frei kopiert werden. Als CD wird es natürlich
zusätzlich vertrieben, denn echte Fans wollen immer ein Original haben.
Und außerdem nimmt die KünstlerIn weitere Geldgaben entgegen. Wie einer
StraßenmusikerIn werden ihr zwar nicht unbedingt Millionen gegeben,
aber da sie auch weit über eine Fußgängerzone hinaus bekannt ist, kann
schon eine ganz nette Summe zusammenkommen. - Kommen die gewünschten
5.000 Euro nicht zusammen, dann war das Lied eben ein Flop. Sowas kommt
vor - mit oder ohne "geistigem Eigentum". Die KünstlerIn kann dann
selbst entscheiden, ob sie ihr Lied dennoch in guter Qualität
veröffentlicht, oder nicht.
Neben den erwähnten Finanzierungsmöglichkeiten bleiben natürlich noch
die klassischen Möglichkeiten wie Förderung durch Kunstvereine,
öffentliche Gelder, Werbeträger, Kunstbegeisterte Einzelpersonen usw.

Voraussichtliche Folgen der Abschaffung "geistigen Eigentums" im
Bereich Musik:
Mehr MusikerInnen werden in begrenztem Rahmen populär, weniger
MusikerInnen werden zu millionenschweren Weltstars gepuscht. Die
Bedeutung von Mainstream-Musik nimmt ab, verschiedenere KünstlerInnen
haben eine Chance, nennenswert wahrgenommen zu werden. Kommerziell
begrenzte Veröffentlichungen bleiben auch über Konzert- und
Tonträger-Einkünfte hinaus möglich, wenn die KünstlerIn ihr Werk vorher
in verminderter Qualität zum Probehören anbietet.

andere Kunstformen als Musik:
Das über Musik gesagte dürfte auch für Literatur gelten.
Bei schaffender Kunst (Malerei, Bildhauerei etc.) ist es auch heute so,
dass das einmalige Kunstwerk einen um Größenordnungen höheren Preis
hat, als kaum unterscheidbare Nachbildungen. Meist sind es
KunstliebhaberInnen, Privatpersonen, öffentliche Einrichtungen oder
kommerzielle Firmen, die sich mit solchen Werken schmücken und dafür
den entsprechenden Preis zahlen.
Bei Architektur spielt "geistiges Eigentum" wohl eine zu
vernachlässigende Rolle, Gebäudebau ist einfach - ob Original oder
Imitat - ziemlich teuer, und wer auf gute / teure Architektur wert
legt, wird sich nicht mit einem Imitat zufrieden geben.

Habe ich was Wichtiges vergessen?


2. Software

Softwareprodukte, die von vielen Menschen genutzt werden, entwickeln
sich auch ganz hervorragend, ohne dass die Software-Nutzungsrechte
eingeschränkt sind. Betriebssysteme, Textverarbeitungen,
Tabellenkalkulation, Webbrowser, Webserver, E-Mail-Clients,
SMTP-Server, Audioplayer, Audioencoder usw. usf.
Wie die Entwicklung von OpenSource-Software (GPL oder BSD oder andere
offene Lizenzen) funktioniert, muß ich hier wohl nicht mehr erklären.
Für gute allgemein-brauchbare Software mit einem großen
InteressentInnenkreis gibt es bereits hervorragende Konzepte.
Derzeit nutzt die GPL das Recht auf "geistiges Eigentum", um sich davor
zu schützen, von anderen vereinnahmt vereinnahmt zu werden. Das
entscheidende an der GPL (im Gegensatz zur BSD-Lizenz) ist, auf
geistiges Eigentum zu pochen, um andere daran zu hindern, sich die
geistigen Leistungen der ursprünglichen EntwicklerInnen anzueignen. Das
"geistige Eigentum" der GPL ist ein Schutz vor "geistigem Eigentum".
Mit kostenloser und quelloffener Software (free beer _and_ free speech)
läßt sich hervorragend arbeiten. Sei es ein Betriebssystem Linux, ein
Office-Paket OpenOffice, ein Browser Mozilla, ein Audioformat Ogg
Vorbis usw. usf.
Das Hauptproblem von freier Software ist "geistiges Eigentum". Freie
DVD-Player sind nur ein Problem wegen des unfreien Abspielschutzes CSS.
Treiberverfügbarkeit ist nur ein Problem wegen geheimer Treiber für
unfreie Betriebssysteme. Inkompatibilitäten, weil verschiedene
Hersteller wegen Marktbeherrschungswünschen oder Patenten offene
Standards meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Für übliche, bei vielen Leuten anfallende Aufgaben wäre freie Software
jenseits von "geistigem Eigentum" ideal. Es ist das "geistige
Eigentum", das es zum Beispiel für Linux- oder BSD-Systeme so schwer
macht.

Anders bei spezieller bzw. speziell angepasster Software. Solche
Software wird in großen Unternehmen von der eigenen EDV-Abteilung
geschrieben, in kleineren Betrieben werden externe Firmen mit der
Programmierung beauftragt. Daran würde sich auch ohne "geistiges
Eigentum" nichts ändern. Nur wird der Aufwand geringer, wenn die
ProgrammiererInnen auf Funktionen zurückgreifen dürfen, die andere
vielleicht schon geschrieben haben.

Freie Software erhöht den Lebensstandard, obwohl sie das
Bruttosozialprodukt verringert. Das will vielen nicht einleuchten, die
in klassisch wirtschaftlichen (Konkurrenz- und Profit- und
BSP-)Kategorien denken, ist aber dennoch wahr. Freie Software ist damit
auch ein gutes Beispiel dafür, dass die klassischen BWL- und
VWL-Kategorien eben nur eine sehr begrenzte Gültigkeit haben.

(Fortsetzung folgt)


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