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mehr als 1000 Beiträge seit 07.01.2000

geistige Werte ohne "geistiges Eigentum" (Teil 2 von 2)

(Fortsetzung von:
"geistige Werte ohne "geistiges Eigentum" (Teil 1 von 2)")


3. Wissenschaft und Forschung

In der Wissenschaft ist (bzw. war bis vor wenigen Jahrzehnten) es
überwiegend üblich, Forschungsergebnisse zur freien Verfügung zu
stellen. Wissenschaft lebt davon, auf der Grundlage anderer Forschung
weitere Forschung betreiben zu können. Neue Forschungsergebnisse haben
fast immer ein paar dutzend vorherige Forschungsergebnisse zur
Grundlage (die wiederum x Forschungsergebnisse zur Grundlage haben
usw.), und es würde schlicht einen großen und unproduktiven Aufwand
bedeuten, da im Einzelfall auseinander zu dividieren, wer jetzt welche
Anteile an einem Forschungsergebnis hat.
Nur wird wissenschaftliche Forschung nicht nur von (inzwischen auch
nicht mehr allzu) unabhängigen Universitäten betrieben, sondern
natürlich auch von großen Industriekonzernen, die die
Forschungsergebnisse (z. B. im Bereich der Pharmazie) wirtschaftlich
verwerten wollen.
Das führt dann dazu, daß z. B. x Pharmakonzerne auf der gleichen
Forschungsgrundlage Untersuchungen machen, um als jeweils erste (darauf
kommt es an, früher oder später werden die anderen zum gleichen
Ergebnis kommen) zu einem patentierbaren Ergebnis zu kommen. Neben der
unsinnigen Vergeudung von Arbeitsaufwand (Konkurrenz statt
Zusammenarbeit) führt das natürlich auch zu überflüssigen brutalsten
Tierquälereien (Medikamente wie auch Kosmetika müssen innerhalb ihrer
Entwicklung entsprechend getestet werden). Irgend ein Pharmakonzern
kommt dann als erster zu einem verwertbaren Ergebnis und läßt sich
dieses Ergebnis - zu dem die Konkurrenz wenig später auch gekommen wäre
- schützen. Dieser Pharmakonzern kann dann die Preise diktieren. Gerade
bei Medikamenten sind die potenziellen KäuferInnen natürlich bereit,
jeden Preis zu bezahlen, den sie aufbringen können. In einem reinen
Kapitalismus, in dem das Recht auf "geistiges Eigentum" nicht
eingeschränkt wäre, würde der Pharmakonzern bei der Preisbestimmung den
Preis einen lebensrettenden Medikamentes so bestimmen:
Wir könnten 100.000 Kranke retten, wenn wir das Zeug für 10 Euro
verkaufen (Umsatz = 1.000.000 Euro).
Wir könnten 30.000 Kranke retten, wenn wir das Zeug für 100 Euro
verkaufen - die übrigen 70.000 Kranken haben keine 100 Euro, auch wenn
es um Leben und Tod geht (Umsatz = 3.000.000 Euro).
Wir könnten 10.000 Kranke retten, wenn wir das Zeug für 1.000 Euro
verkaufen. (Die anderen können sich's nicht leisten - Umsatz:
10.000.000 Euro.)
Wir könnten 3.000 Kranke retten, wenn wir das Zeug für 10.000 Euro
verkaufen. (Umsatz: 30.000.000 Euro.)
Wir könnten 1.000 Kranke retten, wenn wir das Zeug für 100.000 Euro
verkaufen. (Umsatz: 100.000.000 Euro.)

Wie wird ein marktwirtschaftliches Unternehmen handeln, wenn es "dank"
"geistigem Eigentum" ein Monopol auf das Produkt hat? (Meine Zahlen
mögen nicht ganz korrekt sein, aber was ich meine, sollte klar geworden
sein.)

Das zu kapitalistisch motivierter Forschung.
Aber auch öffentlich finanzierte Forschung ist nicht automatisch frei.
Das Audiokompressions-Verfahren mp3 (MPEG 1 Layer 3) zum Beispiel wurde
in erster Linie mit öffentlichen Geldern finanziert, dennoch hält das
Fraunhofer-Institut die entsprechenden Patente und nutzt sie
wirtschaftlich aus. Zum finanziellen Nachteil der BenutzerInnen von
mp3, versteht sich.

Was spricht gegen das gute alte Prinzip, Forschungsergebnisse frei zu
nutzen und zu veröffentlichen? Einfach ohne Patente zu leben?
Natürlich, die Forschung müßte öffentlich finanziert bzw. (in Firmen)
bezuschußt werden, aber was spricht dagegen? Global gesehen ein
wesentlich effektiverer Weg als das aktuelle "x ForscherInnen forschen
an der gleichen Sache und versuchen die schnellsten zu sein". Global
gesehen ein wesentlich effektiverer Weg als das aktuelle "Wer etwas
erfindet / entdeckt, kann dafür jeden Preis verlangen.".


Nein, meine Ausführungen sind bestimmt nicht perfekt. Ich habe bestimmt
gute Alternativen zur aktuellen Mangelwirtschaft mit "geistigem
Eigentum" mißachtet, die eine Beachtung verdient hätten. Ich habe auch
meine prinzipiellen Gründe zur Ablehnung von "geistigem Eigentum" nur
am Rande erwähnt.
Ich meine mit dem oben Geschriebenen auch nicht: So soll es sein, und
nicht anders. Ich wollte nur Beispiele aufschreiben, was heute (mit
dieser Konstruktion "geistiges Eigentum") schlecht läuft, und was ohne
diese Konstruktion besser laufen würde. Meine Alternativen lassen sich
verfeinern, völlig neue Ideen können hinzukommen. Aber meine Beispiele
reichen hoffentlich aus um zu überzeugen, dass dieses dubiose Konstrukt
"geistiges Eigentum" weder nötig noch sinnvoll, sondern im Gegenteil
kontraproduktiv ist, unnötige Arbeiten verursacht und Menschen daran
hindert, erbrachte Leistungen zu nutzen.

Das uralte (hier auch gegen mich vorgebrachte) Argument, Kopien würden
jegliche Weiterentwicklung verhindern, glaube ich entkräftet zu haben.

Gruß


Holger

P. S.: Dieser Text steht natürlich unter der aktuellen GPL. Wenn er
weiterentwickelt wird: um so besser!


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