aus ein
Ansicht umschalten Baum an
Avatar von lirum_larum_loeffelstiel
  • lirum_larum_loeffelstiel

147 Beiträge seit 09.10.2002

Re: Hirn verkleistert?

bob der baumeister schrieb am 8. September 2003 10:30

> Da liegen wir auf einer Linie. Ich würde auf das Überleben der MI
> auch keinen Cent mehr wetten. Eine neue Form der Vergütung von Kunst
> (Musik ist das heutige primäre Problemfeld, aber das Problemfeld
> Literatur wird noch kommen) ist notwendig. Jetzt sind wir in einer
> Umbruchsituation, in der die Wünsche und Bedürfnisse von Musikern und
> Konsumenten neu zum Vorteil beider zusammengebracht werden könnten.
> Nur wird das nicht genutzt. Wer meint, dass dadurch Musik preiswerter
> wird, der irrt. Es wird ein größeres Angebot geben, das aber nicht
> durch Massenware subventioniert werden wird. Zur Zeit unterbezahlte
> Künstler werden zu recht eine höhere Vergütung fordern. Meine
> pessimistische Einschätzung: Je länger wir warten, desto schwieriger
> wird es. Die "Kostenlos-Kultur" hat dazu geführt, dass immer mehr
> junge Leute nicht mehr bereit sind nur einen Cent für Musik
> auszugeben. Musik gehört zu deren Leben, wie Luft zum Atmen. Ohne
> Knopf im Ohr fällt jeder Schritt schwer. Stille hat was bedrohliches.
> Die 24-Stunden-Berieselung empfinden sie als Grundrecht. Hier
> Verständnis für die Rechte der Künstler zu finden und wieder zu
> wecken, wird unmöglich sein.

Ja, eine schwierige Situation beim Umbruch zur reinen
Informationsgesellschaft. Die "Kostenlos-Kultur" für Kunst und
kunstartiges ist definitiv ein Problem. Ich glaube auch das die
Probleme bald für Druckerzeugnisse und wenn nicht sogar schon
bedrohlich existent für die Filmbranche kommen wird. Das Problem ist,
das niemand sich dem Problem unvoreingenommen annehmen kann oder
will. Meist wird DRM gefordert. Da bin ich nicht überzeugt ob das
überhaupt ein Kunde will und viel wichtiger annehmen wird. Weil
plannen kann man viel, wenn die Menge mit den Füßen abstimmt,
zerfällt alles zu Luft. Wie man in der letzten Zeit häufig beobachten
konnte. Das verklagen von 50 Millionen Usern ist unmöglich. Das
verklagen von einzelnen ist PR Selbstmord. 
Letztlich benötigt man eine regulierende Hand (der Staat) der das
ganze mal untersucht und eine vernüftige Zukunft ausarbeitet. Da
unsere Politiker verständlicherweise sich aber nicht gegen eine
Industrie stellen so lange sie noch existiert, hoffen Sie das sich
das ganze selbst regelt. Das wird es auch, aber vielleicht viel
ungünstiger als wenn man gleich die richtigen Weichen stellen würde. 

Sprechen wir nochmal über die MI:
Ich befürchte auch das in naher Zukunft das ganze noch mehr zu
ungunsten der Künstler kippt. Was ich sehr bedauerlich finde.
Anschließend wird DRM massiv in unser Leben brechen. Dann wird es
spannend ob es sich wirksam durchsetzen läßt. Ich bezweifel das jetzt
mal. Das Ende vom Lied wird vermutlich sein das erstmal eine gesammte
Branche umdenken muß. Das wird wie immer die Stunde derer sein, die
den Zeitgeist erfassen und marktgerecht arbeiten. Bedürfnisse finden
und befriedigen. Wieso sollte niemand 5 Euro im Monat bezahlen um zum
Beispiel 50 Downloads frei zu haben und ordentlich über
Neuerscheinungen/Oldies aus seinem Bereich informiert zu werden. Das
sind wir wieder bei dem Punkt das die Dienstleistung
Informationsversorgung Geld wert ist. Richtig organisiert und Fair im
Preis durchbricht diese Dienstleistung auch kein Illegaler Anbieter.

Witziger Weise ist der Einzige der das vernüftig anbieten kann
eigentlich die MI, um auch ein umfassendes legales Angebot anbieten
zu können. Die aber ist beweglich wie ein 20 Tonner ohne Räder. 4-5
Jahre nach Napster haben die 5 großen Labels (bald vermutlich nur
noch 4) kein ordentliches Onlineangebot. Warum ? Weil die
Dienstleistung wesentlich günstiger und ungeschützt erwartet wird.
Das versucht die MI zu umschiffen und verliert viel wertvolle Zeit.
Dafür werden die Führungsetagen aber meiner Meinung nach noch bitter
zahlen müßen.

Ich vergleiche das ganze oft mit dem Umbruch von Kutschen zum Auto.
Die Kutschenhersteller versuchen im Moment ihre Kutschen durch
Beschränkungen in der Art zu ändern das sie nicht mehr auf Strassen
fahren. Sie vergessen dabei das ihre Produkte dadurch noch
uninteressanter für den Kunden werden. Ein böser Fehler in meinen
Augen.

Wie das ganze allerdings ausgeht ist sehr fraglich.

Vermutlich läuft es auf eine Pauschalabgabe auf Onlineverbindungen
hinaus. Auf den Zerfall der 4 großen Labels oder auf eine massive
Umgestaltung dieser. Oder sogar zu einem Aufkauf der gesamten
Musikverwertungsrechte durch ein Unternehmen (hier Problem der
Monopolisierung, aber die normative Kraft des faktischen könnte mit
einigen Auflagen dies ermöglichen ). Das das ganze teurer wird halte
ich noch für ein Gerücht. Die reine Dienstleistung der
Musikverfielfältigen ist nicht mehr viel Wert. Das kann jeder 12
jährige mit seinem Brenner (natürlich darf er es meist nicht). Die
Bewerbung und das Pushen von einzelnen Massenprodukten wird
mittlerweile von vielen abgelehnt und wird bald an seinen Grenzen
angelangt sein. (Siehe Viva & MTV Programm -> Abends keine Musik
mehr). Versuch mal au einer Party mit 20 gleichaltrigen eine CD zu
finden die alle hören möchten. Unmöglich, das war mal anders !!!

Der letztliche Profiteur könnten doch die Künstler werden, ihre
Dienste werden nach wie vor benötigt. Nur die Gewichtung 8% Künstler
zu 92% Label (der Labeleinnahmen) wird nicht mehr haltbar sein. Und
das ist der Grund warum die MI so kämpft. Den Verkaufsweg weiterhin
zu bestimmen - Produkte nach Ihren Vorstellungen zu pushen - ihre
Vormachtsstellung gegenüber den Künstlern zu behalten ist der Wunsch.

Beiläufig: Ob die Jugend allerdings ohne Knopf im Ohr keinen Schritt
mehr machen kann, mag ich zu bezweifeln. In meiner Generation saß
noch fast jeder zweiter mit einem Walkman im Schulbus. Wenn man mal
genau hinsieht ist das nicht mehr so. Dafür hat jeder jetzt ein
Handy. Die Vorstellung Musik wäre für die Generation Rap so wichtig
wie sie für die Generation Golf war, ist fraglich. Das hängt meiner
Meinung mit dem geänderten Produktprogramm zusammen. Subjektiv halte
ich unsere Musik von damals für Wertiger. Veteranentum oder Realität,
das muß sich jeder selbst beantworten, der beides kennt. Fakt ist
aber das die MI seit Jahren kaum noch Stars aufgebaut bekommt und das
auch zugibt. Woran könnte es liegen ? Ich denke die Massenprodukte,
die nicht durch die Künstler (wenn es noch welche sind und keine
dauerlächelnden Marionetten) sondern durch die Industrie bestimmt
werden sind hieran Schuld. Das ist auch was die Masse hier meint,
wenn sie nach Qualität schreit.

Das ganze bleibt sehr spannend zu beobachten und wird nicht ohne
Verluste auf allen drei Seiten (Künstler/MI/Kunde) ablaufen.

Bewerten
- +
Anzeige

heise online Themen