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  • Spooner

110 Beiträge seit 19.03.2008

Gedanken aus der Dusche eines Killerspiel-Spielers

Freitag, 20. März 2009

Ich stehe unter der Dusche. Das warme Wasser rinnt meinen Körper
hinab.
Gedankenversunken haftet sich mein Blick an einen imaginären Punkt
weit jenseits der Wandfliesen.
Die letzten Wochen war das Thema Amoklauf omnipresent und auch mein
Geist ist diesbezüglich eher grüblerisch gestimmt. Die große Frage
nach dem Grund, nach der Ursache beschäftigt nahezu jeden. Anfangs
waren die Meinungen sehr gespalten. Die einen sagten, die Medien
seien schuld daran, dann gab es welche die sagten die Schule sei
schuld daran und das ganze System, dann gab es welche die sagten
schon das Elternhaus sei schuld daran, dann gab es welche die sagten
Computerspiele seinen schuld daran und wieder Andere sagten, dass das
doch wohl mehrere Gründe hätte. Mittlerweile scheint alles mit einer
Stimme zu sprechen und in einem gemeinsamen Tenor wird reißerisch die
Sau durch's populistische Dorf getrieben. Gewaltverherrlichende
Computerspiele sollen schuld daran sein. Sogenannte „Killerspiele“.
Offenbar ist man sich darüber einig und unsere, sich in Hilflosigkeit
flüchtenden, Politiker werden nicht müde jeden in dieser Ansicht zu
bestärken. 
Ich drehe das Wasser wärmer. Die gleichgeschaltete Medienmeinung
lässt mich schaudern. Was ist wenn sie Recht haben? Wenn das was sie
über Computerspiele sagen wahr ist?
„WEHRE DICH NICHT, DEIN WEG IST LÄNGST VORHERBESTIMMT!“ ertönt eine
Stimme.
Erschrocken schnelle ich herum und muss mich kurz an der Wand
abstützen, um nicht in der nassen Duschwanne auszurutschen. Was war
denn das?!? Ich bin doch alleine in der Wohnung. Verunsichert linse
ich am Duschvorhang vorbei ins Badezimmer. Niemand da. Ich stell die
Dusche ab und lausche angestrengt. Nichts. Muss mich wohl geirrt
haben. Ich ziehe den Duschvorhang zu, dreh das Wasser wieder auf,
greife zum Shampoo und beginne mir die Haare zu waschen. Plötzlich
spüre ich ein Tippen an meinem rechten Ohr. Ich drehe meinen Kopf zur
Seite. Auf meiner Schulter sitzt ein kleines Teufelchen dem es
offenbar Spaß macht mit dem Zeigefinger gegen mein Ohrläppchen zu
schnippen. Es ist rot, hat zwei kleine Hörner auf dem Kopf, Hufe
statt Füßen und einen langen Schwanz. Wie man sich ein kleines
Teufelchen eben so vorstellt.
Ich bin verwirrt. Hab ja schon Einiges erlebt, aber das ist neu.
„Kannste mal  mit mit dem Schnippen aufhören?“ frag ich nach einiger
Zeit.
Es lässt seine Hand sinken und schaut mich an.
„Na, alles frisch?“ fragt das Teufelchen.
„Weiß nicht“, sag ich. „Bis grade eben dachte ich das jedenfalls.“
War wohl auch eher ne rhetorische Frage.
„Wer bist'n Du?“ frag ich. „Und was zur Hölle machst Du in meiner
Dusche?“
Ich starre kurz ins Leere. „Vergiss das mit der Hölle. Sag mir
einfach was Du von mir willst.“
„Ich bin die Stimme der Wahrheit“, sagt das Teufelchen. „Ich bin
gekommen, um Dir Deine Zukunft zu offenbaren.“
Für einen Moment überlege ich, ob ich nicht eine Mail an die
Stadtwerke schreiben sollte, um zu erfragen, ob unserem
Leitungswasser vielleicht irgendwas fragwürdiges beigemischt wird.
LSD oder so.
„Na dann leg mal los“ fordere ich das Teufelchen auf.
„Du wirst mal ein Amokläufer!“ sagt es.
„Ach hör doch auf!“ sag ich. „Amokläufer, ich? Wie kommste denn auf
so'n Scheiß?“
„Naja, ist ja nicht so, als läge es noch in Deiner Hand. Es besteht
kein Zweifel...“
„HÖR NICHT AUF IHN!“ unterbricht eine zweite Stimme.
Ich zucke kurz zusammen. Dann frag ich das Teufelchen: „Erwartest Du
noch jemanden?“ „Nö“, sagt es. „Du?“ „Au nich“, antworte ich.
Ich drehe meinen Kopf zur anderen Seite. Auf meiner linken Schulter
sitzt noch ein Teufelchen dem es offenbar Spaß macht mit dem
Zeigefinger gegen mein Ohrläppchen zu schnippen. Abgesehen von dem
auf Hochglanz polierten Heiligenschein, der über seinen Hörnern
schwebt, sieht es genau so aus wie das Teufelchen zu meiner Rechten.
„Kannste mal  mit mit dem Schnippen aufhören?“ frag ich nach einiger
Zeit.
Es lässt seine Hand sinken und schaut mich an.
„Na, alles frisch?“ fragt das Teufelchen mit dem Heiligenschein.
Ziemlich Déjà-Vu-mäßig. Aber vielleicht ist es auch nur ein Fehler in
der Matrix, was dieses ganze Szenario zumindest ansatzweise erklären
würde.
„Bist Du auch die Stimme der Wahrheit?“, frage ich.
„Wie kommste denn darauf?“, sagt das Teufelchen mit dem
Heiligenschein. „Stimme der Wahrheit, so'n Quatsch! Kauft einem doch
eh keiner ab.“
„Hey..!“ schallt von der rechten Schulter empört.
Will mich grade etwas beruhigen, da sagt es: „Ich bin der gesunde
Menschenverstand.“
Während ich noch überlege, was eine angemessene Antwort darauf sein
könnte höre ich mich wenig scharfsinnig sagen: „Ja Wahnsinn! Gesunder
Menschenverstand, an Dich hab ich schon gar nicht mehr geglaubt! Wo
warste denn die ganze Zeit?“
„Ach“, seufzt es, „Kurzarbeit, dumme Sache. Naja, jedenfalls bin hier
um Dich vor diesem selbsternannten Wahrheitsapostel zu bewahren.“
„Von wegen selbsternannt,“ sagt das Teufelchen auf der rechten
Schulter. „Der Fall ist doch wohl klar.“
„Ist er gar nicht“, tönt es von links. „Ist er wohl“. „Nein“, „Doch“,
„Nein“, „Doch“, „Nein“.....
„'Tschu....'tschuldigung....Jungs “, sag ich unsicher. „Was is'n
nun?“
„Na, nun überleg doch mal“, sagt das Teufelchen auf der rechten
Schulter. „Hast Du in Deinem Leben nicht schon unzählige Stunden,
Tage, gar Wochen mit dem spielen von Killerspielen zugebracht?“
„Naja, also ich...“
„...und willst Du etwa bestreiten, dass Du Dir täglich diese böse
Metalmusik reinziehst?“
„Des mag ja sein, aber...“, setze ich an.
„Na, also“, unterbricht es mich. „Wenn das mal kein eindeutiges
Geständnis ist. Wen willste denn als erstes abknallen?“
„Wie wär's mit Dir?“, sage ich trotzig.
„AHA!!!“, blökt es und zeigt mit dem Finger auf mich. Ok, war wohl
nicht die cleverste Antwort.
„Aber das macht ihn doch nicht automatisch zum Amokläufer“, meldet
sich das Teufelchen mit dem Heiligenschein zu Wort. „Schließlich hat
er ja gute Umgangsformen, pflegt ein normales Sozialverhalten  und
ist auch sonst ein netter Kerl.“
„Ja ja, es sind immer die harmlos wirkenden, netten Kerle die
irgendwann nen Abdreher kriegen.“
„Jetzt mal im Ernst, Jungs“, sag ich. „Ich bin doch im Grunde ein
psychisch gefestigter Mensch, der eigentlich eher gegen Gewalt ist.“
„Menschen ändern sich,“ schallt es von rechts. „Solche Spiele senken
die Hemmschwelle und vermitteln Kenntnisse.“
„Ach ja?“, kontert es von links. „Wenn Computerspiele also Kenntnisse
vermitteln, warum kann er dann immernoch keinen Feuerball zaubern?“
„Hm, zu wenig Mana?“, sagt das rechte Teufelchen schulterzuckend.
„Aber glaubst Du denn ernsthaft die würden sowas über Comuterspiele
sagen wenn es gar nicht stimmt?!?“
„Und ob sie das würden“, sagt das linke Teufelchen. „Weil sie lieber
blinden Aktionismus mit einem bequemen Sündenbock betreiben, als nach
der eigentlichen Ursache zu suchen.“
„Wie meinst'n das?“, fragen das rechte Teufelchen und ich unisono.
„Die notwendigen Diskurse werden nicht geführt, weil man sie offenbar
nicht führen will.“ klingt es von links. „Diskurse führen ist
unglaublich mühsam. Kostet Zeit. Am Ende noch Geld. Man müsste sich
am Ende noch verabschieden von liebgewordenen Überzeugungen. Macht
doch kein Mensch.“
„Ach, Quark!“, ruft es von der rechten Schulter. „Es muss ja was dran
sein an der Sache. Sonst würde doch nicht alle Welt über ein Verbot
solcher Spiele diskutieren. Also, mein kleiner Nachwuchsamokläufer,
woran haste denn so gedacht? Ehemalige Schulen liegen grad schwer im
Trend.“ Das Teufelchen reibt sich die Hände.
„Ok“, sagt das Teufelchen mit dem Heiligenschein. „Mal angenommen die
verbieten jetzt tatsächlich gewaltverherrlichende Computerspiele.
Glaubst Du wirklich, dass es dann nie wieder Amokläufe gibt? Was muss
denn dann das nächste mal als Sündenbock herhalten?“
„Horrormovies, Pornos, Actionfilme, Drogen, gewaltverherrlichende
Musik....“, legt das rechte Teufelchen los.
„Ja“, sagt das linke Teufelchen. „Ich glaub ja auch nicht, dass die
drauf kommen, dass es ein sozialgesellschaftliches Problem sein
könnte. Und selbst wenn sie drauf kommen, würden sie es niemals
öffentlich zugeben. Schließlich müssten sie dann zugeben, in ihrer
Position, in der sie für die Entwicklung der Gesellschaft maßgeblich
mitverantwortlich sind, Fehler gemacht zu haben.“
„Was'n für Fehler?“ frage ich.
„Das sie sich eine Ellenbogengesellschaft von dummem Konsumvolk ohne
Sozialverhalten herangezüchtet haben.“ sagt das linke Teufelchen.
„Ich denke ich hab genug gehört“, sag ich.
„Ja“, sagt das rechte Teufelchen. „Ich auch. Also, wann geht’s denn
nun los?“
„Überhaupt nicht“, sag ich.
„Du glaubst dieser Heiligenscheinschwuchtel doch nicht etwa?!? ES IST
DEINE BESTIMMUNG AMOK ZU LAUFEN!“ schnaubt das rechte Teufelchen mit
Schaum vor'm Mund.
„Ist es nicht“, sag ich. „Und jetzt verpiss Dich!“
Während es wütend Shampooblasen ausspuckt und sich beide Teufelchen
langsam auflösen keift es :“DAS WIRST DU NOCH BEREUEN! DU KANNST
DEINEM SCHICKSAL NICHT ENTRINNEN!“
Erleichtert spüle mir die Haare aus und will mich abtrocknen. Doch
ich kann nicht.
„Verdammt! Die Sau hat meine Handtücher geklaut!“

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