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  • Thomas Fischbacher

83 Beiträge seit 18.06.2003

Einige Beobachtungen zur Wikipedia

Mein persönlicher Eindruck von der Wikipedia ist, daß Qualität hier
sehr stark vom Gebiet abhängt. Ich möchte die Wikipedia hier weder
schlechtreden noch mit irgend welchen anderen Enzyklopädien
vergleichen - in der Enzyklopädie für Naturwissenschaft und Technik
stehen teils haarsträubende Dinge drin, und auch der Brockhaus hat
dann und wann peinliche Fehlerchen (siehe etwa den Eintrag zur
allgemeinen Relativitätstheorie: Geodäten in der Raumzeit, auf denen
sich Probekörper bewegen, haben nicht minimale, sondern maximale
Länge - das Prinzip maximalen Alterns!). Aber betrachten wir die
Wikipedia mal einfach für sich.

Bei mathematischen Spezialthemen, die etwa im Forschungs-Umfeld
wichtig werden, ist sie oft sehr nützlich, um z.B. mal schnell eine
Definition zu bekommen, die einen auf den richtigen Weg bringt - den
mathematisch gebildeten Leser vorausgesetzt.

Das, was ich dort so zu physikalischen Themen finde - insbesondere,
wenn diese auch in der populärwissenschaftlichen Literatur erscheinen
- ist oft so schlimm, daß es einem dabei die Fußnägel aufrollt, wenn
man die Hintergründe kennt. Und wer daran denkt, hier mal selbst Hand
anzulegen und Mißversändnisse zu korrigieren: keine Chance! Die
begeisterten Hawkingbuch-Leser mit herzlich wenig echter
physikalischer Bildung sind hier in der Überzahl und haben bei
etlichen Themen den Daumen drauf.

Richtig bitter wird das, wenn Google bei einigen Themen mit
zusätzlichen Priorisierungsregeln die Wikipedia künstlich hochrankt.
Sucht mal auf Google nach "Supergravitation". Erster Link: Wikipedia.
Da steht irgend ein Unfug von "Unstetigkeiten", wo
Nichtrenormierbarkeit gemeint ist. Sucht mal auf Google nach
"Quantenteleportation". Auch hübsch: "Entropie". Oder nehmen wir
einfach nur mal "Lichtgeschwindigkeit". Wieder: erster Treffer
Wikipedia.

In dem Artikel tauchen Sätze auf wie:

"Manche Atomreaktoren nutzen Wasser zur Abschirmung der radioaktiven
Strahlung."

Nein, nein, nein. Wasser dient als Moderator, um die schnellen
Neutronen zu thermalisieren, weil schnelle Neutronen einen zu
geringen Wirkungsquerschnitt haben, um Urankerne effektiv zu spalten
und eine Kettenreaktion am Laufen zu halten. Freilich kann man sich
auch darüber streiten, ob das in einem Artikel über die
Lichtgeschwindigkeit überhaupt etwas zu suchen hat.

Auf der Detail-Ebene sind solche Sachen wie die Länge eines
Lichtjahrs falsch. Wikipedia gibt 9.499 Billionen km an (=9.499*10^15
Meter). Man beachte: vier Stellen. Nachrechnen kann  das jeder - man
bekommt:

365.2422 Tage/Jahr * 24 Stunden/Tag * 60 Minuten/Stunde * 60
Sekunden/Minute * 299792458 m/s = 9.460528*10^15 Meter. 9.461 wäre
okay, 9.499 ist es definitiv nicht. (Google-Suche: "1 light year in
meter" gibt auch den korrekten Wert.)

Auf thematischer Ebene findet man freilich einen Abschnitt über
Tachyonen - Phantasiegespinst der Science fiction - aber rein gar
nichts über *Experimente* zur Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, oder
Experimente zur Bestimmung oberer Schranken für die Photon-Ruhemasse.

Zumindest im Hinblick auf die Darstellung der Physik kann man die
Wikipedia nur als beinahe schon gemeingefährlich bezeichnen.

Aber vielleicht ist die Wikipedia hier auch mehr Symptom als Problem,
und das Problem liegt bei den pseudowissenschaftlichen Physikbüchern,
die Lesern Halbwissen plus das falsche Gefühl, etwas wirklich
verstanden zu haben, vermitteln.
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