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Darum Lifelogging

  Dieser Beitrag erschien auch auf meinem Blog: 
  http://karl-voit.at/2014/06/28/darum-lifelogging/

Lifelogging ist keinesfalls nur etwas für Spinner. Ohne, dass man das
mal ernsthaft ausprobiert hat oder sich tiefer damit
auseinandergesetzt hat, wird man wohl dazu tendieren, ein falsches
Vorurteil zu haben.

Viele Menschen betreiben Lifelogging, weil sie zum Beispiel
chronischen Erkrankungen durch penibles Loggen der Essgewohnheiten
auf
den Grund gehen wollen. Manche machen Lifelogging nur deswegen, um
eine Motivation für Veränderungen zu haben: die Strichliste von
konsumierten Kaffees um den Kaffeekonsum zu reduzieren; die Tage, an
denen Sport betrieben wurde, um sich mehr zu bewegen; und so weiter.

Manche machen Lifelogging, weil sie das Gefühl haben, die Daten
später
eventuell gut brauchen zu können. Daten über sich zu speichern kostet
quasi nichts mehr im Gegensatz zu früher. Und wenn man die Daten
automatisiert bekommt, braucht es da nicht mal einen laufenden
Arbeitsaufwand. Daher kann man sehr viele Daten sammeln, auch wenn
man
jetzt bereits *weiß*, dass man die überwiegende Mehrheit der Daten
nie brauchen wird. Der Punkt ist: man weiß aber auch nicht, *welche*
der gespeicherten Daten man nie brauchen wird und welche sehr wohl
einen Nutzen haben werden.

Ich bin auch mal ein paar Wochen mit einer ausgeborgten SenseCam[1]
herumgelaufen. Dabei habe ich als Personal Information Manager sehr
viel gelernt. So eine Kamera, die automatisch Bilder macht ist schon
sehr praktisch, wenn man Probleme hat, sich Gesichter zu
merken. Nicht, dass ein einzelnes Bild von großem Wert wäre - es sind
die Eindrücke und die Tagesabläufe, die nicht zuletzt auch bei
Alzheimer-Patienten für ein besseres Erinnern helfen.

Aber auch aus sentimentaler Sichtweise ist Lifelogging hilfreich.
Wäre
es nicht toll, wenn man aus der ich-Perspektive Bilder des gesamten
Tagesablaufes des ersten Schultages, des Tages der Matura (Abi für
die
Deutschen) oder des Einzugs in die erste eigene Wohnung hätte?

Im Gegensatz zu der Ansicht von Viktor Mayer-Schönberger (siehe dazu
sein Buch Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age[2]) ist
es
nicht zwangsweise so, dass man seine gesammelten Daten immer nur in
der Cloud aufbewahren muss. Ich selber lösche fast nichts, archiviere
fast alles und habe kaum Daten von mir in irgendeiner Cloud. Das
bedeutet natürlich, dass man Verständnis, Bewusstsein und Wissen
aufgebaut haben muss, um Lifelogging-Vorteile zu bekommen, ohne, dass
man Daten an Cloud-Anbieter verschenkt. Siehe auch das Video[3] einer
Podiumsdiskussion zu diesem Thema.

Eine gewisse Einschränkung muss man in direkter Folge hier ebenfalls
akzeptieren: Gadgets, die standardmäßig ihre Daten nur in die Cloud
schicken, um auf Webseiten die Auswertungen zu sehen, sind dann ein
No-Go. In diese Kategorie fallen die meisten Geräte/Services von
Google und Apple, Lifelogging-Personenwaagen, Aktivitätsarmbänder und
so weiter.

Es gibt noch sehr viel zu diesem Thema, das verschiedene Sichtweisen
erklärt. Lifelogging generell als Spinnerei zu verurteilen ist eine
sehr naive Sichtweise. Klarerweise gibt es bedenkliche Hypes,
kommerzielles Ausnutzen und wirklich sinnlose Dinge. Wichtig ist
dabei
nur, dass man das Thema differentiell betrachtet und nicht von vorn
herein negativ belächelt.

[1]
https://research.microsoft.com/en-us/um/cambridge/projects/sensecam/
[2] http://qr.cx/FPk6
[3] http://mur.at/streitgespraeche/sg-01.html

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