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Avatar von dj_meanmachine
  • dj_meanmachine

mehr als 1000 Beiträge seit 11.04.2002

Re: Damals entgingen wir knapp einer ähnlichen Katastrophe

alanra schrieb am 19. Oktober 2007 17:54

> Beim Anflanschen des Verschlusses an der Kanone im Inneren muss der
> Ladeschütze mit seinem rechten Knie an die Handkurbel zum Drehen des
> Turmes gekommen sein. Dadurch sprang er in den Grobtrieb.
> Gleichzeitig ging, durch welche Fehlfunktion auch immer, eine Salve
> von ca. 25 Schuss los.
> Da die Rheinmetallkanone asymetrisch im Turm eingebaut war, wurde der
> Turm durch den Rückstoss um seine Achse gedreht. Dabei wurde er immer
> schneller.

Bei der Oerlikon 35mm sind es zwei Läufe die so ziemlich in der Mitte
vom Geschütz liegen. Sogar wenn nur ein Lauf auf Dauerfeuer geht
sollte der Rückstoss den Turm nicht einfach so drehen können.

Was mich an der Story stutzig macht:

1.)

Die Dinger haben einen Sicherheitsschalter. d.h. ein Kabel geht vom
Geschütz weg, am Ende befindet sich ein Unterbrecher-Knopf. Jemand
muss diesen Unterbrecher-Knopf *konstant* gedrückt halten sonst
sperrt die Kanone den Ziel-Laser und den Feuermechanismus. Lässt
derjenige welcher dieses Kabelende in den Händen hält den Knopf los
ist es vorbei mit ballern. Eine Demontage dieses Sicherheitschalters
ist in der Schweiz nur im Kriegsfall vorgesehen. Bei einer Übung
aber? Forget it! Never ever. Zu gefährlich.

Beim Unfall in Süd-Afrika scheinen die aber genau das gemacht zu
haben :-/ ... Der Unterbrecher war demontiert ... sonst hätte man
bloss den Knopf loszulassen brauchen und das Geballere hätte ein Ende
gefunden bevor so viele sterben.

Bei der Oerlikon 35mm gibt's sonst herzlich wenige Quellen für
Unfälle vorausgesetzt man macht nicht absichtlich irgendeinen Mist.
Am gefährlichsten ist meiner Ansicht nach der "manuelle Abzug"
welcher unter einem Deckel im Boden steckt. Normalerweise wird die
Kanone hydraulisch bewegt, d.h. ein Motor läuft und versorgt die
Kanone mit der nötigen Energie; der Schütze im Cockpit hat sein stark
an einen Joystick erinnerndes Lenkrad; dreht er am Lenkrad dreht sich
die Kanone, wenn er die Griffe nach vorne kippt senken sich die
Läufe, zieht er sie nach hinten heben sie sich. Das ganze geht z.T.
rasend schnell, es braucht ein wenig Fingerspitzengefühl sonst
schlägt man sich mit dem Ding selbst K.O. ... ABER: Wenn das Benzin
alle ist und der Motor nicht läuft, braucht man seine Muskelkraft ...
Hebel links und rechts drehen den Turm bzw. senken oder heben die
Läufe. Beide Hände sind also besetzt ... um den mechanischen Abzug zu
betätigen braucht's jetzt die Füsse: eben jenes Pedal im Boden ...
welches normalerweise durch einen Deckel abgeschirmt ist so dass man
da nicht versehentlich drauf tritt. Normalerweise ... Dumm nur wenn
da trotzdem jemand drauf tritt. Dann geht das Ding sofort los ....

2.)

Der Feuerleitrechner: Im Cockpit der Kanone hat's ein kleines
Keyboard und ein kleines Display. Sieht aus als ob da jemand einen
Taschenrechner hingeklebt hätte. Das ist das Terminal des
Feuerleitrechners. Sehr einfach zu bedienen. Mit den Programmen auf
Menüpunkt #6 und #7 (sofern ich mich recht erinnere) lassen sich "No
Laser" und "No Fire" Zonen einrichten. D.h. ich kann der Kanone sagen
wo sie auf gar keinen Fall mit dem Laser herumzielen und hinballern
darf. Bei der Schweizer Armee ist das Standard-Prozedur: Sobald so
eine Kanone aufgestellt ist wird sie "eingerichtet", u.a. werden auch
diese Laser- und Feuerzonen definiert: Man ruft einfach das
betreffende Programm auf und fährt dann mit dem Visier die Umgebung
ab, z.B. wenn da ein Kirchturm steht fährt man grosszügig um die
äusseren Umrisse des Kirchturms herum ... die Kanone weiss dann:
Diese Zone ist "off limits", dort auf gar keinen Fall reinballern.
Und natürlich werden Sachen eingestellt wie gross z.B. der minimale
Neigungswinkel sein darf (so dass ich z.B. auf keinen Fall auf die
eigenen Truppen am Boden feuern könnte); die eigenen Truppen, die
eigenen Fahrzeuge usw. steckt man ebenfalls in die "No Fire" Zone so
dass die Kanone da nicht hinballern kann. Steht alles so im Handbuch.

Und in Südafrika?? Haben die Jungs das Handbuch als Klo-Papier
benutzt oder was? Es ist für mich nicht nachvollziehbar wie die auf
die eigenen Truppen ballern konnten. Sogar wenn der Unterbrecher
ausgebaut worden wäre, und sogar wenn ein Defekt im Feuerleitrechner
das Zielen und Feuern ausserhalb der Laser- und Feuerzonen erlaubt
hätte, so hätte aber die Steuerung der Hydraulik verhindern müssen
dass sich die Läufe erst so tief senken können ... Es sei denn
natürlich diese Sperre wurde auch ausgebaut???

Als jemand der das Schweizer Modell dieser Kanone "sehr detailliert"
kennen lernen durfte behaupte ich mal dass mit dem CH-Original so ein
Unfall bei korrekter Handhabung und Beachtung der Prozeduren und
Checklisten im Handbuch nicht möglich gewesen wäre.

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