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  • Twister

mehr als 1000 Beiträge seit 27.11.2000

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Eigentlich stand er auf der sicheren Seite. Sein kleines Lesegerät
hatte er mittlerweile direkt mit seinem Computer und diesen wiederum
über eine Anlage, die, je nach der Einstellung derjenigen, die sie
ansahen, als hirnverbrannt, erschreckend, geil, geeky oder auch
menschenverachtend bezeichnet wurde, direkt mit seinem Gehirn
verbunden. Natürlich wussten nur wenige davon, das war ja auch Sinn
der Sache. Seit die RFIDs jedenfalls "in" waren, war er zum
gefeierten Partylöwen aufgesteiegen. Er, der einstige Geek, der Sex
nur von den Sizzle-Seiten her kannte, war jetzt umschwärmt von Frauen
wie eine Glühbirne von Motten. Er hatte es halt drauf, war so
einfühlsam, so liebevoll, so... Er war eben "so".

Als er während einer Party Sabrina erblickte, rutschte ihm auch nicht
das Herz in die Hose, auch wenn sie gerade überirdisch hübsch war,
nein, er bekam nicht einmal einen Steifen. Für ihn war das eher
"child play". Er steuerte auf sie zu und lächelte während das
Lesegerät langsam Sabrinas Gestalt scannte und die relevanten Daten
sammelte und an den Computer weitergab. Er lächelte weiter.
Sabrina lächelte zurück. Sie zupfte eine Strähne ihres
mahagonifarbenen Haares zurecht und sah ihn erwartungsvoll an.
Scheinbar wartete sie auf etwas. Natürlich wartete sie auf etwas,
dachte er, kein Wunder, er musste etwas sagen. Aber irgendetwas
schien nicht zu stimmen, denn er wartete und wartete während sich in
seiner Kehle ein Kloß formte. Mann, er wollte diese Frau haben,
wollte sie heute noch zu sich nach Hause abschleppen, mit ihr vögeln.
Jetzt, heute! Und stattdessen streikte zum ersten Mal sein Scanner.

Sabrina lächelte noch immer abwartend. Betont lässig grinste er -
vielleicht stand sie ja auf Schweigen - und drückte vorsichtig mit
seinem rechten Arm gegen das Lesegerät. Sabrinas Lächeln zerfaserte
langsam.
"Hallo." sagte sie und er musste zugeben, ihre Stimme klang noch
sexier als er gedacht hatte. Aber ihm fiel partout nichts ein, was er
hätte sagen können. Es kamen einfach keinerlei Daten über sie. Kein
"kauft sehr gerne Parfüm von Dior", "trägt Kleidung aus der kleinen
Boutique am Stadtrand, durchschnittlicher Preis ca. 500 Euro pro
Kleid", "geht zum Friseur Le Figaro Infernal", "isst am liebten Tofu"
oder was auch immer. Einfach gar nichts. Er drückte wieder gegen das
Lesegerät und Sabrina begann sich zu fragen, ob dieser seltsame Mann
vor ihr vielleicht irgendwelche Koordinationsprobleme hatte. Er sah
ja ganz süß aus, fast wie ihr momentaner Freund, aber warum sagte er
nichts? Warum machte er immer nur diese komischen Bewegungen? War er
vielleicht schwachsinnig?

Er drückte jetzt in immer kürzeren Abständen auf das Lesegerät,
Schweiß war ihm ausgebrochen und er versuchte sich in Konversation,
die ihm noch nie ein Steckenpferd gewesen war. "Hallo... aeh, also...
ja... hallo..." stammelte er. "Aeh---" Herrgott, dachte er, was soll
ich denn jetzt reden? Er wusste nichts über sie, rein gar nichts.
Nichts, womit er sich einschmeicheln konnte, was zu "Oh, Sie kennen
den Laden", zu "oh, wie aufmerksam führte" oder zu "nein, dass Sie
das erraten haben". Totale Funkstille. Scheißapparat! fluchte er
innerlich. Worüber um Himmels Willen sollte er mit dieser absolut
wunderhübschen Frau reden? Er konnte sie wohl kaum mit dem neuesten
Kernel oder der Distri unterhalten.

Sabrina seufzte leise. Nun, scheinbar war er wirklich etwas seltsam.
Schade eigentlich.
"Schatz?" Jemand hielt ihr ein Sektglas hin und sie nahm es lächelnd
entgegen.
"Darling... wie wundervoll von Dir." flötete sie. "Ganz ganz
wundervoll, merci."
"Kein Problem."

Er starrte den Typen an - was war das für einer? Er sah kaum besser
aus als er zu früheren Geek-Zeiten: schlabbriges T-Shirt, Bauch, eine
Frisur, die man nicht einmal so nennen konnte (nahm er eine
Schafschermaschine?)...
DER war mit dieser Frau zusammen? Das konnte nicht sein.
Doch tatsächlich, die Rothaarige lächelte den Geek an, schenkte ihm
allerdings auch noch ein Lächeln bevor sie ging.
Er räusperte sich. "Sorry... aber... Sie nutzen keine RFIDs?"
Sabrina sah ihn aus ihren smaragdgrünen Augen an. "Aber nein." sagte
sie lächelnd. "Wirklich nicht."

Er sah ihr hinterher und hörte den Typen sagen: "Sabrina-Darling,
sagte ich schon, dass ich morgen etwas am Kernel verändern würde?"
Verdammt, dachte er, es wurde Zeit für eine einheitliche Kennnummer,
die jeder im Nacken trug. War ja noch schöner, dass die Weiber sich
hier einfach geheimnisvoll geben konnten!
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