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  • historiograf

185 Beiträge seit 15.09.2004

Wie man Daten monopolisiert

Ich wiederhole hier meinen Beitrag
http://archiv.twoday.net/stories/4165075/

Meinung: Wie man Daten monopolisiert
http://de.wikisource.org/wiki/Landgericht_Mannheim_-_Freiburger_Antho
logie

Die Causa (die BGH-Urteile vom Mai sind bei Wikisource verlinkt)
wurde meines Erachtens im Ergebnis von den Gerichten falsch
entschieden.

Es wurde über den Schutz des Datenbankwerks, für den eine
unerträglich niedrige Hürde angesetzt wurde, der Schutz für
wissenschaftliche Erkentnisse, der ja nicht bestehen soll
(Dreier/Schulze, UrhR ²2006 § 2 Rz. 41), über die Hintertür
eingeführt. Denn das geistige Konzept, aus einer größeren Zahl von
Gedichtesammlungen 14 und dann Gedichte statistisch auszuwählen, ist
vielleicht nur in einer Disziplin, in der hochgeistiges Geschwurbel
immer schon Hochkonjunktur hatte, innovativ oder originell.

De facto bedeutet das: Fakten und simple wissenschaftliche Verfahren
werden monopolisiert und qua Schutz des Datenbankwerkes 70 Jahre nach
dem Tod dessen Schöpfers der Verfügungsmacht eines Professors und
seiner Erben unterworfen (nicht etwa der der Universität, die ihm das
Geld zur Verfügung gestellt hat.)

Nicht auseinandergesetzt hat sich das Gericht mit der Frage, ob nicht
mehrere Wege zu dem angestrebten Ziel, zu einem gegebenen n (ca.
1000) die "wichtigsten" deutschen Gedichte aus einer bestimmten
Epoche nachzuweisen, führen könnten. Die 14 Gedichtesammlungen (ohne
Zweifel würden sich alle Fachleute in etwa auf diesen Kanon einigen,
sollten sie nach den wichtigsten Gedichte-Anthologien mit umfassendem
Anspruch gefragt werden) wurden ja ergänzt von der Auswertung einer
umfangreichen Auswertung von Gedichtesammlungen (Dühmert 1969). Diese
Vorgehen mag zwar in der Literaturwissenschaft neu gewesen sein, aber
es drängt sich jedem auf, der auf das vorgegebene Problem einen
quantifizierenden Ansatz verfolgt.

Das "Sich-zurücknehmen", indem man die Statistik entscheiden lässt,
vom LG Karlsruhe als schöpferisch gewertet, ist eine elementare
Eigenschaft jeden quantifizierenden Ansatzes und als rein
handwerklich zu qualifizieren.

Und natürlich hat sich der feine Professor Knoop nicht selber die
Hände schmutzig gemacht. Nachdem er seinen trivialen Algorithmus, der
in anderen wissenschaftlichen Disziplinen auf Kindergartenniveau
verortet werden würde, "erfunden" hatte, haben fleißige Hilfskräfte
die Arbeit gemacht, also gezählt und - aber darauf kam es nicht an in
dem Rechtsstreit - die maßgeblichen Ausgaben ermittelt.

Das Ganze war eine grandiose Steuergeldverschwendung. Zweieinhalb
Jahre lang und 34.900 Euro teuer. Macht bei den 1100 wichtigsten
Gedichten pro Gedicht 32 Euro pro Verstext.

Vermutlich hat es viele Monate gedauert, bis sich in des Professoren
Hirn der geniale Gedanke festsetzte, dass man ja nach Häufigkeit
vorgehen könnte.

Dann aber hätte es eigentlich flott gehen können. Wir machen eine
Tabelle, bei der wir die Gedichtanfangsregister und die
Inhaltsverzeichnisse der 14 Anthologien sowie die Vorarbeit von
Dühmert auswerten.

Autor - Gedichttitel - Gedichtanfang - Quelle.

Etwa 20.000 Daten sind auszuwerten.

Unterschiedliche Titel müssen anhand des Gedichtanfangs und des
Autors zusammengeführt werden.

Nichts, was nicht eine Handvoll Hilfskräfte in ein oder zwei Wochen
hinbekäme.

Aber die Mitarbeiter wollen ja auch leben, und daher dauert es
zweieinhalb Jahre und kostet 34.900 Euro.

Wenn Directmedia die 1000 wichtigsten Gedichte aus der gleichen
Epoche präsentieren will, wieso sollte die Firma auch nur einige
hundert Euro in eine vergleichbare Auswertung investieren, wenn
jedem, der seine statistischen fünf Sinne beieinander hat, klar ist,
*dass Häufigkeit in Anthologien das einfachste messbare Kriterium
ist, um die Bedeutung eines Gedichts festzustellen
* die Auswahl der 14 wichtigsten Anthologien sachgerecht ist und sich
durch Heranziehung weniger wichtiger Anthologien keine genaueren
Ergebnisse erreichen lassen?

Es war nur vernünftig und angemessen, die Liste der
Klassikwortschatzes lediglich manuell zu bearbeiten und so zu
verbessern/verändern.

Übernommen wurde ja nicht die genaue Rangfolge, sondern eine
bestimmte Liste, in die allein etwa die Hälfte der Texte durch einen
simplen Gegen-Check in der Dühmert-Sammlung hineinkam.

Dass der Bundesgerichtshof einem so trivialen Auswahlverfahren einen
Urheberrechtsschutz zugesprochen hat ist so, als hätte er einem
fünfzeiligen BASIC-Programm den Schutz als Computer-Software gewährt.

Man muss den Unsinn des LG Karlsruhe sich auf der Zunge zergehen
lassen:

"Der Ansatz, nach einer Auswahl von 15 maßgeblichen Sammlungen (14
Anthologien und die Monographie von Dühmert) die Auswahl auf Grund
rein statistischer Kriterien, nämlich der Anzahl der Nennungen, zu
treffen, ist keineswegs selbstverständlich und geht über das bloß
Handwerklich-Mechanische hinaus. Das Besondere liegt dabei darin,
dass sich der Ersteller der Sammlung nach der Auswahl der 15
Ausgangswerke im eigenen literaturwissenschaftlichen Urteil sozusagen
„zurücknimmt“ und die Anzahl der Nennungen in diesen Ausgangswerken
entscheiden lässt. Dies gilt unabhängig davon, nach welchen - hier
nicht im Einzelnen erläuterten - Kriterien die Ausgangswerke
ihrerseits ausgewählt wurden. Es sind zahllose andere Kriterien der
Auswahl von Gedichten aus den Ausgangswerken denkbar -
Rezeptionsgeschichte, „Bedeutung“ des Gedichts u.v.m. -, die zu einer
völlig abweichenden Sammlung führen würden. Die Entscheidung für das
statistische Kriterium zur Auswahl aus den 15 Ausgangswerken
begründet somit eine zumindest für die auch hier schutzfähige „kleine
Münze“ (vgl. Schricker/Loewenheim, § 4 Rdnr. 8) ausreichende
Individualität der Gedichtswahl. "

Dieses Gerichts hat aber auch nicht das geringste von
wissenschaftlichem Arbeiten verstanden. Wenn man "Bedeutung" als
anderes Kriterium angibt, wenn es darum geht, die "wichtigsten
Gedichte" auszuwählen, begeht man einen Zirkelschluss.

Geschützt wird ein einfacher Algorithmus, der bei Computerprogrammen
als allgemeine Rechenregel aus guten Gründen urheberrechtsfrei ist
(Dreier aaO § 69a Rz. 22).

Von einer "schmarotzerischen Ausbeutung" eines fremden
Arbeitsergebnisses, wie man den Sachverhalt in der - aufgrund der
Universitätsforschung und des fehlenden Vertriebs der Freiburger
Anthologie - nicht anwendbaren Terminologie des gewerblichen
Rechtsschutzes nach dem UWG nennen könnte, kann nicht die geringste
Rede sein.

Diese Urteile sind ein herber Rückschlag für die Freiheit von
Forschung und Lehre. Sie setzen die Schutzuntergrenze bei
Datenbankwerken inakzeptabel niedrig an und verwischen damit jeden
Unterschied zum Datenbankschutz nach den §§ 87a UrhG.
Datensammlungen, die aus wissenschaftlichen Gründen frei sein
müssten, auch wenn sie mit Mühe und immensem (wenngleich im
vorliegenden Fall eklatant übertriebenen) Aufwand erzielt wurden,
werden der Wissenschaft und freien Projekten entzogen. Triviale und
einfache Auswahlprinzipien insbesondere bei der literarischen
Korpusbildung müssen der Allgemeinheit unbeschränkt zur Verfügung
stehen.

Noch verheerender ist die ganze Angelegenheit, wenn man sich vor
Augen hält, dass Wissenschaftler "Open Access" in Bezug auf
Forschungsdaten unterstützen sollten. Es genügt für die
Naturwissenschaften ein Hinweis auf:

http://wwmm.ch.cam.ac.uk/blogs/murrayrust/

Die Ehrenkäsigkeit, mit der ein sonst nicht besonders exzellenter
Literaturwissenschaftler und seine Universität einen kommerziellen
Verlag, der doch gewisse Verdienste um die Allgemeinbildung hat (und
auch um freie Inhalte, siehe zuletzt zeno.org!) bis vor den
Bundesgerichtshof zerrt, kennt man sonst nur von den schlimmsten
"Global Playern". Die eigenen Forschungsergebnisse "gehören" einem
nicht, wie ein Haus oder ein Grundstück einem gehört. Sie sind, auch
wenn hart erarbeitet, nur möglich geworden, weil unzählige Gelehrte
seit Anbeginn der Zeit begonnen haben, Erkenntnisse zusammenzutragen.
Das meint das bekannte Bild von den Zwergen auf den Schultern von
Riesen. Eine Kultur des Austauschs und des wissenschaftlichen
Fortschritts wird durch solche degoutanten Aktionen epmpfindlich
getroffen.
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