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  • BliZZarD

918 Beiträge seit 17.03.2001

Re: Wie hoch ist denn der Performance-Gewinn durch die USE-Flag-Optimierung?

Hotten Fletcher schrieb am 13. Januar 2008 11:21

> Soweit ich das verstanden habe, erlaubt Gentoos Portage die Anpassung
> und Optimierung der zu kompilierenden/installierenden Programmpakete
> mittels bestimmter Flags.

Genau. Du kannst Einfluss nehmen auf:
- Compiler Flags
- configure Flags der Anwendung
- den Linker
- etc

Und das alles pro Anwendung (wenn Du willst).

> Bringt das denn in der Praxis wirklich einen signifikanten
> Performance-Vorteil ggü. Distributionen wie Ubuntu oder SUSE, wo der
> Kernel und die Anwendungen i.d.R. als fertige Binaries bereitgestellt
> werden?
>
Das kann ein Einzelner wie ich nicht beantworten. Signifikant
bedeutet für mich persönlich 30% und mehr Performance. Nun. Das kann
es mit Gentoo durchaus geben. Aber ich würde nicht sagen, dass es
durch das ganze Band so grosse Performance Steigerungen gibt. Aber
ich bin ehrlich mit Dir und gestehe, dass ich Gentoo nicht wegen der
Performance benutze (ich denke das machen viele Gentoo Benutzer genau
so). Der Irrglaube, dass Gentoo Benutzer nur auf Performance aus sind
ist sehr weit verbreitet und meiner Meinung nach falsch.
Viele Gentoo Benutzer möchten ihr System unter Kontrolle haben. Das
kann so was wie Ubuntu oder SuSE oder RedHat oder oder ... nicht
bieten. Nicht so flexibel wie Gentoo.

Lass mir dir ein paar Beispiele geben:

1) Du möchtest Apache installieren:
Bei den meisten Distris wir Apache, APR, APR Util, und weitere
installiert. Nun die APR Util kann verschiedene bindings haben. Auf
den meisten Distris wird automatisch MySQL, PostgreSQL und weitere
bindings mit installiert. Wenn Du aber nun nur MySQL benützen willst
hast Du zwangsläufig auch PostgreSQL und weitere Abhängigkeiten mit
installiert, obwohl Du das gar nicht brauchst.

Bei Gentoo ist das nicht der Fall. Dort entscheidest Du selbst welche
bindings/Abhängigkeiten mit genommen werden.

2) Du möchtest den Postfix MTA installieren:
Bei den meisten Distris wird Postfix mit einer beschränkten Anzahl an
Abhängigkeiten installiert. Bei CentOS ist unter anderem kein
PostgreSQL dabei. Wenn Du aber nun all Deine Daten in PostgreSQL
haben willst bist Du gezwungen Postfix aus den Quellen zu
installieren. Das Packaging-System von Red Hat/CentOS bietet Dir
keine einfache Möglichkeit das zu machen. Du musst selber SPEC files
schreiben, damit Du Postfix mit dem Packaging System installieren
kannst. Natürlich kannst Du von Hand etwas übersetzen und
installieren aber dann umgehst Du das Packaging System.

Bei Gentoo ist das alles nicht der Fall. Dort entscheidest Du genau
welche bindings gemacht werden und welche nicht. Das Binary ist genau
so wie Du es haben willst. Du sagst ob LDAP, MySQL, SQLite,
PostgreSQL, Milter, etc dabei ist oder nicht.

3) Du möchtest den statistischen Anti-Spam Filter DSPAM installieren:
Bei den meisten Distris wird genau vorgegeben in welchem Modus DSPAM
laufen soll. Ob mit "domain scale" oder "large scale" oder mit daemon
oder ohne daemon oder mit MySQL storage engine oder nicht, usw.

Bei Gentoo hast Du das alles selbst unter Kontrolle. Du bist Herr und
Meister der Installation und des Umfanges der Installation.

Natürlich könntest Du vieles auch von Hand machen auf Ubuntu, SuSE,
Red Hat, CentOS, Mandriva, etc. Aber bei Gentoo wird dir das alles
schon "out of the box" geboten. Alles bereits im Packet-Manager
mitgeliefert. Du entscheidest was drauf soll und was nicht. Natürlich
verlangt so was auch, dass Du weisst was Du willst und was die
einzelnen Möglichkeiten für Vorteile bzw Nachteile für Dich haben.
Bei den anderen Distris wird auf Dich keine Rücksicht genommen. Die
schreiben Dir vor was Du bekommst. Wenn es Dir nicht gefällt, dann
kannst Du von Hand Änderungen machen aber diese Änderungen werden
NICHT supported bzw es wird Dir nicht einfach gemacht diese
Änderungen vorzunehmen.

Wenn Du diese Freiheit nicht brauchst und Du auch keine Lust/Zeit
hast Dich in diese Angelegenheit einzuarbeiten oder diese
Verantwortung zu übernehmen, dann ist Gentoo NICHT die richtige
Distri für Dich. Vergiss das mit der Performance. Das ist nicht so
relevant. Natürlich holt man mehr Performance raus mit Gentoo aber
diese Performance kann man auch auf anderen Distris raus holen (wenn
man will). Der Performance Aspekt ist ein kleiner Teil von Gentoo.
Ein sehr kleiner Teil. Fast unwichtig.

Gentoo ist nicht ein Synonym für Performance. Definitiv nicht. Gentoo
ist viel mehr ein Synonym für Freiheit das zu machen was Du
willst/kannst. Ich kenne Menschen die so was nicht brauchen und auch
nicht suchen. Die sind mit anderen Distris viel besser bedient als
mit Gentoo. Und es gibt ja auch noch all die Windows und Mac OS X
Benutzer. Die kennen solch eine Freiheit erst gar nicht. Die brauchen
sie auch offenbar nicht. Kein Windows Benutzer (oder nur ganz wenige)
würden auf den Gedanken kommen Windows mit unterschiedlichen
Abhängigkeiten zu übersetzen. Die kennen so was gar nicht. Natürlich
würden sie von so was aber profitieren. Stell Dir nur vor Du könntest
Dein Windows so übersetzen, dass all der DRM Teil nicht mehr im
System vorhanden wäre. Solch eine Übersetzung ist mit Gentoo möglich.
Ohne grosses Tam-Tam.

Oder stell Dir vor Du würdest gerne alles statisch binden wie auf dem
Mac OS X? Alles kein Problem mit Gentoo. Eine einzige Einstellung und
schon ist die Sache geritzt mit Gentoo.

Oder stell Dir vor Du möchtest eine Distri auf Deinem SBC (Single
Board Computer) installieren. Mit den anderen Distris könnte es sein,
dass Du Dir die Zähne ausbeisst. Mit Gentoo wäre das kein Problem.
Einfach das richtige Profil auswählen und schon kannst Du ein
schlankes System ohne das grosse glibC und Konsorten installieren.

Ich hoffe Dir die Möglichkeit gegeben zu haben zu verstehen, dass
Gentoo nicht nur Performance bedeuted. Gentoo ist viel viel mehr als
das Jagen nach Performance Werten.

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