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  • Exilholsteiner

mehr als 1000 Beiträge seit 02.03.2015

Ich hatte ja anfangs Sympathien für Künast ...

... denn ich bin der Meinung, dass Beschimpfungen wie "Stück Scheiße" oder menschenverachtende Äußerungen wie die, dass jemand als Sondermüll entsorgt werden solle, in 99 % aller Fälle die Grenze des Zumutbaren überschreiten. Ich finde es prinzipiell in Ordnung, dass Künast das nicht auf sich sitzen lässt und dagegen vorgeht.

Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn sie jetzt gemeinsam mit ein paar anderen Feministinnen orwellsche Sprachverwirrung betreibt und anfängt, Blödsinn wie "verbale Gewalt" zu faseln. Es macht einen erheblichen qualitativen Unterschied, ob jemand nur verbal angegangen wird oder ob zusätzlich körperliche Kraftentfaltung (Gewalt) hinzukommt. Der Ausdruck "verbale Gewalt" ist also ein Widerspruch in sich, weil etwas, das nur verbal ist, ist eben keine körperliche Kraftentfaltung und damit keine Gewalt.

Gerade Künast als Grünen-Politikern sollte das eigentlich wissen. Wenn sie in den 80er Jahren bereits im Abgeordnetenhaus saß, dann hätte sie doch mitbekommen müssen, wie ihre Parteifreunde, die aus Protest gegen die Nachrüstung Sitzblockaden vor amerikanischen Kasernen veranstaltet hatten, von der Staatsmacht der alten BRD als Gewaltkriminelle verfolgt wurden. Das ging nur, weil die (damals noch von NS-Juristen geprägte) BRD-Justiz damit angefangen hat, den Gewaltbegriff zu "entmaterialisieren". Das Bundesverfassungsgericht setzte dem schließlich in den 90er Jahren ein Ende.

Auseinandersetzungen darüber, was man in einer öffentlichen Diskussion ertragen muss, hatten wir auch schon vor 20 Jahren. Stichwort: Soldaten sind Mörder. Damals waren es auch vor allem grüne Anhänger der Friedensbewegung, die wegen Wiederholung dieses Tucholsky-Zitats von beleidigten Soldaten vor die Strafgerichte gezerrt wurden. Sie wurden auch überwiegend verurteilt, bis wiederum das Bundesverfassungsgericht ein Machtwort gesprochen hat. Jetzt kommt eine Grüne Spitzenpolitikerin an und propagiert unter dem ausgesprochen vagen und deshalb unbrauchbaren Begriff "Hate Speech" Einschränkungen der Redefreiheit, die die ehemals grün-friedensbewegten Aktivisten der 80er und 90er Jahre in ihren schlimmsten Albträumen sich nie hätten träumen lassen.

Dafür, dass Frau Künast dann auch noch die Frauenkarte zieht, habe ich auch kein Verständnis. Ich weiß nicht, wie oft ich hier als Arschloch, Idiot, Dummkopf oder was auch immer beschimpft worden bin. Ich würde nie auf die Idee kommen, deswegen zur Polizei oder zur Staatsanwaltschaft zu laufen - schon allein deshalb, weil mir meine Zeit dafür zu schade ist. Ich bestreite, dass vor allem Frauen Ziel solcher Angriffe wären. Wer die Hitze nicht verträgt, der sollte sich von kontroversen Diskussionen fernhalten - unabhängig davon, wie viele X-Chromosomen (oder welche Gender Identity oder was auch immer) er oder sie hat. Das biologische Geschlecht oder das Gender oder was auch immer des Diskussionsgegners sollte keine Rolle spielen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (02.10.2019 12:43).

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