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  • die kleine Himbeere

mehr als 1000 Beiträge seit 25.10.2012

JPEG ist ein schönes Beispiel für die Problematik von Software-Patenten

Eigentlich hätte JPEG ja schon vor Jahren von JPEG-2000 abgelöst werden sollen, aber da niemand Lust hatte sich den ganzen Ärger mit den Patenten darauf anzutun, haben die meisten Hersteller darauf gepfiffen und sind einfach beim normalen JPEG geblieben.

Das Problem bei Patenten ist dabei ja nicht nur die Kostenproblematik, die zumindest bei sündteuren kommerziellen Produkten eher egal wäre.

Sondern die Problematik beginnt bereits damit, überhaupt heraus zu finden mit wem man hier Lizenzzahlungen vereinbaren müsste. Besonders schlimm ist es in Fällen, wo ein Verfahren von vielen einzelnen Patenten betroffen ist, und jedes davon würde Lizenzzahlungen an einen anderen Patentinhaber erfordern. Noch dazu sind diese Regelungen oft von Land zu Land unterschiedlich - ein administrativer Horror wenn ein Programm weltweit angeboten werden soll!

Daher hüten sich nicht nur OpenSource-Befürworter, sondern auch die meisten Anbieter proprietärer Software, patentbehaftete Algorithmen zu benutzen. Und tun es nur wenn es wirklich absolut keine Alternativen gibt, oder sie durch "Industriestandards" oder wegen Format-Kompatibilitäten dazu gezwungen werden.

Im Großteil der Fälle bedeutet es, dass ein Patent auf einem neuen Algorithmus zugleich das Todesurteil für dessen Verwendung ist.

Auch dafür kann JPEG als Beispiel dienen, denn die optionale arithmetische Kodierung wird auch heute noch nur von einer minderzahl an Software-Paketen unterstützt, weil sie patentverseucht ist (war?). Und das, obwohl JPEG-Dateien bei gleicher Komprimierungsqualität um einiges kleiner werden könnten als mit der Standard-Kodierung.

Millionen Nutzer digitaler Kameras mussten daher viel mehr Geld als nötig für größere Datenträger ausgeben, nur weil ein paar unsoziale A*****öcher sich eine goldene Nase mit Lizenzgebühren auf mathematische Verfahren (statt auf reine Implementationen, was ja noch OK wäre) verdienen wollten.

Ein weiteres Beispiel wären 1-Pass "AD"-Verfahren, die Verschlüsselung und Authentifikation in einem Durchlauf erledigen können.

Alle Verfahren die das Beherrschen sind patentiert, und daher verwendet die ganze Welt lieber 2-Pass-Verfahren, die mindestens den doppelten Rechenaufwand verursachen, aber nicht patentiert sind.

Und doppelter Rechenaufwand bedeutet auch doppelten Stromverbrauch und doppelte Umweltbelastung.

Man muss sich das einmal vorstellen - Millionen WLAN-Geräte auf der ganzen Welt verbrauchen für die Verschlüsselung doppelt so viel Strom wie notwendig wäre, nur weil ein paar Leute alle denkbaren 1-Pass-Verfahren patentiert haben.

Dabei hilft es auch wenig dass diese Patente oft nur in den USA gültig sind - kein großer Hersteller kann es sich leisten seine Geräte nicht auch in den USA anbieten zu wollen.

Der größte Vorteil von JPEG ist daher sein Alter: Selbst auf Patentierung spezialisierte Firmen tun sich schwer, Komponenten der Funktionsweise von JPEG im Nachhinein patentieren zu lassen, ohne dass es sofort bemerkt wird.

Es gibt viel neuere und viel bessere Bildformate als JPEG, und JPEG-2000 ist keinesfalls das einzige davon.

Aber da heutzutage fast alles was auch nur im Ansatz mit Computergrafik zu tun hat sofort von Patentforderungen vergiftet wird, schafft es kaum je ein neues Format sich in der öffentlichen Wahrnehmung (oder Produkten) zu etablieren.

JPEG ist daher weniger deswegen so beliebt und verbreitet weil es technisch gesehen besonders toll ist, sondern weil alle potenziellen Nachfolger-Formate durch Patent-Streitigkeiten zerfleischt wurden.

Dabei half es nicht einmal, wenn neue Formate mit dem expliziten Ziel designed wurden, patenttfrei zu sein: Im Nachhinein fanden sich dann doch immer wieder irgendwelche Patente, die so allgemein formuliert waren dass man mit ihnen Forderungen auf nahezu jedes neue Format erheben kann.

Und garantiert könnte man viele dieser Patente auch gegen JPEG in Stellung bringen. Davor hüten sich die Inhaber aber, weil dann offensichtlich würde dass JPEG schon vor den Patent-Erteilungen existiert hat, und sie daher eigentlich alle unwirksam da "prior Art" wären.

So bleibt uns also JPEG erhalten, aber Verbesserungen darf man so bald keine erwarten: Dafür sorgen die Minengürtel der Software-Patente auf grafische Verfahren und Komprimierungs-Verfahren.

Software-Patente gehören abgeschafft wo sie existieren, und international genau so geächtet wie Giftgas oder die Neutronenbombe.

Sie stehen dem Fortschritt im Wege, und machen ihn marktwirtschaftlich in vielen Fällen unmöglich.

Praktisch jede neue Idee baut auf früheren Ideen auf; das war schon immer so. Indem man die früheren Ideen patentiert, werden neue Ideen so unwirtschaftlich dass man lieber beim Altbewährten bleibt.

Daher heutzutage größtenteils Stagnation und nur noch schleichender Fortschritt, wo in den 80er Jahren noch eine technischen Revolution die andere im Jahrestakt jagte.

Aber damals spielten Software-Patente noch keine so große Rolle wie heute. Fast keine der Firmen die in den 80er Jahren große Neuerungen herausgebracht hat, könnte das heute noch tun. Sie würden sofort von Patentanwälten überfallen und zerfleischt werden.

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