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  • Doubleslash

mehr als 1000 Beiträge seit 12.01.2004

Schwarmintelligenz

Das schoene an der Open Source Community ist doch, dass es aufgrund der Groesse und Vielzahl von Beteiligten eine eingebaute Qualitaetssicherung in Verbindung mit einem Reality-Check gibt.

Wenn die Open Source Community bestimmte Sachen anders entwickelt, als man das als einzelner gerne haette, heisst das im Umkehrschluss, dass sich eine kritische Masse an Leuten anders entschieden hat - und dafuer gibt es in der Regel gute Gruende. Wuerde die alle falsch liegen, und trotzdem ein hoher Bedarf an der konkret gewuenschten Funktionalitaet vorliegen, kann man aufgrund der leichten Marktzugaenglichkeit in Open Source davon ausgehen, dass jemand schon laengt auf diesen Bedarf reagiert haette.

Wenn dies aber nicht der Fall, ist das ein guter Zeitpunkt sich zu fragen, ob das eigene Problem durch die Community nicht an anderer Stelle schon viel eleganter geloest wurde.

Ich stimme mit dem Autor hier nicht ueberein: oft hat man im Enterprise-Segment ein aehnliches Phaenomen - Anwender klassischer IT wuenschen sich von den neuen Open Source Technologien die Features der alten Loesungen. Beispiel: Backup von OpenStack-Umgebungen, Live-Migration von Containern, Disaster-Recovery durch Replikation bei KVM-Landschaften. Da gibt es sicher sogar einige, die dafuer richtig Geld bezahlen wuerden - aber auf diesen Zug mag so richtig niemand aufspringen. Warum? Weil die Masse bereits bessere Loesungen gefunden hat: OpenStack-Umgebungen sind API-getrieben und komplett durchautomatisiert, klassisches Backup braucht man nicht mehr und man sichert nur noch die Daten der Applikation selbst. Wer Live-Migration von Container-Workloads moechte, hat Immutable Infrastructure und die Entwicklung verteilter Anwendungen nicht verstanden und ein DR von KVM-Umgebungen a la vSphere SRM wird ebenfalls durch Configuration Management via Ansible, Puppet, Chef & Co. abgeloest.

Entweder die Community hat bereits bessere Loesungen gefunden, oder der Markt ist insgesamt einfach nicht gross genug um genuegend Nachfrage zu erzeugen, dass sich Community wie propriaetere Hersteller bemuehen wuerden eine gute Loesung zu bauen - die einen aus Gruenden des Fame&Glory und die anderen aus monetaeren Gruenden. Hier fuehren zwei von Grund auf verschiedene Marktregulierungsmechanismen zum selben Ergebnis.

Uebersetzt auf den Desktop-Bereich von Linux heisst das: das Gro der Anwender bzw. der Community hat einfach eine bessere Loesung gefunden oder die Anwendergruppe ist einfach nicht gross genug, um zu rechtfertigen, dass sich jemand hinsetzt und Treiberprobleme beseitigt, Energiemanagement verbessert oder eine durchdachte Oberflaeche mit moderener Endgeraeteunterstuetzung baut. Das sind naemlich nicht triviale Aufgaben, wie der Autor es hier darstellen moechte.

Vielleicht ist einfach an der Zeit einzusehen, das das Desktop-Thema mittlerweile anderweitig geloest wurde: entweder durch Umgebungen die "gut genug" sind, also macOS oder Windows oder Gnome oder KDE. Oder weil die Community einfach bessere Loesungen gefunden hat, und sich der moderne "Desktop" eigentlich nur noch im Browser abspielt. Dort gibt es naemlich sehr gut funktionierenden Open Source Technologien (Eclipse Che) oder eben einfach proprietaere Cloud-Loesungen, die "gut genug" sind - Google Apps.

Linux oder Open Source scheitert nicht an der Egozentrik von Entwicklern. Es scheitert an den Erwartungen von egozentrischen Leuten, die bisher nicht einsehen wollen, dass Open Source ebenfalls kein Wunschkonzert ist und es intrinsische Motivationsmechanismen gibt, die eine sinnvolle Allokation von Brain-Power und damit hochwertige Projekte garantiert. Das heisst im Umkehrschluss, dass ueberholte Use Cases und Nischenanwendungen langfristig aussen vorgelassen werden. Deshalb arbeitet das Gro der richtig guten Leute an Projekten wie Ceph oder Kubernetes und nicht an der x-ten Desktop-GUI.

Und ja, Desktop ist im Jahr 2017 ein ueberholter Use Case. Der Desktop-Markt ist gesaettigt, es gibt dort kein Wachstum mehr und der Zug faehrt laengst in eine andere Richtung. Man schaue sich dazu populaere Open Source Konferenzen an: dort haengen 90% der Leute vor einem MacBook, ChromeBook oder einem Thinkpad mit Linux auf dem zu 95% der Zeit ein Browser laeuft, in dem sich alles abspielt.

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