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  • Ulriko

mehr als 1000 Beiträge seit 26.06.2001

Intelligence != Intelligenz, aber AI = KI... Englisch in Beruf und Alltag

Verständnisprobleme entstehen nach wie vor durch naive Gleichsetzungen beim Übersetzen, vor allem bei ähnlich aussehenden bzw. etymologisch gleichen Wörtern. Das deutsche Wort Intelligenz hat einen engeren Bedeutungsumfang als das englische Intelligence, welches eher dem dt. Wort "Erkenntnisse" entspricht, also mehr mit Wissen und Fakten zu tun hat als das dt. Wort, welches mehr die Fähigkeit zum Verknüpfen und Bewerten von Fakten, also dem logischen Schließen zu tun hat.

Nach englischsprachigem Verständnis gehört also auch eine breite Wissensbasis und noch mehr statistische Erkenntnisse daraus bereits ganz klar zur Intelligence, nach dt. Verständnis nicht.

Siehe auch CIA = Central Intelligence Agency != zentrale Intelligenzagentur, vielmehr semantisch näher an "zentrale Erkenntnisgewinnungsbehörde".

Dass nun noch AI ins Deutsche als KI übertragen wird, der Inhalt jedoch durch die AI-treibenden Firmen aus USA bestimmt wird, verursacht, dass KI eben = AI ist oder wird. Die Auflösung von KI in "künstliche Intelligenz" verursacht dann wieder Debatten und Probleme.

Da es heute allgemein abgelehnt wird, falsche Wortfreunde als falsche Übersetzungen zu sehen und durch korrekte Übersetzungen zu ersetzen, wird uns dieses Problem erhalten bleiben. Zumindest so lange, bis das Deutsche komplett durchs Englische verdrängt ist. In "Business"-Umgebungen ist das ja schon halbwegs durch, außer Artikeln und Präpositionen sowie einer Handvoll Verben stehen ja auf den Powerpointfolien sonst fast nur noch US-englische Buzzwords als Nomen und zunehmend auch englische Adjektive. Und was das alles genau bedeutet interessiert die Leute dann interessanterweise gleich viel weniger, man lässt es halt an sich vorbeirauschen und tut so, als sei alles gut. Schließlich "können" alle Englisch, was auch immer das bei jedem Einzelnen bedeutet.

Ulriko

PS: Ich war mal in einem deutsch-indischen Projekt wo es zu Vertragsstreitigkeiten kam, weil der deutsche Projektleiter darauf beharrte, dass englisches "would" im Deutschen mit "würde" zu übersetzen sei und der daher eine völlig andere Interpretation eines wichtigen Satzes reklamierte als die indische Seite. Mein Versuch, ihn davon zu überzeugen, dass es in den meisten Fällen falsch ist, would mit würde zu übersetzen, und insbesondere in diesem Fall, fruchtete leider gar nicht, er schrie mich vielmehr an "would heißt würde, das weiß doch jeder Depp!" Nachdem die Sache nach einiger Zeit drohte, vor Gericht zu kommen, hat die Firmenleitung Gutachter bestellt. Ergebnis war, dass der cholerische PL aus dem Projekt entfernt wurde. Überhaupt war es interessant zu sehen, wie die ganze Kommunikation mit den Indern lief. Mein Vorabvorschlag, einen Übersetzer mit ins Projekt zu holen, wurde abgelehnt, auch wieder mit dem Spruch, "wir können doch alle Englisch". Als die Inder da ware, waren einige - auch Führungskräfte - plötzlich nicht mehr in der Lage, sich flüssig auszudrücken. Sie sagten dann Dinge, die sie sagen konnten, und nicht mehr die, die sie eigentlich sagen wollten. Manche sprachen kaum noch oder wiesen andere an, doch mal dies oder jenes den Inder zu sagen. Ich war von den Deutschen eindeutig der mit dem besten Englisch und habe mich auch an die Aussprache der Inder am schnellsten gewöhnt (ok, ich war schon durch die alabamesische und schottische "Schule" gegangen).

Ach ja, noch ein Gag: Die Inder fragten mich mal, ob ich in der Mittagspause schnell mal ein deutsches Dokument für sie übersetzen könnte. Das hatte ca. 100 Seiten. Es war nicht trivial, ihnen klarzumachen, dass man für komplexe Fachtexte _pro Seite_ etwa eine Stunde braucht, vorausgesetzt man versteht was von diesem Fach. Sie haben dann den "Personal Translator" gekauft und alle deutschen Dokumente durchlaufen lassen. Das Ergebnis war nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (07.10.2016 14:30).

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