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  • Tom_

mehr als 1000 Beiträge seit 02.07.2000

Ein bißchen Zensur...

gibt es genauso wenig, wie ein bißchen Schwanger.

Würde man im Internet nur gefährliche Inhalte sperren, man könnte
sich mit Magengrimmen damit mühsam anfreunden, denkt man. Doch leider
gibt es genauso wenig ein bißchen Zensur, wie es ein bißchen
Schwanger gibt.

Ist man erst auf den Geschmack gekommen, dann wird begeistert weiter
zensiert. Und schon verschwinden nicht nur gefährliche Inhalte (wer
definiert die?), sondern auch harmlose Inhalte, die lediglich
unbequem sind. Da man ja nicht möchte, daß eine offizielle Liste der
gesperrten Inhalte einzusehen ist, kann man sperren wie man gerade
lustig ist und keiner kann irgendetwas dagegen tun. Vielleicht sperrt
man morgen die Seiten von Greenpeace und übermorgen die der legalen
politischen Gegner.

Kinderschutz? Wo ist das Problem? In Deutschland kann kein Kind einen
eigenen Internetzugang anmelden. Und wie in anderen Bereichen auch
haften Eltern für ihre Kinder bzw. haben Aufsichtspflicht. Wenn
Eltern nicht in der Lage sind gemeinsam mit einem Kind im Internet
unterwegs zu sein, dann können sie wenn es unbedingt sein muß, privat
Filter einsetzen, bis das Kind alt genug ist, um in der Lage zu sein
auch ohne die Filter mit dem Internet sinnvoll und verantwortlich
umzugehen. Dazu gehört aber auch, daß man nicht nur einfach selber
filtert, sondern je nach Alter dem Kind dann auch klarmacht, daß das
Internet, wie die reale Welt nun einmal auch, nicht aus der Welt der
Schlümpfe stammt und selbst die ist ja nie wirklich ungefährlich
gewesen.

Hier will man aber nicht Internet für Kinder sicher machen. Hier will
man hinter dem Deckmantel des Kinderschutzes klar Zensur üben. Und
man beginnt, wie es für die Poltik schon immer bequem war, mit Seiten
deren Inhalt noch von vielen als zensurwürdig akzeptiert werden kann.
Aber leider sieht die Mehrheit noch nicht, daß man hier gefährliche
Präzedenzfälle schafft, denn einmal Zensur akzeptiert kriegt man den
Geist der Zensur leider nicht mehr so einfach zurück in die Flasche.
Glaubt jemand wirklich, daß man teuere Filtersoftware entwickeln
lassen würde, wenn es "nur" um die Naziseiten ginge? Wie naiv muß man
sein um das zu glauben?

Schon früh war es nicht nur dem Autoren von "1984" klar, was Zensur
für Folgen haben kann. Auch Heinlein schrieb ein Buch über die
Gefahren der Zensur. Im Gegensatz zu Orwell verschätzte er sich
allerdings um noch etliche Jahre mehr.

"...Ich blickte zuweilen über die Schulter, ob ich beobachtet würde,
und hatte grundlos Angst. Langsam erkannte ich, daß die Geheimhaltung
der Grundpfeiler aller Tyrannei ist. Nicht die Gewalt, sondern die
Geheimhaltung ... die Zensur.
            
Wenn eine Regierung oder auch eine Kirche zu ihren Leuten sagt: »Dies
darfst du nicht lesen, dies darfst du nicht sehen, dies ist dir
verboten zu wissen«, ist das Endergebnis Tyrannei und Unterdrückung,
ganz gleich, wie heilig die Motive sind. 
            
Sehr wenig Kraft ist notwendig, einen Menschen zu kontrollieren,
dessen Geist Scheuklappen angelegt worden sind. Umgekehrt kann keine
Macht der Welt einen freien Menschen kontrollieren, einen Menschen,
dessen Geist frei ist. Nicht die Folter, nicht die Atombombe oder
sonst etwas — man kann einen freien Menschen nicht besiegen, man kann
ihn höchstens töten..."
            
(Robert A. Heinlein, USA 1940)
            
Quelle:
Robert A. Heinlein
Future History - Die Vergangenheit der Zukunft
Heyne Verlag ISB N 3-453-00464-7

Gruß Tom_

/Manches Mal macht auch eine Wiederholung Sinn/
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