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  • Twister

mehr als 1000 Beiträge seit 27.11.2000

Zensur - Hoffnung oder Grund zum Verzweifeln

Es gibt in der letzten Ausgabe von YellowTimes einen sehr
lesenswerten Artikel über die Informationsfreiheit und die Ängste,
die das Internet in dieser Beziehung mit sich bringt.

Früher (also bevor wir surfend in entfernte Länder schauen konnten
sozusagen) haben wir mehr oder minder den klassischen Medien
vertraut.
Ein paar Printmedien wurden als "links", andere als "rechts"
eingestuft, aber man vertraue darauf, dass man durch Fernsehen
(Nachrichten) und Zeitungen genug informiert wurde.

Über viele Dinge hat man sich überhaupt keine großartigen Gedanken
gemacht, man hat sie gelesen und übernommen. 
Das Internet dagegen benötigt viel mehr Eigeninitiative.

Das Vertrauen auf die Legitimierung von Medien, das Vertrauen, dass
Zeitung xy "angesehen" und "seriös" ist während Zeitung y eben "von
Anarchos geschrieben wird", ist nicht mehr da. Denn das Internet
bringt uns dazu, selbst zu recherchieren.
Plötzlich haben wir zu einer Sache nicht mehr nur 2 Meinungen sondern
Hunderte oder Tausende, manche wirr, manche logisch klingend, manche
traurig, manche sentimentental, manche hasserfuellt.
Wir selbst sind gefragt uns eine Meinung - im wahrsten Sinne des
Wortes zu "bilden", eine Meinung aus vielen vielen Fragmenten.
Wir bekommen kein fertiges Puzzle mehr, wir bekommen Teile -
zusammensetzen muessen wir selbst. Und das Gemeine ist: manchmal
passen sogar mehrere Teile an eine Stelle. Dann muessen wir fuer uns
selbst entscheiden.
Das ist fuer viele nicht so einfach.
Ihnen ist es lieber, wenn jemand anders ihnen sagt, was gut, was
schlecht, was richtig und was falsch ist.
Die Eigenverantwortung, die man ihnen gibt, ist etwas, was sie
überfordert.

Informationsfreiheit jenseits der Zensur und der Einschränkungen aus
welchem Grund auch immer bedeutet eben sehr vieles, was uns fremd
vorkommt
Es bedeutet für die Politiker, sich mit dem "Volk" aus einander zu
setzen, es bedeutet auch, nicht nur 2 Wochen vor der Wahl an das
"Volks" zu denken, es bedeutet auch für Bildung zu sorgen damit
Kinder etc. nicht zu anfällig für andere Ideologien werden. Es
bedeutet, sich eben auch "rechtmaeßig" zu verhalten, denn das "Volk"
bekommt ja heutzutage - mehr denn je - mit, was wann wo passiert. 
Es wuerde für das "Volk" aber auch bedeuten, sich nicht nur alle 4
Jahre zu Wahlurne zu begeben und sonst auf die Politiker zu
vertrauen, nach 4 Jahren dann zu schimpfen oder zu loben und zu
wählen, sondern es würde bedeuten, sich permanent zu engagieren, sich
dauerhaft um Informationen zu bemühen.
Es würde auch bedeuten, seine Rechte wieder engagiert zu verteidigen
und so manches Mal durch das Geflecht von "wir meinen es gut mit
euch" zu schauen und eben auch bei unbequemen Meinungen nicht gleich
nach der Scheuklappe zu rufen.

Informationsfreiheit - das würde von allen, ob Eltern oder nicht, ob
Politiker oder nicht, ob Kinder oder nicht...ein Umdenken erfordern.
Kinder und Eltern müssten wieder lernen einander zu vertrauen,
genauso wie Politiker und das "Volk".
Da sind Verbote und Scheuklappen leider leichter.

Und so wie es natuerlich Eltern leichter faellt, einem Kind etwas mit
den Worten "ich weiß, was gut fuer Dich ist" oder "dafuer bist Du
noch zu jung" zu verbieten, faellt es Politikern eben leichter, den
Bürgern und Einwohnern etwas mit den Worten "wir wissen, was gut fuer
euch ist" oder "damit koennt ihr nicht umgehen" zu verbieten.
Alles andere wuerde viel zu viel Zeit und viel zu viel Annaeherung an
den anderen erfordern. Und Vertrauen.

Auf Zigarettenschachteln steht vielleicht noch eine Warnung, dass
"Rauchen die Gesundheit gefährden kann" aber es steht auf keiner
Zucker-Packung "zuviel Zucker kann Karies verursachen", auf keinem
Wahlplakat steht "Diese Wahlversprechen sind unverbindlich, wir
bitten Sie bei der Wahl also nicht nur auf Grund dieser Versprechen
zu entscheiden" , auf keiner Ampel steht "Wenn Sie bei Rot über diese
Ampel gehen, können Sie von einem Auto angefahren werden" und auf
keiner Steckdose steht "Bitte nicht mit der Gabel hineinstechen".

Und es steht auch nicht auf jeder Bibel "Achtung, das Alte Testament
enthaelt gewalttaetige Passagen. Das Lesen dieses Buches sollte nur
unter Aufsicht vorgenommen werden" bzw. "das Lesen kann gewalttaetige
Ideen aufkommen lassen" (Auge um Auge, Zahn um Zahn etc. pp)
Auch da wird vorausgesetzt, dass man entweder genug Verstand besitzt
um selbst zu entscheiden oder aber entsprechend von seinen Eltern ...
gelernt hat.

Warum soll dies bei Nazi-Seiten etc. anders sein?
Die Heil Hitler-rufenden Leute verschwinden nicht indem man sich die
Ohren zuhaelt. Und was wird ein Kind wohl mehr interessieren?
Seiten, die verboten werden oder gefiltert werden...
Seiten, die erlaubt sind, über die es sich mit seinen Eltern
austauscht und die es dann auf Grund der anderen Seiten in Richtung
Holocaust etc. pp schlichtweg als dumm einstuft?

Glaubt ein Kind, dass die Erde ein Kegel ist nur weil es fuenfzigmal
im Internet steht?

Schonenen Dienstag
Twister
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