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351 Beiträge seit 05.07.2002

Re: Aus Sicht eines Ausstellers

bruzzelman schrieb am 3. Juni 2007 9:59

> Also um das ganze auch mal aus Sicht eines Dauerausstellers seit 7
> Jahren zu beschreiben: Berlin war eine desaströse Katastrophe
> (wirksamere Worte fielen mir jetzt nicht ein ;-))

Ich sehe das ganz genauso, auch wenn ich von Karlsruhe und Wiesbaden
am Ende auch nicht mehr wirklich angetan war.

> Wiesbaden und vor allem Kaiserslautern war was Business-Kontakte
> angeht ungefähr zehnmal so gut, wir hatten in Berlin ca. 3-5
> Kontakte, die vielleicht ansatzweise Interesse gezeigt haben.

Dito.

Auf der CeBIT hatten wir für fast das gleiche Geld rund 80 sehr gute
Kontakte, mit denen wir bis heute beschäftigt sind und noch lange
beschäftigt sein werden. Den LinuxTag habe ich Montag Vormittag
abgearbeitet.

> seit Jahren dabei waren, jetzt aber nicht mehr gekommen sind, ist
> einfach bezeichnend und dass z.B. Peer Heinlein mit Heinlein Support
> mit einem dreieckigen Stand mit getippt der Hälfte oder maximal
> dreiviertel der sonst immer gebuchten Standfläche und aus meiner
> Sicht vielleicht 2-3 Leuten da war, wo ich Heinlein Support sonst
> immer sehr präsent gefunden habe, spricht irgendwie echt nicht für
> den Linuxtag.

Wir haben lange überlegt, OB wir überhaupt kommen und uns dann doch
erst sehr kurzfristig entschieden. Nach Wiesbaden hatte ich
eigentlich beschlossen, nicht mehr teilnehmen zu wollen. Man muß das
dem Nicht-Aussteller vielleicht mal kurz erklären: So ein Messestand
+ abgestellte Leute während der Messe kostet schnell über 7.500 EUR.
Und dann macht man nur einen Systemstand mit ein paar Plakaten,
keinesfalls irgendwas nettes selbstgebautes. Das ist eine Sache, die
man sich sehr genau überlegt.

> Wir werden definitiv den nächsten Linuxtag nicht mehr als Aussteller
> besuchen, sondern konzentrieren uns vollkommen auf die Systems mit
> dem Linuxpark.

Wir sind auf jeden Fall wieder auf der CeBIT dabei, über die Systems
denke ich noch nach.

Ich bin ein großer Befürworter gewesen, den LT nach Berlin
umzuziehen, denn auch Karlsruhe und Wiesbaden waren nicht mehr
akzeptabel; die Präsenz dort letztes Jahr habe ich schon als
miserabel und Fehlschlag bewertet, dieses Jahr sind wir nur hier
gewesen, weil es bei uns vor der Haustür lag und ich mir vom Umzug
nach Berlin ernsthafte Impulse erhoffte. Ich habe Zweifel, ob Berlin
daran "schuld" ist und ob der LT in Wiesbaden oder Karlsruhe
ernsthaft mehr Besucher verzeichnet hätte. Ich sehe das eher als
allg. Problem.

Aber ich betrachte es als wirtschaftlichen Totalschaden, genausogut
hätte ich für die 7.5 Mille meine Jungs auf einen netten Urlaub
einladen können. Und den Fehler mache ich nächstes Jahr nicht mehr,
was ich extrem schade finde.

Natürlich ist eine solche Messe sehr schwierig und ich will
keinesfalls den Organisatoren auf die schnelle etwas vorwerfen.
Andererseits wird seit Jahren am Konzept des LTs aus meiner Sicht
nichts relevantes geändert. Alle diesbezüglichen Wünsche von unserer
Seite (als zahlender Aussteller) stoßen schon seit Karlsruhe auf
taube Ohren, bzw. wir werden gar nicht erst wirklich ernsthaft
gefragt. Vielleicht wäre es ja mal sinnvoll, die Aussteller ernsthaft
(!) mit einzubeziehen um im Vorfeld mal zu sehen, wie eine solche
Messe laufen müßte.

Der LinuxTag muß einen Spagat schaffen zwischen Community und
Business. Und das gelingt nicht. Nichts gegen Community, nichts gegen
Community-Stände, nichts gegen Community-Vorträge. Und es tut mir
auch leid, hier dann immer über Business und Geld reden zu müssen --
aber so ist es nunmal. Wir müssen damit unsere Brötchen verdienen,
umgekehrt ist Business auch für die Community wichtig, wenn Linux
professionell eingesetzt werden soll. Gewinnen kann also nur die
Mischung: Die Business-Stände finanzieren die Messe (und auch
Community-Stände!), im Gegenzug aber nützen uns Business-Austellern
aber nunmal leider reine Community-Besucher nichts: Die sind nett,
wir sind eine große Familie, wir freuen uns regelmäßig auf ein
Wiedersehen, wir spinnen auch gemeinsam nette Ideen aus und wir
tauschen sicherlich auch wertvolles Know-how aus und alle Aussteller
haben sich Mittwoch, Donnerstag und Freitag gegenseitig besucht (und
bemitleidet), bevor am Samstag dann wenigstens Community &
Privatbesucher die Gänge etwas füllten.

Aber davon kriege ich keine Butter aufs Brot -- und schon gar nicht
in den Größenordnungen, die eine solche Messe nunmal den Aussteller
kostet. Und den professionellen Einsatz von Linux sehe ich in den
Besuchern nicht wiedergespiegelt: Woher die Messe Berlin auf rund 50%
IT-Entscheider kommt, ist mir *absolut* zweifelhaft -- und jedem
anderen Aussteller, den ich gesprochen habe, ebenso. 5% sind
realistisch, wenn überhaupt. Ich habe ja noch nicht mal 50%
Geschäftsbesucher wahrgenommen -- oder wurde jeder Privatmensch etwa
flugs als (Familien-) Entscheider gezählt?!

Nein, ich habe kein Patentrezept für den LinuxTag. Aber ich stehe
absolut hinter einer solchen Idee und halte den für sehr wichtig.

Meiner Meinung nach wird zuwenig getan, um den LT für
*professionelle* Administratoren (!), also die arbeitende Bevölkerung
:-), interessant zu machen. Der LT hat viele Community-Vorträge (was
ist neu, was ist hip, was bringt die OSS-Politik), er hat auch einen
Entscheider-Track (Strategie, Vorurteile abbauen, aber keine
konkreten technischen Details).

Aber in der Mitte klafft im Vortragsprogramm ein GROSSES Loch:
Weiterbildung, neues Wissen, Fortbildung, Lernen für den
berufstätigen professionellen Administrator. Der, der Linux täglich
einsetzt und pflegt. Der, der an Fachbüchern interessiert ist. Der,
der externen Support und Hilfe braucht. Der, der neue
Softwarelösungen sucht, ausprobiert und dann seinen Entscheider-Chef
davon überzeugt. Der, der sich täglich mit irgendwas rumärgert und
nach Hilfe sucht und sich über Fachvorträge über gute
Administrationstechniken freut. Dieser Fach-Admin ist nur bedingt an
experimentellen Community-Vorträgen interessiert, so interessant
diese technisch auch sein mögen. Aber er sucht bewährtes Know-how,
stabile Lösungen, konkrete Weiterbildung, nützliche Antworten. Das
Vortragsprogramm des LT ist nicht geeignet, diese Admins auf den
LinuxTag zu locken. Wir versuchen immer wieder, derartige Vorträge im
Programm zu platzieren, leider wurden auch dieses Jahr alle wieder
kommentarlos abgelehnt. Schade!

Lieben Gruß

Peer Heinlein

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