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  • BigDon

179 Beiträge seit 02.06.2004

Das ist nicht der Rechner, den wir erwartet haben...

Mal Hand auf's Herz, ich glaube nicht, daß dieser Rechner der große
Wurf Apples in diesem Jahr werden wird. Wenn man das Ding mal mit
'nem MacBook vergleicht, fällt schnell auf, daß es kaum ein Scenario
gibt, bei dem das (wesentlich teurere!) MacBook Air objektiv
betrachtet vorne liegt. Fangen wir mal von vorne an, Schritt für
Schritt, und klappern dabei auch mal die Zielgruppen ab:

USB-Ports:

MB: 2 MBA: 1

Super! Wenn ich 'ne Maus anstöpsele, habe ich keinen Platz mehr für
einen USB-Stick oder umgekehrt. OK, Maus geht auch über Bluetooth,
aber USB-Stick und iPod/iPhone ist genau so schwierig, von externen
Festplatten, Softwaredongles und Druckern will ich gar nicht erst
anfangen.

Optisches Laufwerk:

MB: Joa. MBA: nur extern über USB, siehe oben...

FireWire:

MB: 400 (immerhin) MBA: Pustekuchen

Damit wird das MBA für professionelle Audio- und Video-Fuzzies,
historisch betrachtet eine der treuesten Melkkühe für Apple, völlig
uninterssant.

Ethernet:

Im Prinzip: Siehe oben, aber mal ehrlich gesagt, wundert mich schon
beim MacBook, daß sie noch drin ist.

Akku:

MB: austauschbar, 6h MBA: fest verbaut, 5h wireless productivity (was
auch immer das bedeuten mag)

Bedeutet also: Zweitakku und Akkutausch beim einfachen MB möglich,
beim MBA nicht. Damit werden beim Einsatz des MBA faktische Grenzen
der maximalen Einsatzdauer gesetzt. Beide Geräte laufen ca. fünf
Stunden ohne Netzanschluß. Aber wenn ich länger unterwegs bin und
nicht laden kann, sitze ich beim MBA auf dem Trockenen, während ich
beim MB noch einen Zweitakku zukaufen kann.

optisches Laufwerk:

MB: integriert MBA: extern

Festplatte:

MB: 2,5 Laufwerk MBA: 80 GB HD oder 64 GB SSD

Aus der Kombination der beiden oberen Punkte wird leicht ersichtlich,
daß das MBA als Desktop-Ersatz kaum zu gebrauchen ist. Sobald eine
halbwegs vernünftige Foto-, Viedeo- oder Musiksammlung existiert,
braucht das MBA zwingend eine externe Speichermöglichkeit. Die kann
nur über ein Netzwerklaufwerk oder eine externe Platte realisiert
werden. Externe Platte geht wiederum nur über USB. Aber da hängt ja
im Zweifelsfall schon das SuperDrive dran. Also muß ein Hub her. Der
Gerödelfaktor bei so einem Kabelsalat ist extrem.

Bildschirm:

Beide 13,3" bei identischer Auflösung.

Abmessungen:

Weitesgehend identisch, OK, das MBA ist 0,75 cm dünner...

Gewicht:

MB 2,25 Kilo MBA 1,36 Kilo

Arbeitsspeicher:

MB: 1 GB standard, bis 4 GB MBA: 2 GB und Schluß

Prozessor:

MB: C2D 2 Ghz aufwärts MBA: maximal C2D 1,8 Ghz

Was sagt uns das jetzt alles?

Ganz einfach: Alle oben genannten Kompromisse gehe ich dafür ein, daß
das Notebook etwa ein Kilo weniger wiegt und einen sehr knappen
Zentimeter flacher ist. Dafür ist das MBA in der jeweiligen
Grundausstattung 650 EUR teurer. Die Preise verschieben sich etwas,
wenn man beide Laufwerke zu Superdrives macht und den Arbeitsspeicher
(um himmels Willen nicht bei Apple!) angleicht. Dafür kommt dann aber
das MB auch mit 'ner 120 GB Platte daher.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, unter welchen Voraussetzungen
ein solcher Kompromiss gangbar ist. Er ist es eigentlich nur, wenn
Rechenleistung vernachlässigbar ist und man in einem Umfeld arbeitet,
das sehr kritisch auf das Gewicht reagiert. Da wären mir zuerst die
ganzen Kreativ-Profis eingefallen. Gerade die Fotographen schleppen
schon säckeweise Equipment mit sich herum und haben teils sehnsüchtig
auf einen Nachfolger des PowerBook G4 12" gewartet. Aber die werden
wegen des Glossys-Displays, der fehlenden Schnittstellen und der
geringen Plattenkapazität dankend ablehnen. Bei den Musikern und
Videoleuten sieht's ähnlich aus, die haben weniger Probleme mit dem
größeren Display und gerade die Musiker stört so ein blitzendes
Glossy-Ding wohl etwas weniger, aber ohne FireWire ist so ein Rechner
für die nur als netter Briefbeschwerer mit Apple-Logo zu gebrauchen.

Schauen wir aber weg von den Kreativen in das Business, so werden wir
vermutlich zwar feststellen, daß diese Leute im Prinzip für jedes
Gramm weniger im Reisegepäck zu zahlen bereit sind, aber für diese
Leute ist ein Computer, der nur 5 Stunden läuft und sich darüber
hinaus nicht erweitern läßt, teilweise sehr uninterissant (denke da
gerade an längere Bahnfahrten oder Flüge ohne Steckdose).

Die Einsparung an Platz im Gepäck ist dabei sogar komplett zu
vernachlässigen. Zwar ist das MBA erheblich dünner als das MB, aber
sobald irgendeine der fehlenden Schnittstellen nachgerüstet werden
muß, sobald auf das optische Laufwerk nicht verzichtet werden kann
und sobald man wegen der fehlenden zweiten USB-Schnittstelle einen
USB-Hub mit herumschleppen darf, ist dieser Faktor völlig wieder
aufgehoben. Schlimmer noch: Es schürt die Gefahr, ein dringend
benötigtes Netzteil zu vergessen und dann nicht mehr wirklich
produktiv arbeiten zu können.

Eine Gruppe fällt mir noch ein, und die ist auch der Grund, warum
wohl die AVON-Tante mit ins Boot geholt worden ist: Frauen. Frauen
lieben kleine, handliche Rechner. Aber Frauen rechnen gerade bei
technischen Anschaffungen stärker nach. Und dabei nicht zu vergessen:
Das günstigere MB kommt auch bei dieser Zielgruppe immens gut an.
Aber Frauen werden auch von einem riesigen Kabelwust ziemlich
abgeschreckt und da das MBA nicht als Stand-Alone-Lösung taugt, muß
daheim immer noch ein zweiter Rechner stehen, wenn Madame sich nicht
in die totale Abhängigkeit ihres Herzallerliebsten begeben will. Und
welche Frau will das heute noch?

Fazit:

Die Apple-Jünger (zu denen ich mich auch zähle) haben heute auf ein
ultraportables Notebook gewartet. Bekommen haben sie einen teures
abgespecktes Alu-MacBook, bei dem der Gewichtsverlust und die
verschwindend schlankeren Maße mit teilweise nicht tragbaren
Kompromißlösungen erkauft werden müssen. Der neue Apple-Rechner kann
dabei die Erwartungen an einen ultraportablen Mobilcomputer kaum
erfüllen - zu niedrig fällt die Gewichts- und Platzersparnis im
Vergleich zum althergebrachten MacBook aus. Von einem Nachfolger des
12"-PowerBook wage ich erst gar nicht zu sprechen. Power? In diesem
Book? Wo bitte?

Ich glaube kaum, daß dieser Rechner ein Verkaufsschlager wie das
MacBook wird. Dazu wird er zu sehr von diesem kanibalisiert. Und so
viele Jura- und Zahnmedizin-Studentinnen, die von ihren Eltern
massenweise Kohle in den Hintern geblasen bekommen, daß sie sich
einen iMac und ein MacBook Air daheim hinstellen können (ja, eine
vollgepackte Büchertasche zur Universitätsbib, daß ist der einzig
sonnvolle Einsatzzweck für so ein Book!), gibt es auch wieder nicht.

Steve, das war heute nix!

Don
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