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  • microB

mehr als 1000 Beiträge seit 14.04.2000

Re: Wissenschaft ist anstrengend

glauben geht von alleine.

Um in einem wissenschaftlichen Diskurs ernst genommen zu werden, muss man sich erst mal an das Niveau der Diskutanden herangearbeitet haben. Das setzt voraus, dass man Grundwissen erworben und sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, um Fragestellung und Ergebnisse in vollem Umfang zu verstehen.
Das dauert üblicherweise Jahre - und weil sich die Welt bewegt und weiter dreht, erfordert es weiteren Einsatz um nicht langsam wieder abgehängt zu werden.
Hinzu kommt, dass umfassende Zustimmung in den Wissenschaften fragwürdig ist:
Gewährt man sie, entlarvt man sich als Konformisten und unkritischer, oberflächlicher Denker. Erhält man sie, hält man entweder ein sehr wirksames Druckmittel in Händen (gell, liebe Doktorväter und -mütter) oder man kann sicher sein, dass der Zustand von kurzer Dauer ist.

In den diversen "Glaubensgemeinschaften" reichen eine Überzeugung und affirmatives Verhalten gegenüber Wortführern um sich als wertvolles Gruppenmitglied fühlen zu können. Man muss nicht büffeln, muss sich nicht mit sperrigen Experimenten und wenig anschaulichen Interpretationen auseinandersetzen. Es reicht, unter der richtigen Fahne auf die Straße zu gehen und im Rahmen der Peer-Group bei Facebook oder Twitter die richtigen Kommentare zu posten, um in Wertschätzung und Zustimmung gepackt zu werden wie in eine warme Wolke.
Weshalb also die ganze Mühe mit der Lernerei und - schlimmer - mit der ständigen Skepsis auf sich nehmen?

Und dann kommt noch eine kulturelle Komponente dazu:
Egal, um welches Thema es sich handelt, egal in welchem Kontext es präsentiert wird, die ehrliche Suche nach der Wahrheit spielt hinter Aspekten der Public Relations die zweite Geige. Um wahrgenommen, ernst genommen zu werden, reicht die Qualität des Arguments selten an die Durchschlagskraft einer professionellen, intuitiv eingängigen Präsentation heran. Das gilt umso mehr, je komplexer der Gegenstand ist, über den diskutiert wird, je mehr Voraussetzungen zum Verständnis notwendig sind und je schwieriger und aufwendiger es wird, einen Sachverhalt korrekt darzustellen.
Das alles hat in einem typischen, journalistischen Halbseitentext, einem Radiobeitrag oder gar einer Fernsehdiskussion keinen Platz.
Wenn es mir also nur um die gesellschaftliche oder politische Wirkung geht: Warum sollte ich mir den ganzen Wissensbalast aneignen, wenn ich mit plakativen Phrasen und eingängigen Parolen schneller und müheloser ans Ziel komme? Wenn mir ganze Wissenschaftszweige und ihre profitorientierten Ausgründungen hochwirksame, manipulative Werkzeuge in die Hand drücken und mich beim gezielten, vorsätzlichen Betrug unterstützen?

Das Erschrecken über das Ausmaß, den dieses Zerfließen der "Wahrheit" angenommen hat, mag echt sein. Vor allem, weil in einer Welt, in der Argumente und Glaubenssätze gleichwertig gehandelt werden, letzlich nur noch die physische Macht entscheidet.
Vielen der Protagonisten, die in dieser Diskussion jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen unterstelle ich aber ein gerütteltes Maß an Heuchelei. Das gilt zuforderst auch den Vertretern der Wissenschaft, die sich in den vergangenen Dekaden allzu willig jedem Pfeffersack mit Drittmitteln an den Hals geworfen haben, die jede sich bietende Gelegenheit nutzen um sich für einen nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten durchorganisierten, profitablen, industriehörigen Wissenschaftsbetrieb stark zu machen.

microB

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