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  • Peter Klötgen

mehr als 1000 Beiträge seit 07.07.2004

Weihnachtsgeschichte - Die SCO-Variante

Es war einmal ein armer Rechtsanwalt, der lebte in einem Land
jenseits des großen Teiches. Dieser Anwalt hatte einige wichtige
Prozesse verloren und daher schon lange keine Fälle mehr bekommen.
Seine Frau hatte die Scheidung eingereicht und war mit den beiden
Kindern zurück zu ihrer Mutter gegangen.

Irgendwann schaltete ihm sein Vermieter Gas, Telefon und Wasser ab
und verpasste ihm die Kündigung seines Mietvertrages. So musste er
dann drei Monate später ausziehen und lebte fortan im Central Park.
Er teilte sich die Parkbänke mit anderen Obdachlosen und es ging
immer mehr mit ihm bergab.

Der Sommer war schon lange vorbei und der Anwalt fror jetzt jede
Nacht vor sich hin. Tagsüber bettelte er Spaziergänger an, um seinen
Hunger und Durst stillen zu können. Längst schon hatte der Anwalt die
Hoffnung aufgegeben, dass es ihm jemals wieder besser gehen könnte.
Das Leben hatte ihn zu einem echten Wrack gemacht, gestrandet an den
Klippen der Realität.

Am Morgen des 24. Dezembers saß er, wie jeden Tag, am Rand eines
Weges und bettelte. Es war kalt, und der eisige Wind schnitt ihm ins
Gesicht. Plötzlich hielt ein gut gekleideter Mann an, und fragte ihn,
warum er hier betteln würde, anstatt den Kampf wieder aufzunehmen und
in ein bürgerliches Leben zurückzukehren. Der Anwalt erzählte dem
Fremden seine Geschichte, er hörte gar nicht mehr auf zu reden. Der
Fremde schwieg, hörte einfach nur zu. Als der Anwalt seine Geschichte
erzählt hatte, drückte ihm der Fremde plötzlich und unverhofft 3
Hundert-Dollar-Scheine in die Hand. Er solle sich waschen, neu
einkleiden und sich am Nachmittag in der Process Road an der Filiale
von SCO melden.

Der Anwalt kaufte sich neue Sachen, wusch sich, zog den neuen Anzug
an, den er sich gekauft hatte und ging zur angegebenen Adresse. Als
er sich in der vornehmen Eingangshalle an der Rezeption gemeldet
hatte, sagte man ihm, er würde bereits erwartet. Er wurde in ein
riesiges Büro geführt, in dem bereits der Unbekannte aus dem Park auf
ihn wartete. Es war Darl McBride, der Chef von SCO. McBride lächelte
den Anwalt an, und sagte ihm, dass er jetzt als Anwalt für SCO
arbeiten könne.

Der Anwalt war natürlich überglücklich, er erhielt einen hoch
dotierten Vertrag und hatte seine 2. Chance also doch noch bekommen.
Er fasste neuen Mut und so gewann er fortan jeden Prozess, den er als
Vertreter von SCO führte. Die Vorgehensweise dabei wurde immer
skrupelloser, die Beweisführungen immer fantastischer. Nach ein paar
Jahren kam dann der große Wurf. McBride bat den Anwalt wie gewohnt zu
einem Gespräch.

"Wir wollen Unternehmen verklagen, dass sie unseren Code illegal
verwenden, ohne dass wir den geringsten Beweis dafür haben. Da unsere
eigenen Produkte überaltet und auf dem absteigenden Ast sind, müssen
wir irgendwie Einnahmen generieren. Sind Sie in der Lage, auch diese
Prozesse für uns zu gewinnen?"

Der Anwalt überlegte kurz, um dann zu entgegnen:

"Ich sehe durchaus eine realistische Chance, wenn wir nur unverfroren
genug vorgehen. Wir behaupten einfach, dass wir einen ganzen Koffer
voller Beweise haben. Den schicken wir einfach in unsere Filiale in
Bielefeld, wo er natürlich niemals ankommen wird. Anschließend drehen
wir die Beweislast um, und verlangen von den Prozessgegnern, dass sie
selbst die Beweise für ihre Verbrechen vorlegen. Und wenn das
irgendwann nicht mehr funktioniert, dann verändern wir im laufenden
Prozess einfach unsere Anschuldigungen, bis irgendwann überhaupt
keiner mehr versteht, warum wir eigentlich prozessieren."

McBride lächelte still. Er dachte so bei sich, dass es eine
fantastiche Idee war, dem Anwalt damals eine Chance gegeben zu haben.
Ohne ihn und seine Kollegen wäre die Firma schon längst pleite
gewesen.

SCO klagte also, klagte weiter, und wenn sie nicht gestorben sind,
dann klagen sie noch heute. Der Anwalt lebte dabei, genau wie seine
vielen Kollegen, wie die Made im Speck. Die Bankkonten wurden immer
fetter, die Prozesse immer absurder. Aus der ehemaligen
Softwareschmiede war längst eine Anwaltskanzlei geworden.

An einem kalten Wintertag, es war der 24.12, nur vier Jahre nach
seiner Begegnung mit McBride, dachte der Anwalt, dass McBride für ihn
sein persönlicher Weihnachtsmann gewesen war, der ihm alle seine
Wünsche erfüllt hatte. Er freute sich schon diebisch auf all die
Prozesse, die da noch kommen würden, und die ihn noch reicher machen
würden. Lächelnd blickte er auf die Lichter der großen Stadt hinab.

... to be continued

mfg

Peter

p.s. Glauben Sie an den Weihnachtsmann? Und noch viel wichtiger:
Glauben Sie einem Weihnachtsmann? :-)
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