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  • blst82a

mehr als 1000 Beiträge seit 16.03.2007

Medienversagen auf höchster Ebene und Ignoranz der Bürger

Die Medien haben theoretisch ja die Aufgabe, die demokratischen Institutionen zu kontrollieren und ggf. Alarm zu schlagen, wenn Missbrauch oder zuviel Machtanhäufung betrieben wird.

Das funktioniert bis auf wenige Ausnahmen und Verlagshäuser (Heise) aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Grundgesetzänderungen laufen ohne viel Aufhebens durch nach dem Motto "das ist jetzt eben so". Eigentlich müsste jede Änderung der Verfassung in den Nachrichten als erste Meldung kommen. Tatsächlich wird teilweise kaum drüber diskutiert.

Strittige Themen werden nur von einer Minderheit der Bürger überhaupt wahrgenommen. Noch weniger machen sich die Mühe, beim zuständigen Abgeordneten nachzufragen, wie er dazu steht und dazu abgestimmt hat. Das Vorhaben, die Antwort im Zweifelsfalle in der Lokalzeitung durch Leserbriefe zu skandalisieren, kann man auch vergessen. Wann stellt sich eine Lokalzeitung schon mal gegen den gewählten Abgeordneten?

Hier funktioniert einiges schon seit Jahrzehnten nicht mehr richtig. Im Prinzip nicken die Abgeordneten seit Jahrzehnten überwiegend ab, was ihnen durch den Fraktionszwang vorgegeben wird. Eine Auswahl an Nachrichten, nämlich die, welche die Wähler/Leser nicht "verunsichern" wird von der Presse 1:1 an die Leser im Lande kommuniziert.

Am Ende landen wir bei der Ursachenforschung aber doch wieder bei der lethargischen Gesellschaft, die wir alle bilden, und teilweise auch bei der alternden Gesellschaft, welche sich für neue Entwicklungen immer weniger interessiert.

Opa Erwin aus Hintertupfingen, der die Hauptlesergruppe des Hintertupfinger Anzeigers repräsentiert, liest nämlich lieber, wie der Abgeordnete xy mit diversen anderen Honoratioren der Gegend eine neue Umgehungsstraße eingeweiht hat. Man vergewissert sich lieber, dass zumindet zu Hause noch alles in Ordnung ist. An investigativen Enthüllungen über den Abgeordneten ist er weniger interessiert. Wenn der Hintertupfinger Anzeiger jetzt eine Sonderausgabe bringen würde, Abgeordneter xy hat Seehofers Geheimdienstgesetz und Waffendeals mit den Saudis und und und... zugestimmt, und das ist schlecht weil... --- und der Abgeordnete ist abzuwählen, dann besteht eher die Gefahr, dass die Auflage in den Keller rauscht und die Einwohner mit Fackeln und Mistgabeln vor der Redaktion stehen.

Wie hier schon jemand schrieb, es gibt Parallelen mit Weimar. Nur waren es damals offene Demokratiefeinde, welche den Untergang der Republik betrieben. Teilweise auf den Straßen aber auch in den Institutionen, wo Richter und Verwaltung teilweise Rechts blind waren.

Heute gibt es zwar keine offenen Demokratiefeinde in nenneswerter Zahl, welche das Staatshandeln für alle sichtbar falsch beeinflussen. Deutschland will eine Demokratie sein, dies ist offiziell breiter Konsens.

Aber der grundsätzliche Volkscharakter des vielzitierten Michels hat sich seit 1918 leider nicht nennenswert weiterentwickelt. Immer noch herrscht ein gewisser Untertanengeist, teilweise Speichelleckerei, nach unten Treten, nach Oben buckeln und dabei gut aussehen. Es wird naiv darauf vertraut, dass die Regierungen in den Ländern, in Berlin und auch die EU in Brüssel ihren Job schon gut und im Sinne Aller machen. Was angesichts des dort grassierenden Lobbyismus viel zu gutgläubig ist.

Ich fürchte leider, dass es in Deutschland 80% oder mehr der Leute egal ist, ob sie jetzt von einem absolutistischem Kaiser, nationalsozialistischem Führer, kommunistischem Staatsratsvorsitzenden oder einem demokratischen Bundeskanzler regiert werden. Hauptsache, a) man >>bekommt das Gefühl vermittelt<< gut regiert zu werden, b) der Familie gehts gut und c) man darf einmal im Jahr für eine Woche zum Ballermann oder an den Goldstrand... Wenn jetzt irgendeine Regierung unter irgendeiner Kostitution wieder Leute verschwinden lassen würde, würde man drüber tuscheln, aber dann schauen, dass es einen selber nicht trifft (siehe voriger Absatz) und irgendwie war es ja sicher wohl gerechtfertigt, wenn die liebe Regierung, die nur das beste will (siehe voriger Absatz) den Typ aus dem Verkehr zieht. Hauptsache, a) b) und c) sind weiterhin gegeben.

Die Staats- und Regierungsform ist austauschbar und das Deutsche Volk wird jede Regierungsform, welche ihm einfällt oder welche ihm international nahegelegt wird, unter den Prämissen des vorletzten Absatzes >>nach außen hin<< brav durchziehen, solange a) b) und c) gesichert ist.

Das ist der Unterschied zu beispielsweise den Franzosen, welche sehr schnell, geballt, alters- und schichtenübergreifend auf der Straße stehen, wenn ihnen irgendwelche Entwicklungen nicht passen.

In Deutschland hingegen hat jede Regierung aus den genannten Gründen einen Freibrief für Schmutzeleien jeder Art. Da würde schon einiges dazu gehören, Medien und Gesellschaft gegen sich aufzubringen.

Und so kommt es eben zu Seehofers Gesetzesvorschlag.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (21.04.2019 14:08).

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