Menü
Avatar von Schaulustiger
  • Schaulustiger

483 Beiträge seit 19.05.2004

Niemand hat die Absicht, eine digitale Mauer zu bauen

Wie schon Voss in Bezug auf CDU und die Medien sagte: "Sie verbreiten Desinformationen, setzen viel Geld ein, um die öffentliche Meinung zu erschleichen, sie zeigen, wie einfach es ist, gerade ältere Bevölkerungsgruppen zu instrumentalisieren oder instrumentalisieren zu lassen." Obwohl, ich glaube, er sagte das über Google und Facebook. Und über "jüngere Bevölkerungsgruppen". Der Rest passt aber, denke ich.

Als Gatekeeper hat man natürlich den Wunsch, eine Mauer zu bauen, damit alle nur noch durch die bewachten Gates gehen. Ohne Mauer wäre es ja "Wilder Westen", rechtsfreier Raum, Sozialismus (oder auch nicht)! Oder, wie es früher in der Rappelkiste hieß: "Willste über'n Rasen laufen, musste dir 'n Grundstück kaufen." Mit einem Zaun drumherum, damit nicht jeder Hinz und Kunz darüberlatscht.

In der Psychologie heisst es, dass Menschen, die keine eigene Identität herausgebildet haben, deren Selbst sozusagen fragmentiert ist, äussere Grenzen brauchen, um ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln. Das nimmt dann so skurrile Formen an, wo z.B. hunderte Grenzbeamte wegen ein bis zwei illegalen Grenzgängern an der bayrischen Grenze herumhüpfen, damit sich der fragmentierte Stammwähler nicht Splitterparteien zuwendet und einfach das Gefühl hat: "Die tun was!"

Es herrscht bei diesen Menschen der Wille vor, die Umwelt kontrollieren zu wollen. Es muss alles seine Ordnung haben, das kreative Chaos muss kanalisiert, kultiviert werden und jegliche Bedrohung durch Überfremdung gilt es, mehr oder weniger im Keim zu ersticken. Es gilt, Hierarchien zu schaffen und diese Hierarchien zu verteidigen, denn auch Hierarchien schaffen Abgrenzungen, über die man sich selbst definieren kann.

Jetzt kommt aber dieses Neuland daher, quasi unbegrenzt, mit seiner kreativen Energie, seinen unkontrollierten Kommunikationsnetzwerken, unüberwachbarer Verschlüsselung, fehlender sozialer Abgrenzung und noch vielen anderen anarchistisch anmutenden Errungenschaften, die dem Kontrollfreak, der 40 Jahre fleissig die Aktentaschen von seinen Vorgesetzten in der Partei getragen hat, den kalten Angstschweiss auf die Stirn treten lassen.

Dieser "Politiker" steckt nun in einer Zwickmühle: er verdankt seine Karriere dem eifrigen Buckeln nach allen Seiten, also gegenüber von Industrie, Medien und, wenn es den erstgenannten Interessen nicht zuwider läuft, sogar dem Wähler. Wenn er aber nun über die goldene Antlantikbrücke gegangen ist, weht ihm gerade ein ziemlich heftiger Wind in Form von Wirtschaftskrieg und mächtigen Internetkonzernen aus Richtung Übersee um die Ohren, während er zugleich die Interessen der deutschen IT-Konzerne und Blechschmiede vertreten muss. Bisher waren die Interessen dieser westlichen "Werte"-Gemeinschaft (Werte = Aktien) relativ synchron, aber jetzt zieht sich der Gegensatz zwischen den beiden Atlantikufern als kognitive Dissonanz durch das Politikergehirn. Und da wird es hässlich.

Die Gatekeeperfunktion besagt, dass sowohl amerikanische als auch deutsche Medien in Einklang mit Industrie und der marktkonformen Demokratie an einem Strang ziehen. Das ist de facto seit einigen Jahren nicht mehr der Fall. Facebook und Google entziehen sich der deutschen Kontrolle und haben mittlerweile wesentlich mehr Gestaltungsmacht, wenn nicht gar die Deutungshoheit, über das, was in großen Teilen Europas, insbesondere Deutschland, relevant ist. Hier haben die Neuland-Politiker der "etablierten Parteien" den Trend vollkommen verschlafen, genau wie die "klassischen" Medien Zeitungen und Fernsehen.

Die Reaktionen, die man jetzt seitens der Politik sieht, sind von Panik gezeichnet. Es wird versucht, mit Regulierung um jeden Preis, die Kontrolle wieder in die Hand zu bekommen. Allerdings versteht man weder die Dynamik der Prozesse, die gesellschaftlich ablaufen, noch die Möglichkeiten der Technologien und ist dabei vollkommen abhängig von den Lobbyisten, die die Richtung vorgeben. Anstatt den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen und die offene Kommunikation mit allen Beteiligten in einem demokratischen Prozess zu suchen, wird diffamiert, gelogen, betrogen und es werden alle Register gezogen, um zumindest die alten Seilschaften in Richtung Industrie und Medien zufriedenzustellen.

Letztendlich ist es nur ein Aufschub, der den Nutznießern von Artikel 13 (17) & Co verschafft wird. Für eine kurze Zeit werden Gelder abgeschöpft und an das eigene Klientel verteilt. Diejenigen, die man eigentlich treffen wollte, also Google und Facebook, werden sich die Filter leisten können, werden Business as Usual haben, während man den kleinen Startups und dem Mittelstand in Deutschland die Luft abdreht. Hauptsächlich Springer wird in Deutschland Kasse machen, während für die kleineren Verlage, Urheber und Rechteinhaber kaum genug zum Überleben bleiben wird.

Der Schaden, den der demokratische Prozess in D und der EU genommen haben, wird erst in den kommenden Wahlen zu erfassen sein. Die Politik dürfte viele der jüngeren Generation verloren haben. Aber vielleicht hat dies auch sein Gutes: eine frühzeitige Desillusionierung kann durchaus dazu führen, dass sich politisch in Deutschland und Europa endlich richtige Alternativen (nicht nur sogenannte) auftun, oder gar geschaffen werden. Das Internet hat noch immer ein enormes Vernetzungspotenzial, das durchaus dazu gebraucht werden kann, politische/gesellschaftliche Transformationen zu bewirken. Also genau das, wovor unsere Politiker heute Angst haben. Damit kann man arbeiten. Deshalb sollte die Losung lauten: "Ihr werdet euch noch wünschen, dass wir politikverdrossen wären."

Bewerten
- +
Anzeige