aus ein
Ansicht umschalten Baum an
Avatar von PremKavi
  • PremKavi

mehr als 1000 Beiträge seit 16.08.2006

Niedergang oder Veränderung?

Ich kann beim besten willen keinen Niedergang des Usenet erkennen, im
Gegenteil, schaue ich mir beispielsweise den täglichen Feed an, dann
wächst das Usenet unaufhörlich.

Beispielhaft hier der tägliche Feed von United Newsserver, der
einzige kommerzielle Usenet Provider mit NNTP (Usenet-) Servern in
Deutschland:

> http://feeder.ecngs.de/

2005 waren es im Durchschnitt 3 TB pro Tag, inzwischen sind es
deutlich über 6 TB.

Das kommt keineswegs nur über Binärdateien. Sondern nach wie vor auch
aus weit über 100.000 aktiven Newsgroups im Text Usenet.

Einer der Gründe, warum sich immer mehr Anbieter ehemals kostenloser
News-Server aus dem Usenet zurückziehen, dürfte nicht nur die
allgemeine Veränderung des Usenet sein, sondern auch die Kosten durch
den täglichen Feed.

Ich persönlich finde im Usenet in den nach wie vor sehr aktiven Text
Newsgroups schnellen und vor allem äußerst kompetenten Support, wenn
ich eine Frage habe.

Dazu habe ich dann auch schonmal im Usenet Forum Stellung genommen:

> http://forum.usenet-guide.de/viewtopic.php?t=1093

Das Usenet verändert sich ebenso wie die übrige Welt. Doch es ist
kein Relikt aus grauer Vorzeit des Internets, sondern nach wie vor
quicklebendig. Doch auch im Usenet gibt es natürlich jede Menge
Menschen, die sich gegen die Veränderung wehren beziehungsweise
daraus zurückziehen, weil sie nun mal glauben, früher wäre alles
besser gewesen. Dabei sind sie einfach nur nicht bereit, sich den
veränderten Verhältnissen anzupassen.

Ganz besonders wenn es wie im Usenet zunächst ein kleiner
überschaubarer Zirkel war, eine eingeschworene Clique, die sich
exklusiv über das Usenet verständigte und, da die Kommunikation im
Usenet zumindest früher ein Mindestmaß an technischen
Grundkenntnissen erforderte, sich besser vorkam als der Rest der
Welt. Dazu passen dann auch die selbst ernannten Blockwarte, die
Newbies im Usenet das Leben besonders schwer machten und in etlichen
Newsgroups auch immer noch machen. Man wollte unter sich bleiben, als
das nicht gelang, suchte man wie üblich die Schuld bei anderen oder
zog sich grollend aus dem Usenet zurück.

Insoweit unterscheidet sich das Usenet nicht im mindesten von der
übrigen Welt.

Im seit 1995 sich entwickelnden Web kennen wir inzwischen auch die
ganzen Probleme, die damit einhergehen:

Die praktisch totale Überwachung unserer Tätigkeiten im Web ist
problemlos möglich. Ebenso auch wenn wir mit der Weitergabe
persönlicher Daten sehr sparsam sind und keinen seelischen Striptease
auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken begehen, das relativ
leichte zuordnen zu einer Person. Also mit anderen Worten, der
zunehmende Verlust unserer Privatsphäre. Sei es durch sattsam
bekannte Datenkraken der Privatwirtschaft oder die zunehmende
staatliche Überwachung.

Der zentrale Webserver, auf dem sowohl gespeichert wird, was wir von
dort anfordern wollen als auch jeder einzelne Zugriff inklusive IP.
Der zentrale Webserver sorgt auch dafür, dass eine Information binnen
Sekundenbruchteilen durch einfaches überschreiben oder löschen
verändert oder entfernt werden kann.

Die Zensur des Webs, einerseits oft genug durch vorauseilenden
Gehorsam von Webseitenbetreibern bzw den Betreibern von Foren und
Blogs, zum anderen, wir brauchen nur nach China in Ägypten zu schauen
oder uns die immer wieder vorgetragenen Forderungen der Content
Industrie anzuhören.

Es gibt noch viele andere Probleme des Webs, die es im Usenet nicht
gibt.

Theoretisch wäre zwar auch im Usenet eine weit gehende Überwachung
möglich, wobei das schon zu ungenau ist, denn das Usenet an sich ist
einfach nur die Infrastruktur der News-Server. Theoretisch wäre eine
totale Überwachung auf einem einzelnen News-Server natürlich möglich.
Das Mitloggen jedes einzelnen Downloads. Praktisch wird es nicht
durchgeführt. Schon alleine wegen der Konkurrenzsituation
kommerzieller Usenet Anbieter. Aber natürlich auch aus Kostengründen,
warum Serverkapazitäten verschwenden, für etwas was ohnehin niemand
haben will und zusätzlich zu einem schlechten Ruf des entsprechenden
News-Server Betreibers führen würde?

Tatsächlich ist das Usenet nach wie vor die einzige
Kommunikationsmöglichkeit, die vollständig anonym stattfinden kann.
Angesichts totaler Überwachung und Zensur im übrigen Internet ein
unschätzbarer Vorteil, keineswegs nur, wenn es um politische
Veränderungen geht, gegen die sich die bisherigen Machthaber mit
Händen und Füßen (leider keineswegs nur damit) wehren.

Tatsächlich ist das Usenet die einzige weltweite
Kommunikationsmöglichkeit, in der eine Zensur praktisch nicht
stattfinden kann. Obwohl es ein Instrument gibt, um rechtswidrige
Beiträge auch aus dem Usenet zu entfernen, nämlich den Admin Cancel,
von dem vor allem die amerikanische Musikindustrie vertreten durch
die RIAA regen Gebrauch macht.

Andererseits scheitert jeder Versuch einer weitergehenden Zensur oder
Überwachung schon an der Vielzahl der neu hochgeladen Beiträge sowohl
in Form von Textdateien als auch in Form von als Text codierter
Binärdateien. Etliche Millionen Beiträge, die täglich neu ins Usenet
geladen werden. Kein Mensch kann das überwachen, auch keine noch so
ausgefeilte Software.

Das Usenet ist schon oft totgesagt worden, bereits in den neunziger
Jahren gab es die ersten Unkenrufe zum baldigen Tod des Usenet. Was
ich erlebe ist das genaue Gegenteil, das Usenet wächst und wächst.
Allerdings anders, als es manche gerne hätten.

Bewerten
- +
Anzeige