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  • Schaulustiger

489 Beiträge seit 19.05.2004

Verwertung & Vermarktung, Verrat & Verkauf

Es gibt sie noch: die Berufe, in denen man sich mehr als 30 Jahre
lang mit ein und demselben Wissensstand ein behagliches Netz aufbauen
kann, ohne sich große Sorgen um die eigene berufliche Zukunft machen
zu müssen. In Deutschland ist so ein Quell renitenter
Fortschrittsverweigerung die GEMA, die in den besten deutschen
Traditionen "gibbet nisch, woll'ma nisch, ham'wa noch nie so gemacht,
wird's auch net geben" die Fahne der medientechnischen Reaktion hoch
hält.

Bereits 1903 wurde die Anstalt für musikalische Aufführungsrechte
gegründet, die allerdings schon 1913 die Anstalt für
mechanisch-musikalische Rechte GmbH an die Seite gestellt bekam, denn
viele Musiker machten sich damals Sorgen um die neu aufkommende
Technologie der Schallplatte. Für die jüngeren Leser: eine
Schallplatte war ein analoger Tondatenträger, der ausah wie ein
verkohlter USB-Stick, der unter eine Dampfwalze geraten war. Klang
auch so. Der Begriff "Mechanisch-Musikalisch" hat also erstmal nichts
mit Kraftwerk oder Ladio Gaga zu tun, sondern ausschliesslich mit der
Aufnahmetechnik, die schon damals kreative Köpfe wie Richard Strauss
(DSDS-Gewinner von 1917) an den Rande des Ruins brachte.

Die Argumente von damals waren überraschenderweise die gleichen wie
die der GEMA von heute. Als in Amerika 1890 von Thomas Edison sein
Phonograph als eine Art "Juke-Box" für Gaststätten angeboten wurde,
setzten die Lizenzinhaber der Phonoindustrie einen Münzeinwurfschlitz
für das Gerät durch. Als Begründung musste natürlich der Schutz des
geistigen Eigentums herhalten. Das Geld ging jedoch - wer hätte das
gedacht - ausschliesslich an die Pächter und Lizenznehmer, ohne dass
die Künstler beteiligt worden wären. Ein Modell, dass sich auch 2009
noch großer Beliebtheit erfreut! 

Gegen 1927 kam dann zeitgleich mit dem Radio die elektromagnetischen
Tonaufzeichnung auf. Liefen frühere Aufnahmen über den Schalldruck
des Sängers (wodurch Karrieren von Leuten wie Daniel Küblböck
naturgemäß unterbunden wurden), wurde nun mit elektrischen
Verstärkern gearbeitet. 1928 wurde das erste Tonbandgerät für
Aufnahmen erfunden, 1929 der erste tragbare Schallplattenspieler, den
man ans Radio anschliessen konnte (allerdings wie die frühen iPods
nicht jogger-tauglich) und 1935 präsentierte AEG das Magnetophon K1. 

Das war natürlich eine rasante technologische Entwickelung, von der
die damligen Verwertungsgesellschaft ziemlich überrumpelt wurden.
Mittlerweile gab es zudem in Deutschland verschiedene Gesellschaften,
zwischen denen die Künstler munter wechseln konnten. Da kam 1933 ein
schlauer Mann daher: Joseph Goebbels, ein früher Prototyp eines
Marketingleiters, der später für die Podcasts des Führers
verantwortlich war. Mit dem "Reichsgesetz über die Vermittlung von
Musikaufführungsrechten" schaltete er die Verwertungsgesellschaften
gleich und ab 1938 gab es nur noch eine Gesellschaft in Deutschland:
die STAGMA, aus der nach einer kurzen Zeit der Blüte der Marschmusik
1947 die GEMA hervorging.

Fast-Forward: 1952 kommt die erste Vinyl-Schallplatte, wobei echte
DJs damals noch auf 12-Zoll-Schellack schwörten. 1963 taucht der
Kassettenrekorder von Phillips auf. 1979 der Walkman. 1981 die CD.
1997 das MP3-Format (verhalf dem Internet zum Durchbruch!) und ab ca.
2000 die ersten Möglichkeiten, Musik online zu erwerben (siehe auch
"Internetblase"). Geändert hat sich seitdem im Geschäftsmodell der
GEMA: Nichts. Nada. Na, warum auch?

Bis heute wehrt sich die GEMA beharrlich dagegen, die elektronische
Form der Weitergabe von Musikvideos und Musikstücken als das
anzusehen, was sie eigentlich ist: Werbung für den Künstler. Eines
der ersten Musikvideos überhaupt, "Bohemian Rhapsody" von Queen,
wurde als Werbefilm veröffentlicht. Der junge Caruso sang 1889 für
100 englische Pfund 10 Arien auf Matrize und wurde somit Leuten
bekannt, die ihn nie zuvor hatten singen hören. 

Die Musikindustrie ist letztendlich nichts anderes als eine riesige
Vermarktungsagentur für Künstler. Konnten in den letzten Jahrzehnten
aus der Künstlerwerbung noch satte Gewinne eingefahren werden, indem
man den "Konsumenten" glaubhaft versicherte, sie müssten für diese
Werbung auch noch etwas zahlen, obwohl sie die Künstler nicht live
sahen, so bröckelt dieses Geschäftsmodell spätestens seit dem
Aufkommen der digitalen Verbreitung von Daten über das Internet sowie
der neuen Möglichkeit, die dieses Internet für Künstler zur
Selbstvermarktung bereit hält. Die Zeiten, in denen man einmal alle
Jubeljahre seinen Hintern ins Studio schleppte, ein paar Songs
aufnahm ("all fillers, no killers") und sich dann zusammen mit
einigen "Verwertern" im Schaukelstuhl zurücklehnte und wartete, bis
das Geld auf's Konto floss, dürften endgültig vorbei sein. Seht's
positiv: bei den ähnlich veranlagten Finanzmanagern ist es schlimemr
ausgegangen.

Für mich persönlich würde es ziemlich große Einschränkungen bedeuten,
wenn ich nicht mehr in der Lage wäre, bei Youtube&Co nach Künstlern
und deren Liedern zu suchen. Nichts gegen die 30-Sekunden-Ausschnitte
in manchen Musik-Stores, aber ich habe ganz gerne die gesamte Ware
vor mir, die ich zu erwerben gedenke, nicht nur Ausschnitte. Für eine
Ware, bei der es kein Rückgaberecht gibt (wie auch, per Upload!?),
ist das ein dreistes Vorgehen. Da kann ich eigentlich auch Autos
kaufen, indem ich mir nur Bilder vom Kofferraum anschaue. Warndreieck
drin -> Kaufempfehlung!

Ob wir eine Verwertungsgesellschaft überhaupt noch brauchen, darüber
will ich mir bisher kein Urteil erlauben. Es gibt interessante
Alternativkonzepte, wie zB. die Wissensallmende, Kultursteuer oder
die Kulturflatrate, allerdings steht hier die Diskussion in
Deutschland - auch aufgrund Widerstands seitens von GEMA, Künstlern
und MI - am Anfang. Bis es so weit ist, werde ich weiterhin online
meine Musik erwerben, so lange sie DRM-frei ist und ich die
Gelegenheit habe, mir legal die zu erwerbenden Stücke vor dem Kauf
anzuhören. Das ist allemal günstiger als der Kauf einer CD und bei
den wirklich interessanten Künstlern bringe ich gerne die Kosten auf,
um mir die Künstler einmal live anzusehen. Andererseits... 70 Euro
für eine Konzertkarte? Ihr spinnt doch!


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