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  • Bernd Paysan

mehr als 1000 Beiträge seit 11.01.2000

Ist mein Darknet eigentlich ein soziales Netz?

Ja, im Moment sind auf net2o nur nerdige Alpha-Tester unterwegs, und die sind alle ganz nett und höflich im Chat. Betreibe ich da eine Plattform, oder, weil das ein peer-to-peer-Netzwerk ist, bin ich da gar nicht der Betreiber, weil die Leute in einem P2P-Netzwerk ja im Wesentlichen ihre eigenen Rechner zur Bereitstellung der Inhalte nutzen? Wie viele Mitglieder hat ein federated Netzwerk wie Mastodon, bei dem man einzelne Betreiber tatsächlich zuordnen kann? Ist da der jeweilige Knoten maßgeblich, und bleibt Mastodon damit praktisch sowieso unter den 2 Millionen? Wandern dann die Leute von Twitter nach Mastodon, wenn das NetzDG Twitter unbenutzbar für den üblichen Twitter-Anwendungsfall (pöbeln, hetzen und covfefen) unbrauchbar macht?

Hausrecht bei federated Systemen wie Mastodon hat der jeweilige Knotenbetreiber. Der Knotenbetreiber weiß, was da gepostet wird. In einem "Darknet" weiß man das als Betreiber nicht, selbst wenn man tatsächlich Betreiber ist (wie WhatsApp). "Darknet" ist alles, was ende-zu-ende verschlüsselt wird.

Wenn so eine prollige WhatsApp-Gruppe "#wirziehenüberMaasher" den "<zensiert>" schicken will, oder was auch immer, dann bleibt das innerhalb der Gruppe. Dadurch, dass da keine Öffentlichkeit hergestellt wird, greift schon das Strafrecht nicht - in privaten Netzen ist nur das Anstiften zu Straftaten strafbar, und mit so einem Spruch ist zwar klar, wo man Maas gerne hätte, nur ist das keine glaubhafte Anstiftung zu einer Straftat (es gibt keine dafür geeigneten Anlagen, wo man ihn hinschicken könnte).

Und die andere Frage: Was kann man tun, als Entwickler? Die Inhalte selbst bekomme ich ja nur mit, wenn ich da direkt an der Kommunikation beteiligt bin.

Was natürlich problemlos geht, ist eine China-artige Filterung nach Schlüsselwörtern. "Heil Hitler", "rapeugee", "6-4", eine länderspezifische Liste von Schlüsselwörtern, die nicht gesagt werden dürfen, ist schnell erstellt, insbesondere, wenn die Behörden, wie in China, die gleich fertig vorbereitet haben, und einem auf Anfrage sicher gerne zuschicken, und die ist auch trivial zu implementieren. Auch kann man damit eine relativ schnelle Einschätzung des Inhalts machen, die ausgehende Message damit taggen, und bei jedem, der in seinen Settings "bitte keine verstörende Texte der Kategorie xxx" angewählt hat, ausfiltern.

In China hat die dortige "Netzdurchsetzung" äh "Forenharmonisierung" dazu geführt, dass öffentliche Microblogs wie Sina Weibo ziemlich an Attraktivität verloren haben, und durch weitgehend ungefilterte und von der Partei auch nicht sinnvoll kontrollierbare private Kommunikation auf WeChat ersetzt wurde. Die Sensibilität, wie wichtig Privatsphäre ist, ist dort auch hergestellt.

Da es in China jedem klar ist, dass das Löschen "unliebsamen Meinungen" gilt, und keine Nebelkerzen mit komplexen Strafrechtsparagraphen geworfen werden, ist das auch einfacher für Betreiber. Die Filterung der unliebsamen Meinungen übernimmt die Partei selbst, da muss man einfach nur auf Zuruf löschen. Ein vorauseilender Gehorsam ist nicht nötig, außer bezüglich der bekannten verbotenen Wörter, die man in einem Open-Source-Projekt wie net2o wohl nicht direkt einbinden würde, sondern einfach als Liste von Hashes tagesaktuell aus einem von der Partei betriebenen DVCS-Repository saugen würde. Damit ist man zwar Teil eines blöden Zensur-Systems, aber man hat wenigstens einigermaßen Rechtssicherheit.

Beim NetzDG muss man alles selber machen, Verstöße werden mit hohen Geldstrafen geahndet, und die richtige Einstufung, was ein "offensichtlich rechtswidriger Inhalt" ist, ist alles andere als trivial. Die Gefahr ist hier das Overblocking, etwas kritisch zu sehen ist, dass die Straftaten dann, aufgrund des schnellen Löschens, straffrei ausgehen. Man könnte sagen, das ist ok, denn bei Äußerungsdelikten ist der Versuch nicht strafbar, also, der missglückte Versuch der Äußerung, nicht der missglückte Versuch, durch eine Äußerung z.B. zu Straftaten aufzurufen (der ist selbstverständlich strafbar).

Was ich sicher machen werde, ist, den Nutzern Werkzeuge zu geben, mit denen sie ihre Filterblase sauber halten können. Das ist auch nicht schwierig, insbesondere, wenn sowieso Wert auf Privatsphäre gelegt wird: Die Leute, mit denen man kommuniziert, holt man sich bewusst ins Boot, man muss nicht die Rotte Wildschweine mühsam einzeln 'rauswerfen.

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