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  • Sibylle

mehr als 1000 Beiträge seit 07.04.2003

Gründe, warum so wenig Frauen in der IT sind

Ich bin weiblich, habe Mathematik an einer Universität studiert (Nebenfächer Informatik und Elektrotechnik) und arbeite seit fast 20 Jahren in der IT. Ich war sowohl in der IT-Abteilung eines Unternehmens als auch als Softwareentwicklerin bei einer Softwarefirma als auch im Implementierungsconsulting. Seit 12 Jahren bin ich als Sales Engineer in der technischen Vertriebsunterstützung in der Softwarebranche.

Im Studium war der Frauenanteil in der Mathematik und der Informatik so bei ca. 20% (Lehramtsstudenten Sek II eingeschlossen), in der Elektrotechnik bei 5-10%.

Im Beruf war ich immer entweder die einzige Frau im Team oder eine von ganz wenigen. Der Frauenanteil in meiner Firma in meinem Bereich liegt derzeit bei 12,5% (4 von 32) in Führungspositionen 0%. Es gab auch Zeiten, da war ich in einem Team von 25 Personen die einzige Frau. Ich weiß also, was es heißt, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten. Ich habe nie bereut, dass ich mich für diese Richtung entschieden habe, denn m.M. nach kann man als Frau (von Ausnahmen natürlich abgesehen) nur dann richtig gut verdienen, wenn man in einer Männerdomäne tätig ist. Ich habe mir auch bereits bei der Studienwahl vor dem Abitur Gedanken darüber gemacht, wie gut meine Berufs- und Verdienstaussichten sind und habe mich unter all meinen Interessen (ich bin sehr vielseitig interessiert) bewusst für das Gebiet entschieden, wo ich mir die besten Berufs- und Verdienstaussichten erhofft habe. Ich bin übrigens kinderlos und lebe ohne Trauschein mit meinem Partner zusammen.

Die Gründe für den geringen Frauenanteil sind m.M. nach vielfältig:
- Im familiären Umfeld werden Mädchen selten ermuntert, sich in naturwissenschaftlich-technischer Richtung zu orientieren (Ausnahmen gibt es natürlich immer)
- Auch im schulischen Umfeld gibt es noch Lehrkräfte, die Schülerinnen, sicher oft auch unbewusst, spüren lassen, dass Fächer wie Mathematik, Physik, Informatik etc. "nichts für Mädchen" seien oder dass Mädchen da unbegabter seien (was natürlich Quatsch ist).
- Es gibt zu wenige Vorbilder, d.h. Frauen im Umfeld von Mädchen und jungen Frauen, die einen entsprechenden Studien- und Berufsweg eingeschlagen haben.
- Die IT-Branche behauptet zwar, dass sie dringend mehr Frauen haben will, aber in der Praxis sieht das dann oft ganz so aus, wenn frau im gebärfähigen Alter ist oder gar ein Kind bekommt und dann Elternzeit nehmen und anschließend in Teilzeit arbeiten will, dass dann den Worten kaum Taten folgen. Ich kenne Beispiele, wo mehr oder weniger unverhohlen zugegeben wurde, dass man auf gar keinen Fall eine verheiratete, aber kinderlose Frau unter 40 einstellen wird, weil "die ja sowieso bald schwanger wird". Auch hatte ich einige Kolleginnen, denen nach einjähriger Elternzeit der Teilzeitwunsch "aus betrieblichen Gründen" verweigert wurde, obwohl das m.M. nach machbar gewesen wäre (z.B. gab es Kunden, die explizit einen Consultant nur für 3 Tage die Woche vor Ort haben wollten, was aber abgelehnt wurde, weil man ja nur Vollzeitmitarbeiter habe, die könne man sonst nicht auslasten). Die Folge war: die Kolleginnen arbeiten heute entweder als Freelancerinnen oder haben der IT ganz den Rücken gekehrt. Eine Freundin und ehemalige Kollegen hat ein Kind und arbeitet in Teilzeit in der IT-Abteilung eines Großunternehmens. Sie wird öfters von Headhuntern angesprochen und wäre einer beruflichen Veränderung auch nicht abgeneigt, aber ohne Ausnahme haben bisher alle Headhunter abgewinkt, als sie gesagt hat, dass sie nur 25-30 Stunden pro Woche arbeiten will/kann. Sie ist jetzt also gezwungen, bei ihrer jetzigen Firma zu bleiben, weil eine berufliche Veränderung kaum möglich erscheint.

- Junge Frauen verlassen sich oft noch darauf, einen Partner zu finden, der besser verdient, und schenken daher den Verdienst- und Berufsaussichten deutlich weniger Beachtung (mir persönlich unverständlich, ich wollte finanziell nie von einem Mann abhängig sein).
- Junge Frauen werden von "Nerd"-Typen eher abgeschreckt (obwohl natürlich längst nicht alle männlichen Studenten oder IT-Kollegen Nerds sind).
- Und zuguterletzt habe ich auch schon von jungen Frauen selbst die m.M. nach völlig absurde Meinung gehört, dass sie fürchten, keinen Mann abzubekommen, wenn sie Informatik, Elektrotechnik o.ä. studieren, denn das wäre ja unweiblich und würde sie unattraktiv machen. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn wo sind die Chancen besser, Männer kennenzulernen, als an einer Uni mit Männerüberschuss? Denn neben den Nerds gibt es ja auch noch massenhaft ganz normale, gutaussehende, nette junge Männer, die als Partner in Frage kommen. Ich selbst habe an einer technischen Universität mit deutlichem Männerüberschuss studiert und hatte nie Schwierigkeiten, Männer kennenzulernen. Während meines gesamten Studiums war ich mit nur kurzen Unterbrechungen eigentlich immer liiert.

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