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Die Sofortbildkamera wird 70

Am 21. Februar 1947 stellte der Physiker Edwin Land die erste Sofortbildkamera vor. Mit einem geschätzten Vermögen von 500 Millionen Dollar machte sie seinen Erfinder zum wohl reichsten Selfmademan seiner Zeit.

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Die Sofortbildkamera wird 70

Eigentlich müsste die Zeit der Sofortbild-Fotografie schon lange vorbei sein. Spätestens nach den beiden Insolvenzen des Pioniers Polaroid in den Jahren 2001 und 2008 sah es so aus, als ob die Menschen kein Interesse mehr haben würden, schnell einen Fotoabzug in der Hand zu halten. Doch es kam anders: Trotz Pleite und Digitalboom weigert sich die Sofortbild-Idee bislang standhaft, auszusterben. Mittlerweile feiert sie ihren 70. Geburtstag.

Der erste Peel-Shot-Film von Polaroid (14 Bilder)

Der erste Peel-Shot-Film von Polaroid

Polaroids Edwin H. Land im Kreise klassischer Fotografen. (Bild: Polaroid-Archiv)

Vorgestellt wurde die erste Sofortbildkamera am 21. Februar 1947 – und zwar vom Physiker Edwin Herbert Land. Das Besondere: Die gesamte Entwicklungschemie war im Film untergebracht. Dabei waren anfangs nur Schwarzweiß-Bilder möglich und der Film musste nach dem Entwickeln in zwei Teile getrennt werden – ein "Trennbildfilm" also. Das Prinzip: Silbersalz, das bei der Aufnahme unbelichtet blieb, wandert aus der Negativschicht in ein Trägermaterial, wo es mithilfe einer hochkonzentrierten Entwicklerpaste in ein Positiv des fotografierten Motivs umgewandelt wird. Später folgten Farbfilme und mit dem Integralfilm der SX-70 entfiel das Trennen der Bilder.

In den Handel kam die erste Kamera knapp zwei Jahre später – am 26. November 1948. Sie hieß Land Camera Model 95 und kostete damals stolze 89,75 US-Dollar. Trotzdem waren schon am ersten Tag alle verfügbaren Exemplare ausverkauft.

Dieser Erfolg motivierte und so begannen im gleichen Jahr die Entwicklungsarbeiten für einen Sofortbildfarbfilm, der unter dem Namen Polacolor auf den Markt kam. Abfallfrei wurde der Sofortbildfilm aber erst mit dem 1972 vorgestellten SX-70-System. Der Integralfilm kam in der Folge in unterschiedlichen Formaten auf den Markt. Bis in die 1990er-Jahre kamen dann Schlag auf Schlag immer neue Kameramodelle auf den Markt.

Doch Polaroid konnte den Erfolg der Sofortbildfilme nicht auf andere Filmsysteme übertragen. Die Versuche von Edwin Land auch beim Schmalfilm und bei Dias Sofortbildfilme einzuführen, scheiterten allesamt. Zwar stieß auf der photokina 1978 das Schmalfilmsystem Polavision auf große Begeisterung, denn schon 90 Sekunden nach der Aufnahme konnte der Film im Entwicklungsgerät auf eine Mattscheibe projiziert werden. Trotzdem blieb die Nachfrage nach dem Polavision-System gering – was die Wiener Eumig, den Hersteller des Entwicklungsgeräts, in die Pleite trieb. Schließlich trat Land am 6. März 1980 als Polaroid-Chairman zurück. Auch seine Nachfolger konnten mit dem 1983 eingeführten Polaroid AutoProcess-System für Kleinbild-Diafilme nicht mehr an den früheren Erfolg des Unternehmens anknüpfen.

2001 kam dann das erste Aus: Die Polaroid Corporation musste Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 stellen. 2002 übernahm One Equity Partners, die später von JPMorgan Chase übernommen wurden, einen 53-Prozent-Anteil, 2004 wurde das Unternehmen wieder an die Börse gebracht. Den Bereich Sonnenbrillen hat man ausgegliedert. Er gehört heute zur italienischen Safilo S.p.a. in Padua.

Im Jahre 2005 übernahm die Petters Group Polaroid, stellte aber die Produktion der Sofortbildkameras ein. 2008 begann die Aufgabe der Filmproduktion.

Zuerst stellte Polaroid die Produktion in Norwood ein. Kurz darauf kam das Ende für die Produktion in Waltham. Dort findet sich heute ein Einkaufszentrum in der ehemaligen Polaroid-Immobilie. Auch die Werke in Mexiko und im niederländischen Enschede hat man unter Petters geschlossen. In den Niederlanden konnte Florian Kaps mit seinem The-Impossible-Projekt die Fertigung der Integralfilme jedoch retten. Bis heute werden diese im alten Polaroid-Werk produziert. Bei der eingesetzten Chemie hat es jedoch umfangreiche Änderungen gegeben. Teilweise waren die ursprünglichen Zulieferer nicht mehr verfügbar und teilweise war der Einsatz bestimmter Chemikalien in der EU nicht mehr erlaubt.

Das Werk in Enschede ist heute der letzte verbliebene Rest der Sofortbild-Produktion der ehemaligen Polaroid Corporation. Frühere Mitarbeiter von Polaroid gründeten 2005 die Zink Imaging, Inc. in Bedford, Massachusetts. Von Zink werden heute die Filme produziert, die von Unternehmen wie Polaroid oder HP für Fotodrucker vermarktet werden.

In der Folge der zweiten Polaroid-Insolvenz, die nach dem betrugsbedingten Zusammenbruch der Petters-Gruppe notwendig wurde, erwarb ein Joint Venture in einer Versteigerung die Markenrechte. Das Joint Venture wurde von Hilco Consumer Capital, L.P. (HCC) und Gordon Brothers Brands, LLC (GBB) geführt und schloss weitere Investoren wie Knight’s Bridge Capital Partners ein. Heute liegen die Rechte an der Marke Polaroid bei der PLR IP Holdings. Die Marke Polaroid wird derzeit von etwa 80 Lizenznehmern für allerlei Consumer-Produkte genutzt. (Christoph Jehle) / (keh)