"Geschlossene Gesellschaft" – Ausstellung zur DDR-Fotografie

Mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es jetzt erstmals ein umfassendes Bild zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie in der DDR. Heute eröffnet die Ausstellung "Geschlossene Gesellschaft" in Berlin.

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  • Nada Weigelt

Das knallbunte Pfingsttreffen der FDJ, ein halbleeres Lebensmittelregal oder ein eintönig grauer Wohnblock – es sind scheinbar normale Bilder vom Alltag der DDR, aber doch haben viele von ihnen einen doppelten Boden. In einer bisher einmaligen Ausstellung gibt die Berlinische Galerie jetzt einen umfassenden Überblick über die künstlerische Fotografie der DDR. Nie zuvor war die ins Bild gebannte kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Situation im sozialistisch regierten Land so breit und gründlich dokumentiert. "Geschlossene Gesellschaft" heißt die Schau.

Berlin (Ost) 1989 – Pfingsttreffen der FDJ – Stadion der Weltjugend

(Bild: © Jens Rötzsch, Sammlung Berlinische Galerie, Berlin)

"Wir wollen mit dieser Ausstellung nicht die DDR in Bildern zeigen. Unser Ziel war, die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel zu behandeln", sagte Kurator Ulrich Domröse vor der offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend. Der Leiter der fotografischen Sammlung des Landesmuseums hat gemeinsam mit drei weiteren Kuratoren den riesigen eigenen Bestand durchforstet und um viele Leihgaben ergänzt. "Anlass war auch, unsere Sammlung zu überprüfen", sagte Museumsdirektor Thomas Köhler.

Rund 250 Arbeiten von 34 Künstlern machen nun die Entwicklung zwischen 1949 und 1989 deutlich. Erstmals wurde dafür die gesamte Ausstellungsfläche im Erdgeschoss genutzt und thematisch dreigeteilt: Unter dem Motto "Realität-Engagement-Kritik" zeigt das erste Kapitel die sozial engagierte Fotografie, die als zahlenmäßig umfangreichste Strömung gilt. Vertreter sind etwa Arno Fischer, Ursula Arnold, Sibylle Bergemann, Jens Rötzsch und Evelyn Richter.

Familie W. (Schutzpolizist, Montiererin), Berlin 1983

(Bild: © Christian Borchert, SLUB / Deutsche Fotothek Dresden, Berlinische Galerie )

Die 82-jährige Richter, 2010 mit der Ausstellung "Eros und Stasi" in Aachen, erinnerte an die zahlreichen Auflagen und Beschränkungen, denen sich viele Künstler im autoritären System ausgesetzt sahen. "Wir waren eine Kistengesellschaft", erzählte sie. "Jeder von uns sammelte seine Bilder irgendwo. Wir besuchten uns gegenseitig und nutzen das, um uns unsere Arbeiten zu zeigen."

Das zweite Kapitel "Montage-Experiment-Form" versammelt Fotografen, die in den 70er Jahren an die Bildsprache der Moderne um 1920 anknüpfen, darunter Fritz Kühn, Edmund Kesting, Micha Brendel und Klaus Elle. Beeindruckend sind etwa die großflächigen Porträts von Lutz Dammbeck, der die Gesichter verschiedener Menschen zerstückelt und mit grober Naht neu zusammenstellt. Oder Ernst Goldbergs "Letzter Akt/Auferstehung", der drastisch die Auflösung des Körpers inszeniert.

Im dritten Abschnitt "Medium-Subjekt-Reflexion" präsentieren sich die "Jungen Wilden" – Künstler, die ab Anfang der 80er Jahre ihr Misstrauen gegen das System bewusst zum Ausdruck bringen. "In den letzten Jahren der Agonie hat vieles funktioniert, aber bis dahin war es wirklich eine geschlossene Gesellschaft", sagte Fotograf Rudolf Schäfer, der etwa mit Kurt Buchwald, Thomas Florschuetz und Tina Bara zu der Gruppe gehört.

Frau in Rot, Leipzig 1985

(Bild: © Erasmus Schröter, Sammlung Berlinische Galerie, Berlin)

Die Ausstellung ist bis Ende Januar zu sehen. Fast ein Dutzend Galerien beteiligen sich mit einem ergänzenden Programm. Vom 9. bis 11. November ist zudem ein Symposium geplant, das die Geschichte der DDR-Fotografie wissenschaftlich aufarbeiten soll.

Nach Ansicht der Kulturstiftung des Bundes, die das Projekt unterstützt, ist es das besondere Verdienst der Ausstellung, nach mehreren Einzelpräsentationen die gesamte Bandbreite des künstlerischen Fotoschaffens in der DDR zu zeigen. "Das ist jetzt ein bisschen die Krönung", sagte Stiftungsdirektorin Hortensia Völckers. "Hier scheint alles zusammenzukommen – und am richtigen Ort."

  • Berlinische Galerie:
    Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin

  • Eröffnung: Do, 19 Uhr,
    Ausstellung: 5. Oktober 2012 – 28. Januar 2013
    Öffnungszeiten: Mi-Mo, 10-18 Uhr
    Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro

(keh)