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HD-Video mal anders: Prämierter Kurzfilm aus der alten Spiegelreflex

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Michel Klöfkorn bei einer Stop-Motion-Aufnahme mit Draht-Ameisen

Anfang Mai gewann der deutsche Filmemacher Michel Klöfkorn mit seinem neuen, rein mit einer digitalen Fotokamera aufgenommenen Werk „n.n.“ den deutschen Wettbewerb bei den 55. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen, einem der ältesten und weltweit renommiertesten Kurzfilmfestivals. Klöfkorn arbeitet seit gut fünfzehn Jahren in den Bereichen Musikvideo, experimentelle Animation und Videoinstallation und wurde im Jahre 2004 für den Film „3,48 €/Min.“ mit dem deutschen Kurzfilmpreis in der Sparte Animation ausgezeichnet. Am bekanntesten dürfte sein Ballett wippender Garagentore sein, das er zusammen mit Co-Regisseur Oliver Husain per Stopptrick-Animation für den Song „Star Escalator“ von Sensorama choreographierte.

Bisher hat Klöfkorn entweder auf Film oder einem digitalen Videoformat gedreht; da in seinem neuen Werk „n.n.“ aber nur animierte Gegenstände oder Landschaften in Zeitraffer-Aufnahmen vorkommen würden, lag es nahe, vom teuren Videoequipement auf kostengünstigere Fotogeräte umzusteigen. Jedes einzelne der insgesamt circa 15.000 Bilder des fast elfminütigen Streifens wurde einzeln mit drei gebraucht erworbenen Canon EOS 20D (8-Megapixel-SLR) aufgenommen und später mit dem Schnittsystem Final Cut Pro zu einer flüssigen Sequenz zusammengesetzt. Über drei Jahre verteilt hat Klöfkorn rund 24 Wochen lang an den verschiedenen Schauplätzen wie dem Polarmeer bei Island, in der kasachischen Steppe, in einem verlassenen Schwimmbad oder im alten Frankfurter Polizeipräsidium gedreht – respektive fotografiert. Insgesamt hatte er am Ende 200 GByte an Bildmaterial angesammelt. Zwei der 20D-Kameras haben den Bildmarathon nicht verkraftet und mussten zum Service.

Harte Prüfung für die EOS 20D: Polarmeer bei Island

(Bild: Michel Klöfkorn)

Klöfkorns Film „n.n.“ besteht aus einem stetigen Wechsel zwischen rasante Szenen mit animierten Ameisenschwärmen und anschließenden ruhigeren Sequenzen mit Landschaftsaufnahmen von treibendem Polareis oder schneebedeckten Berggipfeln. Die aus Taubendraht gefertigten Ameisenschwärme stürzen sich in „n.n.“ jeweils auf Zivilisationsgegenstände, zermalmen und zerkleinern diese. Für Klöfkorn legen die Ameisen damit „den Blick frei auf das Wesentliche“ und helfen vielleicht dabei „eine bescheidenere Lebensweise zu entwickeln...“

Wegen des geringeren Speicherbedarfs nutze Klöfkorn nicht das Raw-Format für seine Bilder, sondern speicherte sie als 1,6 bis 2 MB große JPG-Dateien. Bis auf 14 Neonröhren bei einer speziellen Szene verzichtete er auf die Verwendung von Lampen oder Blitzlicht. Als Voraussetzung mußte Klöfkorn bei der Auswahl der Schauplätze lediglich darauf achten, wie das Licht im Laufe des Tages durch die Räumlichkeiten wandert. Als Arbeitsblende wählte er durchweg eine 2,8 oder 4, weil „Objektive in diesem Bereich die beste Leistung bringen.“, so Klöfkorn. Für die Belichtung verließ er sich auf die Halbautomatik, für manche Effekte benötigte er eine Belichtungszeit von zwei Sekunden, in der Regel lag sie aber darunter.

Für die Uraufführung im deutschen und internationalen Wettbewerb in Oberhausen wurde der Film lediglich auf ein HDV-Band ausgespielt. Dennoch machte „n.n.“ in der DCI-Projektion in Oberhausen, wie Fachbeobachter bestätigen, den insgesamt besten Bildeindruck, was Brillanz, Schärfe und Detaildarstellung betrifft, und konnte in punkto Bildqualität auch die wenigen noch vorhandenen 35mm-Filmproduktionen schlagen. In der internationalen Kurzfilmszene hat sich in den letzten zehn Jahren das Verhältnis von Film zu Video komplett gedreht: Waren vor zehn Jahren Filmproduktionen noch knapp in der Überzahl, so wird nun der überwiegende Teil der Kurzfilme in diversen Videoformaten bis hin zu Handykameras gedreht. Damit ist beim Kurzfilm schon eine Entwicklung abgeschlossen, die das „große Kino“ in den nächsten Jahren noch vor sich hat. Georg Immich (Georg Immich) / (cm)