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Kolumne: Besser einen Fernseher kaufen – der Monatsrückblick von c't Fotografie

Schützen Sie das Reittier und denken Sie an Objektivöffnungen von f/0.65: Im November-Rückblick knüpft sich Andreas Kesberger diesmal Nikon vor.

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Kolumne: Besser einen Fernseher kaufen - der Monatsrückblick von c't Fotografie

So irgendwo zwischen Blacksonstwieday und verkaufsoffenem Adventssonntag dreht sich in der Fotobranche derzeit alles nur ums Dealen. Die Manager haben derweil Zeit, um nachzudenken oder Interviews zu geben. Was uns Leser wenigstens etwas schlauer macht. Wie das Interview des französischen Nikon-Marketing-Direktors Nicolas Gillet auf mizuwari.

Das zeigt mir zumindest, dass die Google-Übersetzungen nach wie vor ausbaufähig sind, wie die Beispiele im folgenden Absatz eindrücklich beweisen. Was will Nikon nur mit einer Straßenkarte? Ach so, die Roadmap für die Objektive...

Jetzt bin ich zwar in der Nähe der französischen Grenze aufgewachsen, aber manche Satzkonstruktion bleibt mir trotzdem fremd: "...mit einer Karte so schnell ist er ziemlich bluff befreit." Klingt fast nach Goethes Osterspaziergang. Auch zaubern Googles Übersetzungskünste solche Sätze: "Leider haben wir nicht die genaue Geschwindigkeit des Busses mitgeteilt, aber wir sprechen von Flüssen, die 10 bis 100 Mal höher sind als die, die vom Berg F zugelassen sind." Aha. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, wird es offensichtlich Zeit für ein neues Bajonett. Vielleicht ist das ja auch quatsch mit dem Fotografieren: "Das bedeutet nicht, dass es in Z nie sehr lange Teleobjektive geben wird, aber im Moment ist es besser, einen Fernseher zu kaufen." Und zum Schluss mein Favorit: "Ich würde jedoch erwarten, dass das Reittier geschützt ist." Ja, wer würde das nicht.

Nikon Z - bald mit f/0.65?

Die daraus zitierte, weltweite Fotoschlagzeile der Woche war ganz vom Reittier befreit und lautete, dass Nikon mit dem neuen Z-Bajonett auch Lichtstärke 0,65 könnte. Tolle Idee. Sony hat das – natürlich auch wieder in einem Interview – unbeeindruckt gelassen, da sie 1,0 könnten, aber gar nicht wollen, weil das niemand kauft. Was Leica vermutlich etwas anders sieht. Oder genauso und deswegen Objektive mit Blende 0,95 baut. Aber dafür sind den Konstrukteuren bei Zeiss in Oberkochen vermutlich vor Schreck die Käsespätzle von der Gabel gerutscht. Dann wären sie ja ihren Weltrekord los. Mit dem Planar 0,7/50 mm hat die Nasa die Dark Sight of the Moon fotografiert und Stanley Kubrik "Barry Lyndon" bei Kerzenlicht gefilmt. Wer sagt denn, dass sowas keiner kauft. Immerhin sind sie neun Exemplare los geworden. Und mit heutigen Gläsern, Schleifmaschinen und vor allem Rechenmodellen lässt sich ja vielleicht wirklich was designen, was über Bildkreis 27 mm hinaus geht. Dabei war es damals schon schwerer als das Sigma 1,4/105 heute. Aber so lange alle nur erzählen, was sie eigentlich bauen könnten, kann man sich in Schwaben vermutlich entspannt zurücklehnen und weiter in einem 50 Jahre alten Weltrekord sonnen.

Also kümmern wir uns doch lieber um die Produkte, die es schon gibt. Meine Lieblingsstelle ist ja die, in der Gillet davon schwärmt, dass man den Sensor der Nikon-Z-Serie viel besser reinigen kann als bei einer Spiegelreflex. Warum dann auch beim Objektivwechsel einen Schutzvorhang oder gar den Verschluss vorschwenken? Dann hätte man ja nicht so viel zu reinigen. Die Servicetechniker freuen sich auf jeden Fall. Vielleicht sollte man das mal weiterdenken und Produkte auf mehr Servicefreundlichkeit und bessere Werkstattauslastung hin optimieren. Anstatt die Kameras immer mehr abzudichten, könnte man das Wasser leichter reinlaufen lassen und dafür dann unten so ne kleine Ablassschraube...? Oder die Blenden vielleicht vor das Objektiv? Kommt man doch viel besser ran. Oder ein Displayglas, das zwar leicht zerkratzt, aber dafür dolle einfach zu wechseln ist...

Weltrekord: Zeiss Planar 0,7/50 mm

Was mich allerdings noch nachdenklicher stimmt, ist die japanische Kommunikationskultur, die da zur vergoogelten Sprache kommt. Bei vielen Themen weiß der Mann einfach nicht, warum in Japan so entschieden wird. Immerhin dürfen sie nach Japan melden, wie sie was finden, aber zurück kommt mehr oder weniger nur die fertige Kamera. Dabei ist das nicht ein Manager, der nächstes Jahr Fischkonserven in der Bretagne optimiert und übermorgen Croissantbackautomaten, sondern er ist offensichtlich mit Foto-Herzblut dabei. Das erinnert mich an eine Studienkollegin, die bei einem großen Druckerhersteller vor vielen Jahren mal nach Japan gemailt hat, dass Graustufen- und Pigmenttinten wie – damals noch nur – bei den Fremdherstellern doch eine gute Idee wären. Ja, da kam Freude auf. Nur keine Antwort. Dafür gab es vom Chef in Japan einen Rüffel an ihren Chef, was denn das solle. Später gab es wenigstens Grau- und Pigmenttinten, aber in Sachen offener Unternehmenskultur hat sich auch 15 Jahre danach scheinbar wenig geändert. Wobei wir wahrscheinlich nicht so hochnäsig sein sollten. Wenn plötzlich ein brasilianischer Ingenieur nach Wolfsburg mailt, dass es da ja vielleicht statt der Abschaltvorrichtung unter 5° und über 10° noch andere Lösungen gäbe, wird der wahrscheinlich nur noch konzerneigene Koikarpfen bewachen dürfen. Oder schützenswerte Reittiere...

(Andreas Kesberger) / (ssi)