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Kriegsfotograf Brown: „Das iPhone hat mich befreit“

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Michael Christopher Browns Fotografien zeigen Revolutionäre, die Waffen auf ein Bild Gaddafis richten, die sich vor Gaddafi-Anhängern verschanzen, die Waffen abfeuern. Verletzte und tote Rebellen. Friedhöfe. Zivilisten, die das Ende der Kämpfe feiern. Es sind Bilder eines Krieges, in dem Brown mittendrin war. Gemeinsam mit anderen Fotojournalisten war er am 20. April 2011 in Misrata den Rebellen an die vorderste Front gefolgt. Dort gerieten sie in ein Granatfeuer. Seine Kollegen Tim Hetherington und Chris Hondros kamen ums Leben, Michael Christopher Brown wurde schwer verletzt. Unsere Kollegin Daniela Zinser von seen.by sprach mit Brown:

Frage: Herr Brown, Sie sind eigentlich gar kein Kriegsfotograf, was wollten Sie während der Revolution in Libyen?

Brown: Es war Teil des Reizes, dass ich nicht wirklich wusste, was ich dort erwarten sollte außer dass Libyen das letzte Land war, das vom Arabischen Frühling erfasst wurde. Das wollte ich mittendrin erleben und für mich herausfinden, was hinter dieser Revolution steckte. Libyen war für lange Zeit zuvor ziemlich abgeschlossen von der Welt, so dass es was Geheimnisvolles hatte. Die Kämpfe waren ein Teil von dem, was geschah, deshalb habe ich sie aufgenommen, aber sie haben mich nicht in erster Linie interessiert.

MC Brown (28 Bilder)

(Bild: Michael Christopher Brown, http://mcbphotos.com/)

Sie haben viele Aufnahmen von Zivilisten und Rebellen gemacht. Wie haben die Leute darauf reagiert?

Brown: Am Anfang waren alle begeistert, dass wir da waren. In der internationalen Presse sahen die Libyer eine große Unterstützung, um Gaddafi zu stürzen. Später, als es in Brega eine Pattsituation zwischen den Rebellen und Gaddafis-Truppen gab, hat sich das geändert. Manche der Kämpfer hatten das Gefühl, ihre Position könnte durch Journalisten gefährdet sein und manchmal, wenn sie Kämpfe verloren haben, weigerten sie sich, fotografiert zu werden. Es kam auf die Situation an, aber grundsätzlich war den Libyern die Macht und die Notwendigkeit von Medien klar.

Was ist Ihre stärkste Erinnerung an den 20. April 2011, dem Tag, an dem Sie und Ihre Kollegen getroffen wurden?

(Bild: Michael Christopher Brown, http://mcbphotos.com/)

Brown: Nachdem die Bombe uns getroffen hatte, habe ich für einen kurzen Moment das Bewusstsein verloren. Dann sah ich, wie ein Libyer, der vor mir ging, empor gerissen wurde, er blutete überall und fiel auf mich. Ich erinnere mich dann an dieses unglaubliche Gefühl, meinen Körper wieder zu spüren. Als ob ich davor für einen Moment aufgehört hätte zu existieren. Ich konnte nicht glauben, dass ich nach dieser Explosion noch alle Gliedmaßen hatte. Erst dann bemerkte ich das Blut, dass aus einer Wunde zwischen meiner Brust und meiner Schulter schoss. Granatsplitter hatten mich getroffen. Das Blut war wie ein Fluss und ich wusste, ich würde sterben, wenn ich nicht schnellstens da rauskommen würde. Als ich ins Krankenhaus kam, hatte ich fast die Hälfte an Blut verloren, brauchte zwei Transfusionen und habe immer noch vier Granatsplitter im Körper.

Haben Sie wahrgenommen, was mit Ihren Kollegen Tim Hetherington und Chris Hondros passierte?

Brown: Nein, in der Situation nicht. Aber laut denen, die alles mitbekommen haben, war Chris bewusstlos, ihn hatte ein Granatsplitter in den Kopf getroffen. Tim wurde an der Oberschenkelarterie verletzt. Die Fotografen, die versuchten, ihm zu helfen, konnten deshalb das Blut nicht stoppen. Er ist innerhalb von Minuten verblutet. Chris starb später in derselben Nacht.

Im Buch „Fotos für die Pressefreiheit“ von „Reporter ohne Grenzen “ beschreiben Sie diesen Tag und auch Ihre Angst. Inwieweit haben die Fotografie und das Schreiben Ihnen geholfen, das Erlebte zu verarbeiten?

(Bild: Michael Christopher Brown, http://mcbphotos.com/)

Brown: Das Schreiben hat viel mehr geholfen. Ich konnte mich immer schon besser mit einem Stift als mit einer Kamera ausdrücken – was persönliche Gedanken anbelangt, denn natürlich arbeite ich als professioneller Fotograf. Das Schreiben ist nur für mich, es geht mir um das Innenleben, bei den Fotos ist es genau umgekehrt. Sie dokumentieren die Außenwelt und sind auch für sie bestimmt.

Aus der Not heraus, Ihre Kamera war kaputt, haben Sie begonnen, mit der Hipstamatic-App auf Ihrem iPhone zu fotografieren. War es damit einfacher?

Brown: Es war leichter und schwerer zugleich. Es gibt nur einen Knopf und keine Möglichkeit, die Linse oder die Belichtungszeit einzustellen. Das Display ist sehr klein und oft konnte ich gar nichts sehen, bei Mittagssonne in der Wüste zum Beispiel. Außerdem hat nicht jeder mich ernst genommen, vor allem andere Journalisten und Fotografen. Dabei hat die Professionalität in meinem Beruf nichts mit der Ausrüstung zu tun, sondern viel mehr mit der Herangehensweise, mit Körpersprache, damit, wie man mit dem Fotomotiv umgeht.

Denken Sie, Sie hätten mit Ihrer Kamera andere Fotos gemacht?

Brown: Eine Kamera ist im Grunde nur eine Art Tastatur, mit der man seine Reaktionen auf etwas eingibt. Und eine Handykamera minimiert die Schritte zwischen den Reaktionen und den Aufnahmen. Es ist weniger im Weg und man ist freier, auch wenn die iPhone-Kamera viel langsamer ist als die andere, weil man mit Hipstamatic nur neun Fotos machen kann bevor man ein paar Minuten warten muss, während Hipstamatic alles verarbeitet. Man muss sich stärker überlegen, warum und was man fotografieren will, und weniger, wie man es technisch machen will. Ich hoffe, die Leute sehen an meiner Arbeit, dass man auch mit Handykameras starke Aufnahmen machen kann. Noch gibt es da Vorurteile, aber ich glaube, das wird sich ändern.

Reizt es Sie, weiter in Krisengebieten zu fotografieren?

Brown: Ich bin sicher irgendwann ja. Aber es geht mir nicht um Kriegsfotografie. Das allein ist wie einer Art Sport, es geht nur um Action. Männer mit Waffen bringen sich gegenseitig um, was ist daran so spannend? Es ist das Gleiche, wieder und wieder, überall auf der Welt. Die Unterschiede liegen in der Grenzlinie zwischen Kämpfen und Gesellschaft, was passiert dem Einzelnen - das ist das, was mich interessiert.

In Ihrer Geschichte für „Reporter ohne Grenzen “ schreiben Sie am Ende über Kriegsreporter: „Nichts von all dem ist es wert, dafür zu sterben.“ Wie viel Risiko ist es wert?

Brown: Das muss jeder für sich selbst entscheiden, es ist teils Instinkt, teils Erfahrung. Du musst den Leuten vertrauen, mit denen du zusammen bist, und deinem Gewissen. Es ist kalkuliertes Risiko, aber manchmal musst du, um das beste Bild zu kriegen – und das gilt nicht nur für Kriegsaufnahmen – dorthin gehen, wo geschossen wird. Wie viel Risiko es wert ist, kommt auf den Einzelnen und die Situation an – und auf das, was für eine gute Aufnahme nötig ist.

  • Das Interview führte Daniela Zinser für seen.by.
  • Teil des Buchs „Fotos für die Pressefreiheit“, Reporter ohne Grenzen, 12 Euro, und des National Geographic-Fotoratgeber „iPhone-Fotografie“, 29,95 Euro
  • Gruppenausstellung „War/photography: Images of armed conflicts and its aftermath“, ab 11. November 2012 im Museum of Fine Arts in Houston
  • Michael Christopher Browns Fotografien sind auch Teil des National Geographic-Buchs "iPhone-Fotografie". Eine Buchkritik finden sie hier.

Michael Christopher Brown, Jahrgang 1977, lebt als freier Fotograf in New York. Brown studierte an der Universität von Ohio Visuelle Kommunikation und hat seine Arbeiten bereits in Time, Newsweek, Geo und der The New York Times veröffentlicht. Seit 2005 arbeitet er zudem als Fotograf bei National Geographic. Er hat das Alltagsleben in Kabul fotografisch dokumentiert genauso wie seinen Road- und Zugtrip durch China. Seine Aufnahmen aus Libyen sind Teil der Gruppenausstellung „War/photography: Images of armed conflicts and its aftermath“, die ab 11. November 2012 imMuseum of Fine Arts in Houston zu sehen sein wird, danach in der Corcoran Gallery in Washington sowie an weiteren Orten weltweit.

(Daniela Zinser) / (keh)