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"Urban Exploring": Fotografieren im Atombunker

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Eindringlinge mit Kamera: Urban Explorer entdecken alte, geisterhafte Gemäuer.

(Bild: dpa)

Eigentlich sollten die Bilder von den ehemaligen Industrieanlagen und dunklen Bunkern unter der Erde nur Probeschüsse werden. Doch da entdeckte Roman Zeschky aus Dortmund, dass sich für ihn unter der Erde vergessene Welten öffnen. Er drang ein in eine düstere Welt, in der er die Vergangenheit fand. Aus dieser Erfahrung wurde ein Hobby, dem auch andere nachgehen: "Urban Exploring" heißt das, wenn Menschen mit ihren Kameras in unterirdische Luftschutzstollen, alte Sanatorien, Industrieanlagen, Atombunker oder unterirdische Geheimanlagen der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg klettern und Fotos knipsen. "Lost Places", verlassene Orte, heißen diese Plätze in der Szenesprache. Im Inneren des verlassenen Gebäudes herrscht eine gedrückte, schaurige Atmosphäre.

Es raschelt, es klopft, es flüstert. "Es ist die Stille, die mich fasziniert. Manchmal stehe ich da mit offenem Mund - und staune", sagt der Dortmunder. Roman Zeschky ist Mediengestalter und Fotograf. Für ihn ist das Blitzen tabu, er schwört auf "Lightpainting" und beleuchtet die alten Gemäuer durch das Licht von Taschenlampen. Dadurch entstehen bizarre, oft unwirklich wirkende Lichtkompositionen.

Bevor ein "Urban Explorer" in ein Gebäude klettert, beschäftigt er sich mit der Historie. Was passierte hier einst? Wie wurde das Gebäude genutzt? Und warum steht es jetzt still? "Durch mein Hobby habe ich auch das eigene Land besser kennengelernt – und das von einer ganz anderen Seite", erzählt der junge Mann. Viele Abenteurer möchten anonym bleiben, weil das Einsteigen in alte Gebäude oft nicht legal ist. Rechtlich gesehen wird meistens Hausfriedensbruch begangen. Kaputt wird nichts gemacht – das gehört zur Philosophie. Vielmehr geht es den Eindringlingen um dokumentarische Reflexion und Authentizität. Und um das Eintauchen in die Vergangenheit. "Wir nehmen nichts mit, außer Fotos."

Fotograf Zeschky schwört auf Lightpainting.

(Bild: dpa)

Die möchte Zeschky demnächst in einem Buch veröffentlichen. Nur einen Verlag hat er noch nicht gefunden. Das Thema, meint er, sei eben sehr speziell. Nicht bei allen steht der künstlerische Anspruch im Mittelpunkt: Wer sich keine Spiegelreflexkamera leisten kann, der zieht eben mit einer Knipse für 99 Euro los. Schimmel, Asbest, Industriemüll, Giftgase: Vor unangenehmen Überraschungen ist man nicht sicher. "Wir mussten auch schon abbrechen", sagt Zeschky. Er sagt wir, weil "Urban Explorer" niemals alleine unterwegs sind. Da gehe es auch um gegenseitiges Vertrauen und Kameradschaft. Die Bekanntschaften werden über Internetforen geknüpft, wo Informationen zu alten Gemäuern gesammelt werden. Im Ruhrgebiet gebe es sich sicherlich 500 Entdecker, glaubt Zeschky. Auch Ostdeutschland habe eine vitale Szene. Fixe Zahlen gibt es aber nicht, weil weder Verbände noch Vereine existieren. (Andreas Sträter, dpa) / (ssi)