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Wer hat das bessere Bildstabilisierungssystem?

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Derzeit konkurrieren zwei sehr unterschiedliche Bildstabilisierungs-Systeme: Beim älteren (Canon, Nikon) sind die Bewegungssensoren, die bewegliche Korrekturlinse und die gesamte Elektronik ins Objektiv integriert. Das jüngere, ursprünglich von Minolta entwickelte System korrigiert Verwacklungen durch eine gegensinnige Verschiebung des Sensors. Hier befindet sich die gesamte Technik im Kamerabody.

Hinter dem Spiegel der Sony-Alpha-Kameras ist der Sensor beweglich aufgehängt.

Obwohl letzteres erst einmal sinnvoller erscheint – schließlich braucht man die Stabilisierung hier nur einmal zu bezahlen, sie funktioniert mit allen, auch vielen älteren Objektiven –, hat das sogenannte Sensor-Shift-System aber auch Nachteile – unter anderem wird das Sucherbild nicht korrigiert.

Viele Tests bescheinigen den objektivbasierten Bildstabilisierungen bessere Ergebnisse. Das können wir nicht bestätigen! Eigene Versuche mit stabilisierten Tele-Zooms von Nikon und Canon im Vergleich mit einer Sony-Alpha-Digitalkamera mit Sensor-Stabilisierung zeigen: Bei Aufnahmen von einem offroad fahrenden Quad aus, wo Fotograf und Kamera ziemlich durchgeschüttelt wurden, schnitt die Sony-Bildstabilisierung deutlich besser ab. Den gesamten Test inklusive Vergleich mit anderen Stabilisierungsmethoden, ausführlichen Hintergründen und mehr Testgrafiken finden Sie in der aktuellen c't Digitale Fotografie. Interessant ist aber auch, was ein Hersteller, der beide Systeme produziert, mit ihnen erreicht – dies prüften wir in einem zusätzlichen Test:

Der Test. Sony ist der unseres Wissens einzige Hersteller, der beide Stabilisierungsmethoden einsetzt. In den Spiegelreflexkameras der Alpha-Serie wird der Sensor verschoben, wofür in den kompakten spiegellosen Systemkameras der NEX-Serie offenbar kein Platz ist. Für diese gibt es von Sony einige Objektive mit integrierter Stabilisierung. Wir wollten wissen, wie sich letztere im Vergleich mit der bewährten Sensor-Shift-Technik schlagen.

Aus den aufgezeichneten Lichtspuren erzeugten wir Weg-Zeit-Diagramme für vertikale (rot) und horizontale Bewegungen (grün). Hier wird das durch Regelfehler verursachte Abdriften des Sensors der Sony alpha 580 deutlich sichtbar. Da die Kamera auf ein stabiles Stativ montiert war, müssten die Linien (überlagert aus 10 Aufnahmen) eigentlich exakt waagerecht verlaufen.

Für den Trocken-Test nahmen wir zwei Lichtpunkte auf, die – angetrieben von einem kleinen Flash-Programm – in definierter Geschwindigkeit über einen Computermonitor laufen, und zwar einer von oben nach unten und einer von links nach rechts. Je nach Belichtungszeit werden diese Punkte als mehr oder weniger lange gestrichelte Linien aufgenommen. Jede Bewegung der Kamera während der Belichtungszeit führt zu einer Auslenkung einer oder beider Linien. Die Kamera zeichnet sozusagen ihre eigene Verwacklung auf: Der vertikal laufende Punkt erfasst Verwacklungen in der Waagerechten, der horizontal laufende Punkt solche in senkrechter Richtung.

Das Sony-NEX-Zoomobjektiv SEL-18200LE mit objektivbasierter Stabilisierung

(Bild: Sony)

Aber nicht nur Verwacklungen und deren eventuelle Reduzierung durch eine Bildstabilisierung lassen sich so aufzeichnen, sondern auch die Stabilität der Stabilisierung selbst. Bei Aufnahmen vom Stativ aus sollte man die Stabilisierung tunlichst abschalten, raten die Hersteller (und bei einigen wird dies automatisch vorgenommen). Unser Versuch mit einer Sony Alpha 580 zeigte eindrucksvoll, was andernfalls passieren kann: Die Regelung korrigiert, wo es gar nichts zu korrigieren gibt, und erzeugt Unschärfe, zumindest bei längeren Belichtungszeiten.

Optimal arbeiten alle von uns ausprobierten Systeme nur bis zu Belichtungszeiten im Zehntelsekundenbereich. Langzeitaufnahmen aus der Hand bleiben also vorerst noch ein Wunschtraum. Mit einer ruhigen Hand ist man zwar durchaus in der Lage, eine Kamera auch über mehrere Sekunden hinweg zielgenau innerhalb des Korrekturbereichs der Bildstabilisierung zu halten (je nach Brennweite 0,5 Grad bis zu mehreren Grad), doch da die verwendeten Bewegungssensoren über so lange Zeiten zu ungenau sind und sich zudem Fehler aufschaukeln, werden die Bilder dennoch verwackelt.

Fazit. Die objektivbasierte Stabilisierung des Sony-NEX-Zoomobjektivs SEL-18200LE schlug sich am Besten – auch im Vergleich mit Objektiven von Nikon und Canon. Bei 0,5 Sekunden Belichtungszeit ist die Stabilität deutlich besser als bei der Sony Alpha 580, und sogar bei einer Belichtungszeit von 1 Sekunde aus der Hand gelangen uns noch innerhalb einer Aufnahmeserie ein paar scharfe Fotos – wohlgemerkt bei einer kleinbildäquivalenten Brennweite von etwa 250 mm (die Belichtungszeit-Daumenregel empfiehlt hier ohne Stabilisierung 1/250 Sekunde).

[Update 17.09.12 16 Uhr]: Dies gilt für Aufnahmen aus der Hand von einem ruhigen Standort aus. Bei Serienaufnahmen von einem fahrenden Quad aus (siehe Artikel in der aktuellen c't Digitale Fotografie – das NEX-Objektiv hatten wir dabei nicht getestet) schnitt die Sensor-Shift-Stabilisierung der Alpha 580 immer noch besser ab als die objektivbasierten Stabilisierungen von Canon und Nikon.

Im Vergleich mit unstabilisierten Aufnahmen aus der Hand (links) bewirkt die sensorbasierte Stabilisierung der Sony A580 eine deutliche Verbesserung. Da jedoch vorrangig die schnellen Kamerabewegungen um etwa 10 Hertz weggefiltert werden, wird die Stabilisierung bei längeren Belichtungszeiten zunehmend wirkungslos.

Die objektivbasierte Stabilisierung in Sonys neuem 18-200-mm-Zoomobjektiv, hier an eine NEX-7 montiert, arbeitet noch einmal deutlich besser, wenn auch nicht perfekt. Beachten Sie beim Vergleich mit dem vorigen Diagramm, dass die NEX-7 24 Megapixel, die A580 nur reichliche 16 Megapixel hat. Eine gleich große Verwacklung beeinflusst bei der NEX-7 also mehr Pixel.


(Ralph Altmann) / (keh)